Seine Popularität hält sich vorläufig noch in Grenzen. Die Mitglieder des Altherren-Geschwaders, das kein Mannschaftstraining auslässt, würden ihn vielleicht erkennen. Die Bar um die Ecke scheinen sie aber zu meiden und so bleibt Pichler anonym. Er bestellt Mineralwasser und nach seiner Freizeitgestaltung befragt, denkt er eine Zeit lang nach, ehe er antwortet: »Internet surfen.« Und: »Die Hobbies haben sich ziemlich eingeschränkt seit ich hier bin«.
Über Hütteldorf und Hollabrunn in die Toskana
Seine Karriere begann Sascha Pichler mit sechs Jahren im Nachwuchs von Rapid, mit 14 wechselte er in die Frank Stronach-Akademie nach Hollabrunn. Beim Titelgewinn der Austria 2002/03 gehörte der 86er-Jahrgang schon zum erweiterten Kader der Kampfmannschaft, Bundesliga-Luft schnupperte er allerdings nur für 15 Minuten. Als nach dem dritten Platz bei der U17-EM in Portugal internationale Vereine auf ihn aufmerksam wurden, knüpfte sein Manager Max Hagmayr auch Kontakte zu Fiorentina, wo Pichler im Herbst 2003 einen Zwei- Jahres-Vertrag unterschrieb.
Nach Österreich zu seiner Mutter kommt er seither nur alle heiligen Zeiten und zu den Teamberufungen. Eine Tatsache, die den meisten Teenagern zu schaffen machen würde. »Am Anfang hab ich Probleme gehabt mit dem Heimweh, meine Mitspieler waren ein bisschen arrogant«, erzählt Pichler. Aber das habe sich jetzt gegeben. Er hat sich eingelebt in Florenz und »schon das Meiste gesehen«. »In einem Museum war ich allerdings noch nie.«
Im Primavera-Team der Viola kam Pichler zunächst nur sporadisch zum Einsatz, sechs Tore in seiner ersten Saison brachten ihm aber einen fixen Startplatz. In der aktuellen Spielzeit etablierte sich der schnelle, technisch versierte Angreifer als Leistungsträger. Privilegiert behandelt wird er deshalb nicht. Pichler wohnt mit einigen seiner Mitspieler unter Aufsicht des Trainerteams. Sein Alltag hat nur wenig Glanz zu bieten: In der Regel wird einmal täglich trainiert, gemeinsam gefrühstückt und zu Mittag gegessen. Leider in einem Restaurant, »in das ich so nicht Essen gehen würde«.
Schulische Weiterbildung steht nicht auf dem Programm, auch keine sprachliche. Italienisch habe er, so Pichler, nach einem Kurs zu Beginn seines Aufenthalts und dem ständigen Kontakt mit seinen Primavera-Kollegen aber im Griff. Angesagt ist die lange Leine: Ausgehen dürfen die Burschen wochentags bis 22.30 Uhr, am Wochenende geht es laut Pichler mangels Kontrolle »schon etwas länger.« Eine eigene Wohnung soll trotzdem so schnell wie möglich her.
Wenig Aufregung in der Akademie
Sascha Pichler telefoniert gern mit seinem Freund und Jungnationalteam-Keeper Robert Olejnik, der in der Juniorenmannschaft von Aston Villa das Tor hütet. Kontakt zu anderen in Italien tätigen österreichischen Kickern hat er praktisch keinen. Als ihm der Friseur der Kampfmannschaft einmal die Haare schnitt, stellte sich heraus, dass dieser auch schon Alexander Manninger den Mittelscheitel gestutzt hatte und ein Freund des Siena- Ersatzkeepers war. Ein Anruf von Manninger folgte, dann riss der Kontakt wieder ab.
Sein früher Schritt ins Ausland wurde in Österreich von vielen mit Skepsis betrachtet. Aussagen wie jener seines ehemaligen Teamtrainers Ernst Weber, wonach er in jeder heimischen Fußballschule besser aufgehoben wäre, kann Pichler wenig abgewinnen. »In der Akademie war es nicht aufregend. Wirklich dazu lernen tut man nur in der Meisterschaft. Und die wird in Italien auf einem ganz anderen Niveau gespielt. Dieses Niveau gibt es in Österreich nicht.« Zudem ist die Wahl eines neuen Vereins auch eine Entscheidung über Perspektiven, die Pichler bei der Austria nicht sah. Persönliches Fazit zur Einkaufstour sponsored by Stronach: »Dass sie soviel Geld ausgeben, ist ein Nachteil für jemand wie mich.«
Blödsinn und die schöne Dress von Inter
Sascha Pichler erlebte am 15. Jänner 2005 seinen bisherigen Karrierehöhepunkt: Als Wechselspieler schien er zum ersten Mal in einem Spielbericht der Serie A auf. Seit Javier Portillo, sein Lieblingsspieler bei Fiorentina, im Jänner zu Real Madrid zurückkehrte, trainiert der Jungspund regelmäßig mit der ersten Mannschaft. Neuerdings unter Dino Zoff. Macht er dabei einen guten Eindruck, dürfte sein bis Saisonende laufender Vertrag verlängert werden.
Was aber, wenn es mit der Verlängerung nicht klappt? Eine Rückkehr nach Wien oder zu einem anderen Bundesligisten steht nicht auf Pichlers persönlicher Roadmap: »Auch ein anderer internationaler Klub hat nach mir gefragt. Nach Österreich möchte ich auf jeden Fall nicht so schnell zurück. Da kann ich mit 30 immer noch hingehen«. Bei der EM 2008 im A-Team dabei zu sein, wäre allerdings »schon ein Ziel. Aber es gibt auch noch andere.« Pichler meint die Konkurrenz und nennt Kollmann, Linz und »vielleicht Wallner«. Seine Chancen bei Fiorentina betrachtet der Jungprofi nüchtern: »Ich muss schauen, dass ich in die Kampfmannschaft komm' und dort meine Leistungen bringe.«
Angesprochen auf die Beziehung zu seinem Arbeitgeber, sagt der 19-Jährige: »Ich bin schon ein kleiner Fiorentina-Fan, aber Inter gefällt mir besser - von den Spielern, aber auch von den Dressen. Inter hat mir immer schon gefallen.« Da ist er also doch, der Bubentraum. Der allerdings nicht in Einklang mit der Realität zu bringen ist. Die heißt: Kadermitglied beim abstiegsgefährdeten Mittelständler. Tipps an andere Jungkicker will Pichler deshalb nicht verteilen: »Ich möchte niemandem etwas raten, ich mach selber noch genug Blödsinn.«






erscheint am 12. Juli 2013.
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