Das Wiedersehen

FRANKREICH Lilian Thuram, Welt- und Europameister mit Frankreich, hat sich bis zu seinem Rücktritt im Herbst dieses Jahres nicht nur auf dem Feld einen Namen gemacht. Der 36-Jährige gilt als einer der großen politischen Köpfe im Profifußball. Das Fußballmagazin So Foot gab ihm im Vorjahr die Gelegenheit, dies anhand eines besonderen Streitgesprächs zu beweisen.
Mario Sonnberger | 17.10.2008

Paris, 6. 10. 2001. Bei einem Freundschaftsspiel Frankreichs gegen Algerien kommt es zum Platzsturm, nachdem bereits die französische Hymne heftig ausgepfiffen wurde. Hunderte Jugendliche schwenken algerische Fahnen. Lilian Thuram nutzt die Gelegenheit, um einem der Burschen vor laufender Kamera noch auf dem Rasen die Meinung zu sagen. Er heißt Mamadou NDiaye, kommt aus einem Vorort von Paris und ist Franzose senegalesischer
Herkunft. Sechs Jahre später lädt So Foot die beiden damaligen Kontrahenten zum Gespräch.
Es sei der Hass auf Frankreich gewesen, der die Zuschauer zum Stürmen des Spielfelds bewegt habe, erklärt NDiaye. Der damals 16-Jährige ließ sich mitreißen. »Ich wollte mich amüsieren. Es war ein Spiel.«


LILIAN THURAM: Warum sagst du, dass es Hass auf Frankreich gibt?
MAMADOU NDIAyE: Rassismus, gesellschaftliche Probleme, Integration. All das spüren wir. Wir leben nicht wie alle Welt. Ich bin kein normaler Franzose. Wenn man mich fragt, bin ich Franzose senegalesischer Herkunft.

THURAM: Wenn du dich nicht selbst als Franzosen betrachtest, wirst du keine Fortschritte machen. Bist du dir darüber im Klaren?
NDIAyE: Aber es gibt nicht allzu viel Fortschritt für uns. Wir leben nicht mehr im Dreck, aber die Dinge sind weit entfernt davon, leicht zu sein.
THURAM: Ich weiß, es ist schwer. Aber das ist kein Grund, Unsinn zu machen. Entweder spielst du die Rolle des Burschen aus der Vorstadt, der nichts respektiert, und gibst den anderen die Schuld. Oder du siehst dich als vollwertigen Franzosen und trägst dazu bei, die Dinge zu ändern. Die anderen werden es nicht für dich erledigen.

    Es ist vor allem die Definition des »richtigen Franzosen«, die das Gespräch dominiert. Die Art zu essen, zu sprechen, die Hautfarbe all das sieht NDiaye als Beweis für sein Anderssein. »Ich habe französische Papiere«, wird er später sagen, »aber ich bin es in Wahrheit nicht.«

THURAM: Aber was lässt dich sagen, dass du Senegalese bist?
NDIAyE: Meine Hautfarbe, zum Beispiel.
THURAM: Mag sein, aber ich bin schwarz und von den Antillen, nicht aus dem Senegal.

    Schließlich gebe es, erklärt Thuram, kein Kriterium dafür, wie ein Franzose zu sein hat. Man ist es, sobald man auf französischem Boden geboren ist. Alles Weitere eigne man sich im Laufe seines Lebens an. »Ich habe zwei Kinder, die Italiener sind, weil sie in Italien geboren wurden. Aber sie sind auch Franzosen. Für mich bist du von dort, wo du aufwächst, und hast die Kultur, mit der du in Kontakt kommst. Du wirst Franzose, sobald du die Papiere hast. Jeder muss seinen Weg finden, es gibt keine Definition, Franzose zu sein.«


RASSISMUS IN FRANKREICH

Als man auf die »Marseillaise« zu sprechen kommt, die sechs Jahre nach dem Spiel Frankreich Algerien in einem Match der Franzosen gegen Marokko ebenfalls ausgepfiffen
wurde, stellt sich Thuram gegen diese Art, Probleme an die Öffentlichkeit zu tragen. So würde in erster Linie der Rassismus der Mehrheitsbevölkerung geweckt.

