Der Fanfaktor

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„Mehr Verantwortung bei der Polizei“ – das war der Slogan einer Kampagne zur Kennzeichnungspflicht in Deutschland. Alexander Bosch von Amnesty International spricht über das Erfolgsrezept der Kampagne.

Jakob Rosenberg | 15.03.2017

Als internationale Menschenrechtsorganisation könne man gewisse Anliegen einfach leichter anbringen, sagt Alexander Bosch. „Wir sind gewissermaßen ein Türöffner.“ Von Juli 2010 bis Jänner 2012 führte Amnesty International Deutschland die Kampagne „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ durch, in der es unter anderem um die Kennzeichnungspflicht ging. Mittlerweile ist das Ziel in einigen Bundesländern vollständig erreicht, in anderen teilweise.

 

ballesterer: Wie haben Sie die Kampagne durchgeführt?

Alexander Bosch: Wir haben Gespräche mit politischen Parteien gesucht und viel Medienarbeit gemacht, waren mit Informationsmaterial präsent und haben Unterstützungserklärungen gesammelt. Zwei Faktoren haben das Thema noch mehr in die Öffentlichkeit gebracht. Das eine war der sogenannte Schwarze Donnerstag im September 2010 bei den Protesten um den Bahnhofsneubau in Stuttgart. Ein älterer Demonstrant ist von einem Wasserwerfer getroffen und eine Schülerdemo brutal geräumt worden. Das hat gezeigt, dass jeder von polizeilichem Fehlverhalten getroffen werden kann.

 

Was war der zweite Faktor?

Fußballfans. Wir hatten diese Gruppe zuerst nicht auf dem Schirm, aber gerade Ultragruppen haben uns stark unterstützt – durch Banner, Spruchbänder, Artikel in Fanzines. Besonders aktiv waren die Ultras der Spielvereinigung Greuther Fürth. Sie haben eine Podiumsdiskussion mit Lokalpolitikern und der Zivilgesellschaft organisiert, später noch eine Demonstration und sind schließlich sogar in den Innenausschuss nach München eingeladen worden.

 

Wie hat die Zusammenarbeit genau ausgesehen?

Die Fans haben uns kontaktiert, wir haben ihnen Infomaterial geschickt. Dann hat es eine Anfrage der „Coloniacs“ aus Köln gegeben, ob wir die Kampagne bei ihnen vorstellen könnten. Dort haben auch Mitarbeiter von Fanprojekten zugehört, die haben mich dann ebenfalls eingeladen – so hat das seine Runden gemacht.

 

Hat es vereinsübergreifende Aktionen gegeben?

Die Vernetzung hat wohl vor allem bei befreundeten Fangruppen gut funktioniert. In München haben aber auch die „Schickeria“ von den Bayern und die „Löwenfans gegen rechts“ von 1860 gemeinsam eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Bei der Demo in Fürth haben auch Nürnberger teilgenommen, die haben vorher angefragt, ob das okay wäre – die pflegen ja sonst eine recht heftige Rivalität.

 

In Berlin und Brandenburg gibt es jetzt eine Kennzeichnungspflicht für alle Einheiten, in den übrigen Bundesländern ist das sehr unterschiedlich.

Das ist ein langfristiger Prozess. Man muss am Ball bleiben, aber ich glaube, dass sich die Kennzeichnungspflicht überall durchsetzen wird. Die Erfahrungen zeigen ja, dass sämtliche Befürchtungen der Gegner – wie steigende Anzeigen gegen Polizisten und die Verfolgung einzelner Beamter – nicht eingetreten sind.

 

Alexander Bosch (33) ist Experte für Polizei und Menschenrechte bei Amnesty International in Deutschland. Er arbeitete ehrenamtlich an der Kampagne „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ mit. Von 2012 bis 2015 leitete er das Fanprojekt Babelsberg .

 

Foto: Christian Ditsch, Amnesty International


Referenzen:

Heft: 120
ballesterer # 120

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