»Dem Fernsehpublikum nicht zumutbar«

cache/images/article_1219_ostrowski_140.jpg Der Film »Making of Futbol« wartet mit einer Verschränkung von Realwelt und Fiktion auf: Michael Ostrowski, bekannt aus »Kotsch«, »Nacktschnecken «und» Contact High«, ist der Medienprofi Mike Ostrowski, Franzobel der Drehbuchautor Franzobel. Nur Rottenmann und der SV Rottenmann bleiben Rottenmann und der SV Rottenmann.
Stefan Oswald | 11.05.2009
Franzobel begibt sich in diesem Fake-Making-of einer geplanten ORF-Dokumentation auf die Suche nach dem wahren Wesen des Fußballs. Für die Umsetzung seines Konzepts engagiert er Mike Ostrowski. Dieser lotst den Drehbuchautor mitsamt seinem Team zum SV Rottenmann, wo er im vorigen Jahrhundert selbst das Leder getreten hat.

Doch alsbald leidet die Stimmung unter dem Treiben des selbst ernannten Regisseurs. Der nützt lieber die Vorteile seiner neuen Stellung, als sich mit dem Konzept des Autors zu
beschäftigen. Dafür quält er das weibliche Kamerateam mit kruden Regieideen und
konsequenter Anmache. Das Projekt steht endgültig vor dem Aus, als unvermittelt der
Winter einsetzt.

Das Wesen des Fußballs

Sehenswert wäre sie sicher, diese Dokumentation, von der in »Making of Futbol« ständig die Rede ist. Überlebt hat aber nur das Making-of, und so sehen wir das komische Scheitern eines Filmprojektes. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Wenn in der Provinz ORF-Team und Regisseur aufeinanderprallen, entlarven sich die jeweiligen Eigeninteressen hinter der vermeintlichen Spurensuche nach dem wahren Wesen des Spiels.

Franzobel, perfekt den saturierten Sportphilosophen verkörpernd, dient der Sport als Ablagefläche für dünkelhafte Phrasen (»Und können wir erhobenen Hauptes das Spielfeld dereinst verlassen«). Regisseur Ostrowski hingegen interessiert am Fußball nur der Bereich, der mit den Begriffen Chauvinismus, Alkohol und Party abgedeckt werden könnte. Insofern verkörpern beide Charaktere durchaus relevante Aspekte der Fußballkultur. Bliebe der Film hier stehen, wäre »Making of Futbol« aber nur ein weiterer Beitrag zum Spaß- und Kabarettfilm heimischer Konfektion. Doch er geht darüber hinaus.

Angesichts der Unvereinbarkeit beider Projektionen in den Fußball und des drohenden Scheiterns der Dreharbeiten raufen sich die Protagonisten zusammen und beginnen sich mit der sehr realen Ebene der Geschichte des Klubs auseinanderzusetzen. In einer letzten großen Anstrengung lichtet das Doku-Team das Derby mit dem Rivalen SC Liezen ab. Unvermittelt befindet es sich im pochenden Herzen des Fußballs: kollektives Mitfiebern,
Leiden, abschließender Triumph und Wahnsinn die ganze Palette der Fußballemotionen
bricht in die Welt der Satire ein.

Unzumutbarer Fußballjournalismus
»Making of Futbol« wirkt schon aufgrund seiner Kürze von 30 Minuten wie ein Fernsehbeitrag. Das kommt nicht von ungefähr. Wie Ostrowski bei der Vorführung des Films im Rahmen der Diagonale 09 erzählte, wurde das Projekt ursprünglich vom ORF als Rahmenbeitrag für die EM 2008 in Auftrag gegeben. Nach der Sichtung des Rohschnitts wurde die Medienfarce aber vom zuständigen Redakteur als »dem Fernsehpublikum nicht zumutbar« eingestuft.

Ostrowski verzichtete daraufhin auf einen bezahlten Platz im ORF-Archiv und suchte nach Möglichkeiten zur Verwertung auf der Leinwand. Vielleicht nur eine gute PR-Geschichte,
aber ein schöner Hinweis auf die zweifellos bestehende Unfähigkeit zur Hinterfragung eigener Positionen im modernen Fußballjournalismus.

Referenzen:

Heft: 42
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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