NDIAyE: Es ist normal, dass sie pfeifen. Die Hymne repräsentiert Frankreich, und sie wollten ein weiteres Mal ihren Unmut zeigen. Aber ich hätte nicht gepfiffen. Ich bin älter geworden und habe nachgedacht. Ich versuche heute, positiv gestimmt zu sein, auch wenn das nicht immer einfach ist.
THURAM: Das ist gut. Es gibt viele Leute, die keine Rassisten sind, aber rassistische Gedanken haben. Die Hymne auszupfeifen könnte diese zum Vorschein bringen, auf die Art: »Kein Respekt nach allem, was Frankreich für euch getan hat!« (lacht)

     Rassismus sei noch immer stark präsent, konstatiert Thuram. »Das Problem ist, dass du schwarz bist. Die Leute fragen sich, warum man noch immer von den französischen Kolonien spricht. Das mündet in ein Identitätsproblem. Heutzutage nennt man das Diskriminierung, ich nenne es Rassismus«, findet er klare Worte.

THURAM: Mamadou ist Franzose, aber er muss stolz auf seine senegalesischen Wurzeln sein. Das ist nicht unvereinbar.

NDIAyE: Ich habe manchmal den Eindruck, mehr Senegalese zu sein als Franzose. Es ist schwierig. Man betrachtet mich hier als Senegalesen, im Senegal als Franzosen.

     Auch seine Familie denke wie er, erzählt NDiaye. Thuram überrascht das nicht. Schließlich stünden eine Menge Leute vor ähnlichen Problemen.

THURAM: Ich habe viele Freunde, die wie du sind. Wenn ich mit ihnen spreche und sie sagen, dass sie aus Zaire sind, dann sage ich: »Du bist Franzose!« Die Gesellschaft übermittelt dir negative Botschaften, und du glaubst sie am Ende. Wer hält dich davon ab, Französisch und Wolof (westafrikanische Sprache, Anm.) zu sprechen?
SO FOOT: Derzeit heißt es vor allem: Frankreich lieb es oder verlass es!
THURAM: Das ist Unsinn. Wenn du dein Land liebst, dann denkst du nach und übst Kritik. Das ist eine Pflicht.

 

LOCKRUF DES GELDES? 

In seinem Kopf, meint NDiaye, könne er niemals Teil eines Landes sein, das seine Eltern hinauswerfen wolle. Fußballer wie Karim Benzema und Hatem Ben Arfa würden hingegen Franzosen bleiben, »weil es einfacher ist, Geld zu verdienen und Karriere zu machen«.

NDIAyE: Wenn sich Benzema für Algerien entschieden hätte, hätte ich ihn gut gefunden, denn es wäre ein Weg gewesen, seinem Land zu helfen. Aber er hat Frankreich wegen des Geldes gewählt. Es wirkt albern, aber Frankreich stiehlt die besten Spieler. Wenn alle Senegalesen für Senegal spielen würden, könnten wir vielleicht die Weltmeisterschaft gewinnen.
THURAM: Ich verstehe dich, aber ich denke, dass du dich in Richtung derer bewegst, die ein beschränktes Bild von Frankreich haben. Die Art »christliches Frankreich«.

    Dass die Spieler sich der sozialen Probleme in Frankreich durchaus bewusst seien, deutet Thuram gegen Ende des Gesprächs noch einmal an, als ihn So Foot nach der Reaktion des Teams bei den Vorfällen des Algerien- bzw. Marokko-Spiels befragt.

THURAM: Am Ende des Spiels waren einige nicht überrascht. Für uns war es ein Auswärtsspiel. Es gab mehr marokkanische Fans als französische. Wir haben das auch gegen die Schotten im Parc des Princes erlebt. Aber dort hatte es andere Konnotationen. (lacht)

 

Referenzen:

Heft: 36
Rubrik: Spielfeld
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