Der Filmgott und der Fußballgott

cache/images/article_1393_hk256_140.jpg Für seinen preisgekrönten Dokumentarfilm »Kick off« hat Regisseur Hüseyin Tabak das österreichische Homeless Street Soccer Team zur ­Weltmeisterschaft in Australien begleitet. Im Gespräch mit dem ballesterer erzählt der 28-jährige Deutsch-Kurde von hitzigen Spielen und Helden des Alltags.
Mario Sonnberger | 03.05.2010
Jedes Jahr bekommen acht Fußballer im Rahmen des Homeless World Cup die Gelegenheit zu einem Neuanfang. Im Herbst 2008 nahm Hüseyin Tabak das anstehende Turnier in Melbourne zum Anlass, seine Fußballleidenschaft in einen Dokumentarfilm umzumünzen. Herausgekommen ist »Kick off«, ein Porträt des österreichischen Nationalteams, das bei der  diesjährigen Diagonale mit dem Preis der Jugendjury und dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Neben den Einzelschicksalen der Protagonisten steht im Film der Fußball im Mittelpunkt, der für die Spieler ein Kampf um einen Neustart ist. Tabak kommt ohne Voyeurismus aus. Stattdessen stand er mit der Mannschaft auf dem Platz und sprang für Ex-Teamspieler und Coach Gilbert Prilasnig als Motivator ein, als es für »seine Jungs« in Melbourne um den Aufstieg ging.


ballesterer: Bist zu zufrieden mit der Resonanz auf den Film?
HÜSEYIN TABAK: Total. Wenn man im Schneideraum sitzt, ist man für sich allein. Erst wenn die Leute aus dem Kino kommen, siehst du auf deren Gesichtern, was der Film erreicht hat. Ich freue mich auch, dass »Kick off« mein erster Film ist, weil ich vom Fußball komme. Man spricht immer vom Fußballgott. Es gibt aber auch einen Filmgott, und bei diesem Film haben sich die beiden ­getroffen.


Das war also eine Herzensangelegenheit.
Ich habe ja selber Street Soccer gespielt. Dann einen Film über Street Soccer mit sozialem Hintergrund zu machen und diese Jungs zu haben, die sich mir auch öffnen konnten, ist nicht selbstverständlich. Alles hat zusammengepasst, und wenn die Kamera aus war, habe ich mit ihnen gekickt.


Hat dir deine Fußballvergangenheit dabei geholfen?

Die Beziehung zu den Protagonisten war viel einfacher. Ich habe immer im Trainingsanzug gedreht, und wir sind bei Turnieren auch zusammen auf dem Platz gestanden. Wenn du mit denen im Käfig gegen andere spielst, schreist du sie auch an oder lobst sie. Du willst gewinnen. Das schweißt zusammen. Sie öffnen sich leichter, was auch der Dramaturgie geholfen hat.


Wird durch den Fußball alles andere weniger kompliziert?

Durch den Fußball wird alles aufgelockert. Stell dir vor, wir hätten die Geschichten der Leute 90 Minuten lang durchgezogen. Es ist ja jetzt schon an dem Punkt angekommen, wo es echt arg wird.


Werden dadurch Hemmungen schneller abgebaut?

Orhan (einer der Protagonisten, Anm.) sagt es ganz gut: Es ist cool ist, dass alle dieselbe Vergangenheit haben. Alle waren einmal drogenabhängig oder im Gefängnis. Deswegen sind da überhaupt keine Hemmungen gewesen. Beim Homeless World Cup hat man sich nach dem Spiel immer die Hände gereicht.


Beim Turnier hat es offenbar kaum Rangeleien gegeben, obwohl es um viel gegangen ist. War das wirklich so, oder wolltest du es nicht zeigen?

Das war wirklich so. Die Tschechen sind dafür ein gutes Beispiel. Wir haben die Tschechen immer angefeuert und umgekehrt. Nur die Portugiesen waren von Anfang an arrogant. Als unsere Jungs dann gegen sie gespielt haben, war es auch ziemlich hitzig.


Wie war der Kontakt zu den anderen Teams sonst?

Super. Die Jungs haben jetzt sehr viele Freunde. Dieser Homeless World Cup bedeutet den Spielern wirklich sehr viel. Die wissen, das ist einmalig. Australien hat das auch sehr gut organisiert. Die Spiele haben direkt vor dem Hauptbahnhof stattgefunden. Daran konnten die Menschen nicht vorbei, und die Teams haben dadurch vor 15.000 Menschen gespielt.


Was habt ihr von Australien mitbekommen?

Unsere Jungs haben dreimal am Tag gespielt, und auch das Filmteam hat keinen halben Tag Pause gemacht. Deshalb konnten wir das Land leider nicht genießen. Nach unserer Rückkehr ist diese unterdrückte körperliche Last ausgebrochen, und jeder von uns ist krank geworden.


