Der Ballverkäufer

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Während seiner 24-jährigen Regentschaft blieb kein Stein auf dem anderen: Fußball wurde zum globalen Geschäft, die FIFA zum Hort der Korruption. Im August ist der ehemalige FIFA-Präsident Joao Havelange gestorben.

Nicole Selmer | 12.09.2016

A ls Joao Havelange am 16. August im Alter von 100 Jahren starb, wurden im Olympiastadion von Rio de Janeiro gerade Leichtathletikbewerbe ausgetragen. Offiziell trägt die 2007 eröffnete Anlage noch den Namen des ehemaligen FIFA-Präsidenten und IOC-Mitglieds aus Brasilien. Während der Spiele in Rio wurde der Zusatz jedoch gestrichen und der Klub Botafogo, der hier seine Ligaspiele austrägt, hat bereits im Februar 2015 darum gebeten, das Stadion nach dem ehemaligen Spieler Nilton Santos benennen zu dürfen. Havelange ist peinlich geworden. Dabei wäre der internationale Fußball ohne ihn nicht, was er ist.

Gegen Europas Dominanz
Havelange – mit vollem Namen Jean-Marie Faustin Goedefroid de Havelange – wurde 1916 in Rio geboren, die Familie war aus Belgien eingewandert. Sein Vater war Geschäftsmann und in Belgien Gründungsmitglied von Standard Lüttich. Auch Joao spielte Fußball – bei Fluminense. Sportlich weitaus erfolgreicher als auf dem Rasen war er jedoch im Wasser. 1936 nahm er als Schwimmer, 1952 als Wasserballer an den Olympischen Spielen teil. Zwischendurch studierte er Jus und tat, was er vielleicht am besten konnte: Geld und Macht anhäufen. Havelange übte Ämter im brasilianischen Schwimmverband und im nationalen Sportbund aus. Er war nicht nur Anwalt, sondern auch Mitinhaber verschiedener Firmen. Und er wollte FIFA-Präsident werden.

Ein altes Haus und ein bisschen Geld in der Kaffeekasse habe er vorgefunden, als er das Amt 1974 tatsächlich übernahm, sagte Havelange später. Der Weltfußballverband hatte damals noch nicht allzu viel mit der heutigen Organisation gemein: Der FIFA gehörten 140 statt wie heute über 200 Verbände an, sie führte alle vier Jahre ein Turnier für 16 Teams durch, der überwiegende Teil davon aus Europa. An der Spitze stand seit 1961 Stanley Rous. Der ehemalige englische Schiedsrichter hatte schon einige Stürme überstanden: Konflikte um den südafrikanischen Verband wegen dessen Apartheidpolitik, den Boykott der Qualifikation zur WM 1966 durch die afrikanischen Teilnehmer und die Forderung, die vier Sitze der britischen Verbände auf einen zu reduzieren. Die Stimmen, die ein Ende der europäischen Dominanz im Weltfußball forderten, waren lauter geworden. „Es geht um Europa gegen den Rest der Welt“, schrieb die Times vor der Wahl während der WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland.

Die neue Ware
Diesen Rest der Welt oder zumindest einen sehr großen Teil davon hatte Havelange im Vorfeld der Wahl bereist. Knapp 80 Länder, vor allem in Afrika und Asien, besuchte er, mit dabei auf seiner Wahlkampftour hatte er viel Geld, Landsmann Pele und wertvolle Versprechen: mehr WM-Startplätze, neue Turnierformate und eine stärkere finanzielle Unterstützung der afrikanischen und asiatischen Verbände, deren Zahl durch das Ende der Kolonialherrschaften beständig zunahm. Havelange verstand es, sich die Globalisierung des Fußballs ebenso zunutze zu machen wie das Wahlrecht des Verbands, das jedem Mitglied eine Stimme gewährt. Er gewann die Wahl. „Die Entwicklungen im Weltfußball sind derzeit nicht allzu erfreulich“, sagte der unterlegene Rous anschließend.

Havelange machte sich zügig daran, die FIFA umzukrempeln: „Ich bin gekommen, um ein Produkt namens Fußball zu verkaufen.” Das zuvor bescheidene Sponsoring wurde massiv ausgeweitet. Statt lokaler und nationaler Partner holte Havelange globale Konzerne ins Boot. 1976 unterzeichnete er einen Vertrag mit Coca-Cola, Details der vielleicht noch wichtigeren Kooperation mit adidas sollen Havelange und Konzernchef Horst Dassler über Jahre hinweg per Handschlag vereinbart haben. Beide Firmen zahlten Millionen, um bei allen FIFA-Events präsent zu sein – und diese Events wurden größer und zahlreicher. 1977 fand die erste U20-WM statt, ein U17-Turnier, die WM der Frauen und der Konföderationen-Pokal folgten. Zur WM 1982 wurde das Teilnehmerfeld auf 24 Teams aufgestockt, 1998 auf 32. Die Zahl der Mitgliedsverbände wuchs, Weltmeisterschaften wurden in die USA und nach Asien vergeben. Havelange hatte sein Vorhaben umgesetzt, den Fußball zu einer globalen Ware zu machen. Aus dem Geld in der Kaffeekasse waren nach seinen Worten 24 Jahre später Besitztümer und Verträge im Wert von vier Milliarden Dollar geworden.

Die Macht des Fußballs
Die Ära Havelange steht jedoch nicht nur für die Kommerzialisierung des Fußballs, sondern auch für die Korruption der Funktionäre. Die von Dassler gegründete Firma ISL vermarktete erstmals 1986 die WM-Übertragungsrechte. Sie zahlte dafür in den folgenden Jahren viel Geld an die FIFA und viel Schmiergeld an hochrangige Funktionäre, darunter auch Havelange und seinen Schwiegersohn Ricardo Teixeira, Präsident des brasilianischen Verbands. 2001 ging die ISL in Konkurs, Korruptionsvorwürfe wurden bereits vorher laut, unter anderem stellte sich der frühere Mitstreiter Pele gegen Havelange und Teixeira. Doch der Präsident regierte seinen Verband mit eiserner Hand, er kandidierte fünfmal ohne Gegenkandidaten, auf eine geheime Wahl wurde verzichtet. Den Mann, der ihm 1998 schließlich folgte, hatte Havelange selbst ausgesucht: Joseph Blatter.

Kurz vor dem Ende seiner Präsidentschaft wurde Havelange vom Time Magazine gefragt, ob er der mächtigste Mann der Welt sei. Zweimal habe er Russlands Präsident Boris Jelzin getroffen, dreimal den Papst, sagte Havelange, das zeige den Respekt ihm gegenüber. „Sie haben ihre Macht und ich habe meine: die Macht des Fußballs. Die größte, die es gibt.“

Seinen Absturz und den des von ihm errichteten Systems hat Joao Havelange noch miterlebt. Im Dezember 2011, kurz bevor Korruptionsvorwürfe gegen ihn gerichtlich festgestellt wurden, legte er seine IOC-Mitgliedschaft nieder. Im April 2013 kam er nach Untersuchungen der FIFA-Ethikkommission der Aberkennung seiner Ehrenpräsidentschaft durch einen Rücktritt zuvor.
  

Foto: Nationaal Archief Fotocollectie Anefo (CC BY-SA 3.0 NL) 

Referenzen:

Heft: 115
Thema: FIFA
ballesterer # 120

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