Der erloschene Stern

cache/images/article_1733_img_0460_140.jpg Der Red Star FC 93 ist einer der großen alten Fußballklubs Frankreichs. Doch schon seit Jahrzehnten fristet er ein trauriges Dasein in einem baufälligen Stadion vor den Toren von Paris. Eine Reise in die Vorstadt.
Christoph Heshmatpour | 14.11.2011
Patrice Haddad hat Pläne. Im Jahr 2015, sagt der Präsident des Red Star FC 93, soll der Klub aus dem Pariser Vorort Saint-Ouen wieder in die Ligue 2, die zweithöchste französische Spielklasse, aufsteigen. Haddad sieht nicht aus, wie man sich einen Präsidenten eines Fußballklubs allgemein vorstellt. Mit Lederjacke, Sonnenbrille und ungebändigten schwarzen Locken, die er öfters mit einer modischen Mütze bedeckt, strahlt er eher die Aura eines Filmstars aus. Haddad spricht gerne von der langfristigen Perspektive seines Projekts, davon, dass es eine Frage von langer Aufbauarbeit sein werde, den Red Star FC wieder im französischen Profifußball zu etablieren. Eines Tages soll der Klub, der vor vielen Jahrzehnten fünfmal die Coupe de France gewonnen hat, vielleicht sogar das Stade de France zu seiner Heimstätte machen. Immerhin liegt das mit einer Kapazität von 80.000 Plätzen größte Stadion des Landes, Finalstätte der WM 1998 und Heimat der französischen Nationalmannschaft, im gleichen Bezirk wie Saint-Ouen, in Seine-Saint-Denis im Norden von Paris.

Glorreiche Vergangenheit
Die Gegenwart sieht anders aus. Red Star trägt seine Heimspiele im baufälligen Stade de Paris aus, das zwischen schmucklosen Wohnbauten und Billigsupermärkten vor sich hinmodert. Haddad hat seine salbungsvollen Worte vom langfristigen Aufbau nach einer Niederlagenserie zum Start der heurigen Meisterschaft bereits wieder vergessen. Der erst im Sommer verpflichtete Trainer Athos Bandini wurde schon im Oktober entlassen. Red Star grundelt im Tabellenkeller der dritten Liga herum, der angepeilte Aufstieg in vier Jahren scheint in weiter Ferne, wahrscheinlicher ist der baldige Abstieg in die regionale Amateurliga CFA. Wieder einmal.


Im »Olympic«, dem Beisl der Red-Star-Fans gegenüber dem Stadion, rührt Franck in seinem Kaffee. An der Wand hängen die vergilbenden Mannschaftsbilder von Red-Star-Teams vergangener Jahrzehnte. Franck trägt eine Baseballmütze und eine blauen Trainingsjacke. Red Star hat gerade gegen den Tabellenletzten Bayonne 1:2 verloren, Franck tippt auf seinem Handy herum und verkündet, dass alle anderen Abstiegskandidaten heute gewonnen haben. Lange Gesichter an der Bar, die meisten trinken den Anislikör Pastis oder mischen ihren Wodka mit Orangina, der französischen Fanta-Variante, die damit wirbt, dass das Getränk außer Zuckerwasser auch echtes Fruchtfleisch enthalte.


Angesichts ewiger Erfolglosigkeit erinnern sich die Getreuen im »Olympic« gerne an bessere Zeiten, als der Verein noch eine große Nummer im französischen Fußball war. »Red Star ist einer der großen alten französischen Fußballklubs«, das ist ein Satz, der hier oft fällt, mit erhobenem Zeigefinger und dem Zusatz, dass der Klub doch eigentlich in die erste Liga gehöre. Zuversichtlich blicken die Anhänger, die zu einem guten Teil alt, aber nicht so alt sind, dass sie die sportlichen Erfolge des Klubs noch miterlebt hätten, in die glor­reiche Vergangenheit.

