Demonstratives Innehalten

cache/images/article_1553_1287193679_140.jpg Am 9. Oktober gingen tausende Ultras in Berlin auf die Straße, um ein Zeichen für den »Erhalt der Fankultur« zu setzen. Der Fanarbeiter Volker Goll hat sich dem bunten Zug angeschlossen. Ein Interview über selbstkritische Ultras, selbstverwaltete Fanzüge und den Unterschied zwischen Kastanien und Pflastersteinen.
Reinhard Krennhuber | 02.11.2010
ballesterer: Wie sieht deine Bilanz der Fandemo in Berlin aus?
Volker Goll: Es war lautstark, bunt und kreativ. Die Ultras haben ihre Kultur vorteilhaft dargestellt, auch wenn die Demonstration teilweise kuriose Züge hatte. Jede Gruppe ist für sich gelaufen, und es wurde penibel darauf geachtet, dass der Abstand zur nächsten eingehalten wird. Dadurch waren aber auch die Banner und Transparente sehr gut zu sehen. Und die Leute haben sich während der Demo angenähert. Es wurden keine Vereinslieder gesungen, jede Gruppe hatte aber ihre Songs und Parolen. Nach und nach haben sie dadurch untereinander kommuniziert. Es gab selbstkritische Reden, wie zum Beispiel von den »Harlekins Berlin«, die gesagt haben, dass die Ultras angetreten sind, um Leidenschaft durch Choreos, Fahnen und Pyro zu vermitteln, und nicht, um sich gegenseitig die Schädel einzuhauen.
Wie ist die Demo zustande gekommen?
Es war eine gemeinsame Aktion von ProFans, BAFF (Bündnis Aktiver Fußballfans, Anm.) und Unsere Kurve. Man muss sich das wie ein Mosaik vorstellen, wobei ProFans wohl eine zentrale Rolle gespielt hat, weil viele von ihnen in den Ultra-Gruppen ein gutes Standing haben. BAFF hat das meines Erachtens nur in den linken Gruppen, die ja teilweise wie im Fall von Babelsberg und St. Pauli nicht oder nur als Einzelpersonen teilgenommen haben. Aber dadurch, dass diese drei unterschiedlichen Dachorganisationen eine gemeinsame Sache gemacht haben, konnten sich viele der Demo nicht entziehen, weil damit ein Zeichen gesetzt wurde.
Wie viele Gruppen haben teilgenommen und welche haben gefehlt?
Wir haben 48 gezählt. Von den bedeutenden Gruppen waren unter anderen Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg und Schalke nicht vertreten. Leverkusen und Mönchengladbach haben im Vorfeld eine Erklärung abgegeben, warum sie nicht dabei sind, und darin sinngemäß gemeint, dass sie es verlogen finden, wenn man sich an einem Tag überfällt und am nächsten gemeinsam auf die Straße geht. Das finde ich nachvollziehbar, und es hat ja auch einen Diskussionsprozess ausgelöst. Am meisten Kopfzerbrechen bereiten mir jene Gruppen, die ohne Begründung zu Hause geblieben sind, weil ja viele da waren, die nicht miteinander können. Aber unter 48 anderen Gruppen nicht über einen Erzrivalen hinwegsehen zu können, das halte ich doch für ziemlich engstirnig. Einige Gruppen aus dem Osten, die sich jahrelang völlig abgeschottet haben, wie Magdeburg, Halle, Dresden oder auch der BFC Dynamo haben sich beteiligt und gezeigt, wie es gehen kann.
Welche positiven Effekte könnten durch die Demo entstehen?
Wenn man die selbstkritischen Reden noch einmal wirken lässt, könnte ich mir vorstellen, dass es so etwas wie ein Innehalten war. Vielleicht hilft es auch dabei, klarer zu machen, dass die Ultras sehr unterschiedlich agieren. Beispielsweise die Rostocker, die sich von anderen Hansa-Fans abschotten und in einen anderen Teil des Stadions ausweichen, und andere wie in Dortmund, die ihr Banner nicht so stark in den Vordergrund stellen und sich darauf beschränken, die Kurve anzuheizen.
Was sind die wichtigsten Fragen, auf die die deutschen Ultras in ihrer Selbstdefinition Antworten finden müssen?