Hat man in der Fußballwelt Notiz vom Homeless World Cup genommen?

Ich habe gehört, dass in der Zeitung von unserem Sieg beim Eröffnungsspiel berichtet wurde. Und beim Länderspiel Österreich Türkei hat sich die Mannschaft im Praterstadion präsentieren können, wo 30.000 Zuschauer applaudiert haben.


Ist der ÖFB von selbst auf euch zuge­kommen?

Nein, der Auftritt war von Anfang an in meinem Konzept. Wir haben alles darangesetzt, das zu verwirklichen. Als ich die Jungs auf dem Feld gesehen habe, war ich echt gerührt. Da kriegst du eine Gänsehaut.


Wie geht es mit dem Homeless Street Soccer weiter?

Man versucht jetzt, eine Homeless-Liga zu gründen. Das ist natürlich an Kosten gebunden. Es ist schade, dass wir nicht weiter unterstützt werden. Der Staat spart sich damit ja eigentlich Geld, wenn man sieht, wie viele Spieler heute arbeiten und nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt herumlaufen. Dabei kommt Homeless Street Soccer aus Österreich, das ist in Graz 2003 im Rahmen der Kulturhauptstadt entstanden.


Welche überraschenden Momente gab es bei dem Projekt?

Bei einem Dokumentarfilm weiß man nie, was passiert. Aber der Filmgott hat uns das großartige Eröffnungsspiel geschenkt. Als Filmemacher kämpft man um diese Augenblicke. Ein türkischer Dichter hat einmal gesagt: »Wenn du meine beschissensten Gedichte weglässt, bin ich ein sehr guter Dichter.« Und das ist auch beim Film so, man sieht nur das Beste. (lacht)


Welche Stellung hat Trainer Gilbert Prilasnig im Team?

Es ist schwierig für ihn, die emotionale Nähe aufzubauen, weil er jedes Jahr acht neue Spieler kriegt. Und es geht ja nicht bei allen gut. Aber er benützt natürlich seinen Namen und seine Kontakte, zum Beispiel für die Trainingslager. Und wenn er aus dem Nähkästchen erzählt, wie das damals war in Manchester oder Madrid, ist das schon cool.


Wo siehst du die Stärken deines Films?

Die Leute gehen am Ende mit einem Lächeln hinaus. Da werden echt arge Geschichten erzählt, aber der Film kriegt die Kurve. Der World Cup ist für die Jungs der Anfang vom neuen Leben. Was sie daraus machen, liegt in ihrer Hand. Wir zeigen, was ihnen das Turnier gegeben hat. Nicht mehr und nicht weniger.


Soll der Film auch Vorurteile widerlegen, gerade in Bezug auf Migranten?

Wenn du vor 15 Jahren mit den Jungs gesprochen hättest, hätten ein paar Vorurteile vielleicht sogar gestimmt. Aber sie haben nicht gewusst, was richtig oder falsch ist. Als Jugendlicher habe ich auch viel Scheiße­ gemacht, das hat jeder. Aber es ist ein Unterschied, ob ich meinen Schulkollegen Panini-Pickerl fladere oder einer Oma die Handtasche. Das kommt sehr aufs Umfeld an, auf die Familie und natürlich auch auf dich selbst. Heute sind das aber echt saubere Jungs. Es gibt eine Szene, die nicht im Film ist. Im Stadion haben ein paar Fans unsere Jungs mit Feuerzeugen beschmissen und »Ausländer raus!« gerufen. Aber die Jungs haben das locker genommen und einfach auf ihr Nationaltrikot gedeutet. Deswegen ist auch der Begriff »Migranten« unpassend, die sind in Wien geboren. An der Sprache, ihrem Wissen und Verhalten sieht man, dass sie Österreicher sind. Und ich bin stolz darauf, dass es ein österreichischer Film ist. Das sind Geschichten vom Querschnitt der österreichischen Gesellschaft.


Wie geht es dem Team heute?

Den Jungs geht es sehr gut. Keiner von ihnen ist rückfällig geworden oder obdachlos. Ich fände es schön, wenn möglichst viele Menschen im Film sehen, dass es viele Menschen gibt, die unten waren, aber auch wieder hochkommen. Das sind Helden des Alltags. Wenn du durch die U-Bahn gehst und Obdachlose siehst, weißt du eigentlich nicht, wie die aussehen. Und wir geben diesen Menschen jetzt ein Gesicht, das ist unsere Mission als Filmemacher.


Was kann der Film erreichen?
Sportbezogene Filme sind in Europa immer sehr schwierig. Die Amerikaner lieben diese Stimmung. Du hast Action und am Schluss dieses Final Game, wo es um alles geht. In Europa ist das selten so. Aber ich kann mir vorstellen, dass er in anderen Ländern auch funktioniert. In Deutschland hätten wir aber wahrscheinlich ein Problem mit der Sprache. (lacht)

Referenzen:

Heft: 52
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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