Dem Sternenrot entgegen

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Ein linker Fanblock macht in der zweiten Wiener Landesliga von sich reden. Den ultraorientierten Anhängern von Red Star Penzing geht es um Leidenschaft und politische Botschaften - und danach haben sie sich auch ihren Verein ausgesucht. 

Moritz Ablinger | 10.12.2014

"Oooh, was seid ihr bürgerlich!", schallt es den Vienna-Fans von den Rängen entgegen. Die Provokation ist nur eine von vielen Ungewöhnlichkeiten an diesem Samstagnachmittag Anfang November. Gut 100 Anhänger haben sich im Nachwuchszentrum der Vienna eingefunden, um der Partie der Reserve der Döblinger gegen Red Star Penzing zu folgen. Es ist die 14. Runde der zweiten Wiener Landesliga, und der Spätherbst zeigt sich von seiner gnadenlosen Seite. Der Wind weht unerbittlich, der graue Himmel erstickt jede Hoffnung auf Sonnenstrahlen. Doch für die Fans der Gäste ist das keine Ausrede: Pyrotechnik vor und nach dem Spiel, Dauersupport über 90 Minuten und eine Choreografie fünf Minuten vor Anpfiff lassen nicht nur die Vienna-Anhänger verwirrt zurück.

Rotgardisten
Für die Stimmung verantwortlich ist die "Guardia Rossa", der im Sommer gegründete, ultraorientierte Fanklub von Red Star Penzing. Gut 20 von ihnen sind zum Spiel gegen die Vienna-Reserve gekommen. "Wir wollen unsere Fußballleidenschaft so zum Ausdruck bringen, wie es in den Profiligen nicht mehr möglich ist", sagt Fanklubmitgründer Thomas Baumann, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Bis jetzt war die Resonanz sehr positiv." Die Spieler und der Trainer würden sich über die Unterstützung freuen, so etwas kennen sie sonst nur aus dem Fernsehen. Vereinsobmann Reinhard Krumpholz sagt: "Wir sind sehr froh, dass es diesen Fanklub gibt. Wir haben jahrelang kaum Anhänger gehabt, das hat sich jetzt geändert."

Doch die Fans definieren sich nicht nur über ihren Support. "Uns eint der politische Hintergrund", sagt Baumann. "Ursprünglich hat uns das Motto ,Getrennt in den Farben, vereint in der Sache' zusammengebracht." Die Mehrheit der Fanklubmitglieder kommt aus dem Umfeld kommunistischer Jugendorganisationen und war davor bei unterschiedlichen Vereinen in der Kurve zu finden. Ihren neuen Klub haben sie ganz bewusst gewählt. "Wir haben das Wiener Unterhaus durchforstet und nach einem Verein gesucht", sagt Thomas Baumann. "Dann haben wir Red Star gefunden, wo vom Namen bis zur Geschichte alles passt." Der Verein kam durch eine Fusion 1998 mit dem SC Penzing zu seinem jetzigen Namen. Gegründet wurde Red Star 1903 in Wien-Ottakring von dort ansässigen Metallarbeitern. "Wir identifizieren uns mit dieser proletarischen Tradition", sagt Baumann. Während des Ersten Weltkriegs musste der Verein seinen Namen in Rot-Stern ändern, Englisch war im kriegführenden Österreich-Ungarn nicht mehr erwünscht. Während der Ersten Republik spielte der Verein unter dem ursprünglichen Namen in der Amateurliga VAFÖ, die fast alle Arbeitervereine Österreichs in sich vereinte. Nach der Machtübernahme der Nazis musste der englische Name abermals weichen.

Pyrotechnik im Karl-Marx-Hof
Schon eineinhalb Stunden vor Spielbeginn trifft sich die "Guardia Rossa" am Bahnhof Heiligenstadt. Nach einem Gruppenfoto beginnt der mit Pyrotechnik untermalte Corteo im nahen Karl-Marx-Hof. "Siamo tutti antifascisti" rufen die Fans auf ihrem Weg zum Nachwuchszentrum der Vienna, sie sind alle Antifaschisten. Immer wieder hupen Autofahrer, Passanten machen am Gehsteig den Weg frei. "Wir gehen mit unseren politischen Botschaften offensiver um als Vienna und Sportklub", sagt Baumann. Der Block im Nachwuchszentrum ist übersät mit linken Symbolen und Bannern. Zur zweiten Halbzeit entrollen die Fans das Spruchband "Rassismus tötet! Antifa in die Offensive!".

Doch die Fans wollen sich auch in die alltägliche Vereinsarbeit einbringen und Red Star neues Leben einhauchen. "Bevor wir das erste Mal zu einem Match gegangen sind, haben wir uns mit dem Vorstand getroffen", erzählt Thorsten Liebermann (Name von der Redaktion geändert), der ebenfalls Gründungsmitglied der "Guardia Rossa" ist. "Wir haben uns vorgestellt und gesagt, dass wir politische Fußballfans sind." Die Fans fühlen sich als Teil der Vereinsfamilie: Den Kabinentrakt haben sie vor Kurzem gemeinsam mit Eltern der Nachwuchsmannschaften ausgemalt, das Eingangstor zieren seit dem Sommer wieder die Vereinsfarben. Als nächster Schritt soll eine Anzeigetafel für den Red-Star-Platz her. Dafür sammelt die "Guardia Rossa" seit September auch Spenden. "Wir wollen etwas Fankultur in den Verein tragen", sagt Liebermann. "Ohne uns wäre das nicht möglich. Von der Stadt Wien kriegt Red Star keinen Cent." Von den Funktionären werden die Aktivitäten des neuen Fanklubs positiv aufgenommen, im Gegenzug drücke der Obmann in Sachen Pyrotechnik hin und wieder ein Auge zu: "Das ist nicht in meinem Sinn, das sagen wir den Fans auch", sagt Krumpholz. "Aber man muss auch verstehen, dass wir nicht in einem Stadion vor 10.000 Leuten spielen."

Highlight der Geschichte
Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Red Star Penzing überwintert zwar in Schlagdistanz zum Tabellenführer SV Albania auf dem dritten Tabellenrang, der Aufstieg hat aber keine Priorität. "Ich habe seit sechs Jahren kein Geld ausgegeben, um einen Spieler zum Verein zu holen", sagt Krumpholz, der dem Verein seit 2003 als Obmann vorsteht. "Wenn wir Meister werden wollen, muss sich die Mannschaft das erarbeiten."

Der 5:3-Sieg bei der Vienna-Reserve ist jedenfalls ein Schritt in diese Richtung. Nach dem Spiel kommt die Gastmannschaft zum Fanblock. Es wird gefeiert, gegenseitig abgeklatscht und mit Bengalen hantiert. Die Spieler bedanken sich für den Support. "Das war sicher das Highlight der Saison - und damit unserer Geschichte", sagt Thomas Baumann. Auch einer der Vienna-Fans kommt nach Abpfiff zum Gästeblock. Er entschuldigt sich, dass die Heimfans nicht stärker auf die Provokationen reagiert haben. Sollte Red Star Penzing aber einmal zwei oder drei Leistungsklassen weiter oben auf die erste Mannschaft der Vienna treffen, werden sich die Döblinger nicht mehr bürgerlich schimpfen lassen. Dann werde man die "Guardia Rossa" ernst nehmen.

Foto: Dieter Brasch

Referenzen:

Heft: 98
Verein: Red Star Penzing
ballesterer # 113

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