In erster Linie das Verhältnis zur Gewalt wie aktiv sie ausgeübt wird oder ob man sich auf Verteidigung beschränkt. Auch wo die Grenzen liegen, was nach dem Angriff auf das Karlsruher Fanprojekt durch Frankfurter Ultras stark diskutiert wurde. Weitere wichtige Punkte sind der Standpunkt gegenüber dem Verein und die Frage, wie kommunikationsbereit man ist. Aufseiten der Verbände ist im Gegensatz zu früher eine Dialogbereitschaft vorhanden. Viele Ultras verweigern das Gespräch aber. Ich halte das für einen Fehler. Sie könnten mehr erreichen, wenn sie offener und kommunikativer wären.
Die Fanseite hat ja mit der Demo ein erstes Zeichen in diese Richtung gesetzt. Was muss sich aufseiten der Vereine und der Polizei ändern, damit der Dialog ins Rollen kommt?
Das Polizeiverhalten war neben der Pyro-Diskussion der zentrale Kritikpunkt bei der Demo insbesondere diverser Spezialeinheiten wie des USK in Bayern. In diesem Punkt haben wir in Deutschland durch das föderalistische System das Problem der regionalen Ungleichheiten. In Hamburg hast du als Gästefan rund ums Stadion Bewegungsfreiheit, solange nichts passiert. In Gelsenkirchen siehst du bei einem Auswärtsspiel überhaupt keine Schalke-Fans, weil du sofort nach der Ankunft in den Gästeblock gepfercht wirst. Da muss sich auf jeden Fall etwas tun, und hier muss man den Fans mehr Verantwortung überlassen. Ähnlich ist es bei den Zügen: Es gibt so viele Probleme mit Fans, die im normalen Wochenendverkehr unterwegs sind. Wenn aber selbstverwaltete Sonderzüge gemacht werden, gibt es kaum Sachbeschädigungen. Die Polizei ist ein Akteur, der nicht imstande ist, seine Fehler kritisch zu reflektieren. Siehe »Stuttgart 21«, wo ja auch behauptet worden ist, es seien Pflastersteine geflogen, bis sich herausgestellt hat, dass es Kastanien waren. Solche Erlebnisse haben Fans jedes Wochenende.
Stichwort Pyrotechnik: Besteht da in Deutschland ähnlich wie in Österreich die Chance auf einen Kompromiss?
Die Fanszenen haben hier einen Punkt ausgemacht, wo sie eine Chance auf Veränderung sehen. Es lässt sich ja vermitteln, dass Pyrotechnik nicht gleichzusetzen ist mit Leuchtspur auf andere Sektoren oder das Feld, sondern dass es um optischen Support geht. Wenn da jemand eine zündende Idee hat, könnte die Zeit reif sein, darüber zu sprechen. Vor dem Viertligaspiel Lübeck gegen Chemnitz haben sich beide Fanszenen mit den Vereinen und den örtlichen Behörden auf eine Ausnahmeregelung geeinigt, die aber vom DFB auch wegen der Kurzfristigkeit der Anfrage abgelehnt worden ist.
Den unterschiedlichen Angaben zufolge haben zwischen 4.000 und 10.000 Leute an der Berliner Fandemo teilgenommen. Kann man damit zufrieden sein und wird es eine Neuauflage geben?
Unseren Schätzungen zufolge waren es rund 6.000, was ich angesichts der Diskussionen im Vorfeld viel finde. Die Demo im nächsten Jahr zu wiederholen fände ich keine gute Idee, weil sich kein Gewöhnungseffekt einstellen sollte. Die Aktion war nach innen genauso wichtig wie nach außen, weil über Ultras berichtet wurde, obwohl nichts kaputt gegangen ist. In die Tagesschau schafft es auch nicht jede Demo. Das hat gezeigt, dass es viele Leute interessiert, was in den Fankurven los ist.

Zur Person
Volker Goll (48) gehörte 1993 zu den Gründungsmitgliedern des BAFF und ist einer von vier Koordinatoren der deutschen Fanprojekte in Frankfurt. Als Fan der Offenbacher Kickers zeichnete er zwischen 1994 und 2007 federführend für die Herausgabe des legendären Kickers-Fanzines »Erwin« verantwortlich.
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