Paris ist weit weg
Gegründet 1897 in einem Pariser Café, ist Red Star einer der ältesten französischen Fußballklubs. Zu den Gründungsmitgliedern und bestimmenden Persönlichkeiten der frühen Jahre gehörte Jules Rimet, der spätere FIFA-Präsident und einer der Erfinder der Weltmeisterschaft. Obwohl der Vereinsname Red Star der Überlieferung nach nichts über die politische Gesinnung der Gründer aussagt, sondern auf die Reederei Red Star Line zurückgehen soll, gilt der Verein als der Fußballklub der Pariser Linken. Heute ist die kommunistische Bürgermeisterin von Saint-Ouen, Jacqueline Rouillon-Dambreville, ein oft gesehener Gast im Stadion.

 

In den ersten Jahrzehnten war Red Star einer der erfolgreichsten Klubs des Landes, die Glanzzeit ist heute aber schon lange vorüber. Seriensiege im französischen Cup datieren aus den 1920er Jahren. Nach einem nicht offiziellen Meistertitel in der besetzten Zone 1941 war der Klub nach dem Zweiten Weltkrieg als Gründungsmitglied der Ligue 1 lange Zeit ein Pendler zwischen der ersten und der zweiten Liga, ehe er Ende der 1970er und noch einmal Anfang der 2000er Jahre in den Konkurs schlitterte. In die sportliche Bedeutungslosigkeit relegiert, musste sich der Klub zweimal wieder hocharbeiten. Weiter als in die dritte Liga hat es Red Star aber seit 1999 nicht mehr geschafft.


Dass der Red Star FC in der dritten Liga an eine gläserne Decke stößt, ist sinnbildlich für das ganze Departement Seine-Saint-Denis, das vor allem für seine hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosenrate, trostlose Betonburgen und Jugendbanden bekannt ist. Wie ein Großteil der ansässigen Bevölkerung wurde auch Red Star aus Paris hierher vertrieben, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die alte Spielstätte am Champ de Mars im bürgerlichen 7. Arrondissement zum Spekulationsobjekt und Baugrund wurde. Kaum jemand lebt in Seine-Saint-Denis, weil er es hier so schön findet. Die Menschen leben hier, weil sie sich Paris nicht leisten können. Und obwohl man von der Haupttribüne des Stadions einen Blick auf das nur zwei Kilometer entfernte Sacre Coeur am Gipfel des Montmartre hat, ist die schillernde Weltmetropole Paris hier ziemlich weit weg.


Steve Marlet hat einen Traum
Einer, der es von hier raus in die große Welt geschafft hat, ist Steve Marlet. Er hat seine Karriere Anfang der 1990er Jahre als Teenager bei Red Star begonnen, sein herausragendes Talent führte den jungen Stürmer über Auxerre und Lyon in die englische Premier League zu Fulham und zu 23 Spielen in der französischen Nationalmannschaft. Steve Marlet gilt als der größte Spieler in der modernen Geschichte von Red Star. Nach weniger erfolgreichen Gastspielen in Marseille, beim VfL Wolfsburg und in Lorient landete der mittlerweile 37-Jährige im vergangenen Sommer wieder in Saint-Ouen. »Meine Karriere hier zu beenden, das war vorherbestimmt«, sagt er. Mittlerweile hat Marlet auch seine Trainerausbildung begonnen und meint: »Mein Traum ist es, einmal den Red Star FC in der ersten Liga zu coachen.«


Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Auffällig ist, dass sich im politisch und wirtschaftlich so mächtigen Großraum Paris seit Jahrzehnten nur Paris Saint-Germain in der Ligue 1 halten kann. Gleichzeitig dümpeln neben Red Star auch der Paris FC und der US Creteil aus der südlichen Banlieue im sportlichen Niemandsland herum. »Unsere Stärke«, sagt Marlet, »sind die Jungen. Diese Gegend hat großes Potenzial.« Die Burschen aus Saint-Ouen, wie der Red Star FC am Rande von Paris in Vergessenheit geraten, sollen den Klub wieder zu neuem Ruhm führen.

Referenzen:

Heft: 67
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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