Der elegante Hardliner

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Galt er in jungen Jahren noch als lebensfroher Playboy, führt Adam Nawalka als polnischer Teamchef ein strenges Regime. Spielerische Leichtigkeit soll durch Einsatz, Pünktlichkeit und Disziplin entstehen.

Radoslaw Zak | 10.05.2016

New York, 1985: In schwindelerregenden Höhen muss Adam Nawalka beim Sägen von Baumästen nicht nur auf Stromleitungen, sondern auch auf einen sicheren Stand auf der Hebebühne achten, um nicht dutzende Meter in die Tiefe zu fallen. Sieben Jahre zuvor hatte er noch für Polen bei der WM in Argentinien gespielt. Gemeinsam mit dem heutigen Verbandschef Zbigniew Boniek galt der damals 21-Jährige als Versprechen für eine erfolgreiche Zukunft. Auf dem Feld hielt der Spieler von Wisla Krakow dem künftigen Weltstar im Mittelfeld den Rücken frei. Boniek sollte vier Jahre später WM-Dritter werden und 1985 mit Juventus den Meistercup gewinnen. Die Nationalteamkarriere von Nawalka war zu diesem Zeitpunkt schon lange beendet, 1980 bestritt er sein letztes Ländermatch und kämpfte wegen zahlreicher Verletzungen um seine Karriere als Fußballprofi.

 

Als es nicht mehr ging, entschloss er sich zur Emigration in die USA. Von Montag bis Freitag sägte er Äste, am Wochenende schnürte er die Schuhe für den Amateurverein Eagle Yonkers. Als seine Hüfte diese Kraftanstrengung verweigerte, machten ihn seine Kollegen zum Trainer. „Diese schwierige Etappe in meinem Leben lehrte mich, Arbeit wertzuschätzen“, sagte Nawalka im polnischen Fernsehen über diese Zeit. Sie sollte ihn prägen.

 

Mannschaftstermin um 13.36 Uhr

1990 kehrte Nawalka in sein ehemals realsozialistisches Heimatland zurück, Anpassungsprobleme an das neue kapitalistische System hatte er keine. In Krakau eröffnete er ein Jeansgeschäft und importierte Autos der Marke Trabant aus der ehemaligen DDR. Die Liebe zum Fußball rostete in all den Jahren nicht, Nawalka machte den Trainerschein. Seine erste Anstellung fand er 1996 beim viertklassigen Swit Krzeszowice. Weder dort noch bei seinen weiteren Stationen in unterklassigen Ligen konnte er nennenswerte Erfolge feiern. Einzig mit Wisla, wo er in den 2000er Jahren dreimal interimistisch einsprang, gelang ihm der Gewinn der Meisterschaft. Bei der EM 2008 assistierte er Teamchef Leo Beenhakker.Danach kam sein Durchbruch. Der oberschlesische GKS Katowice war auf der Suche nach einem Trainer, der die Mannschaft in der zweithöchsten Spielklasse halten könnte und nicht zu teuer war. Um umgerechnet 1.500 Euro im Monat nahm Nawalka die Herausforderung an. „90 Prozent der Fans waren am Anfang gegen ihn“, sagt Piotr Koszecki, Vorsitzender des Fandachverbands „SK 1964“. „Wir haben gedacht, es kommt jemand mit einem großen Namen, aber kein guter Trainer.“

 

Die Fans sollten schnell eines Besseren belehrt werden, mit Nawalka wurde der finanziell strauchelnde Klub professionalisiert. Die Spieler mussten sich an einen Ernährungsplan halten, ein Fitnessraum wurde eingerichtet, die Trainingseinheiten hatte Nawalka schon Wochen zuvor minutiös geplant. „Viele Spieler haben es für einen Scherz gehalten, dass sie sich um 13.36 Uhr versammeln sollten und sieben Minuten später mit den Einheiten begonnen wird“, sagt Koszecki im ballesterer-Gespräch.

 

Äpfel und Birnen

Doch schnell wurde in Kattowitz allen klar, dass Nawalka nicht zu Scherzen aufgelegt war. Er führte die Mannschaft mit eiserner Hand und forderte bedingungslose Disziplin. Lukasz Olkowicz, der seine Biografie „Droga do perfekcji“, Weg zur Perfektion, verfasste, zitiert den heutigen Teamchef mit den Worten: „Ich mag Spieler, die hart arbeiten wollen. Ihr Charakter darf sich nicht offenbaren, indem sie am lautesten klagen. Das zerstört die Mannschaft, und man muss diese Spieler wie faule Äpfel aus dem Korb entfernen, sonst vergiften sie die anderen.“ Die Resultate ließen nicht lange auf sich warten. GKS zeigte sich kampfstärker und spielerisch verbessert, statt auf Konter wurde auf Kurzpassspiel gesetzt. Am Ende der Saison konnte der Klub die Klasse halten, der Trainer war ein gefragter Mann. In der nächsten Winterpause wechselte Nawalka zu Gornik aus dem nicht weit entfernten Zabrze.

 

Und wieder durchlebte seine Mannschaft eine spielerische Evolution, Nawalka führte den Rekordmeister zurück in die Ekstraklasa. Sein strenges Regime und das Credo „Schmerz, Blut und Schweiß“ kam nicht nur auf den Tribünen der Bergarbeiterstadt gut an, sondern auch bei den Schiedsrichtern, schließlich hatten Nawalkas Spieler absolutes Diskussionsverbot mit ihnen. Auch durften sie nach dem Pausenpfiff nicht einfach in die Kabine traben, sondern hatten sich hinter dem Trainer zu versammeln, um geordnet den Weg zum Pausentee anzutreten. Vier Jahre trainierte Nawalka Gornik und formte mit geringen Mitteln eine Truppe, die um die Meisterschaft spielte.

 

Alain Delon von Krakau

Nawalkas pedantische Art verwundert in Polen viele, denn in jungen Jahren ließ sich der Mittelfeldspieler auf den Rhythmus des nächtlichen Krakau ein. Gemeinsam mit seinen Mitspielern war er häufig in Bars anzutreffen. Doch während seine Teamkollegen einmal volltrunken mit einem FIAT 125p in die Marienkirche donnerten, war der wegen seines gepflegten Aussehens und eleganten Kleidungsstils spöttisch mit Alain Delon verglichene Nawalka auf Frauenbekanntschaften aus. Im Buch von Olkowicz erinnert sich Weggefährte Andrzej Iwan: „Wir haben Monate durchgefeiert. Das Gros hat Wodka getrunken, aber Adam hat immer Sekt oder Wein bestellt. Von allen ist er bei Frauen am besten angekommen.“

 

Nach der erfolglosen Qualifikation für die WM 2014 wurde Nawalka von Boniek zum Teamchef bestellt. Seinen Platz in den Annalen des polnischen Fußballs hat er schon vor EM-Beginn sicher. Als erstem Teamchef gelang es ihm, Deutschland zu schlagen – neben dem symbolischen Wert war der 2:0-Sieg im Oktober 2014 ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg nach Frankreich. In der Heimat Alain Delons wird Polen in der Vorrunde erneut auf den Weltmeister treffen. Dann wird auch der Kleidungsstil beider Trainer im Fokus stehen: Wie Joachim Löw trägt Adam Nawalka gerne einen Schal zum Sakko.

Referenzen:

Heft: 112
Thema: EM 2016
Verein: Polen
ballesterer # 120

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