»Fußball bestimmt die Identität Brasiliens«

cache/images/article_2175_curi_baustelle_140.jpg Ein Land von der Größe eines Kontinents und dessen 120-jährige Fußballtradition in ein Buch zu packen, ist eine schwierige Aufgabe. Martin Curi hat sie mit »Brasilien. Land des Fußballs« auf sehr persönliche Weise gelöst.
Reinhard Krennhuber | 17.10.2013

Martin Curi ist ein Fußballverrückter. Vor elf Jahren von Deutschland nach Rio de Janeiro ausgewandert, verbringt der Anthropologe seine Zeit am liebsten in Stadien und auf Fußballplätzen zwischen Porto Alegre und Manaus. Seine Erlebnisse dokumentiert er auf seinem Blog »Im Land des Fußball« und jetzt auch als Buch.


Curi will seinen Lesern ein Fußballland näherbringen, das anderen Parametern folgt als Europa. Dazu hat er in zwei Jahren rund 30.000 Kilometer zurückgelegt, alle WM-Spielorte bereist und dutzende Interviews geführt. Seine Geschichten handeln von der Ausschlachtung des Sports und der Liebe und Leidenschaft seiner Akteure. Von Indios und Amateuren, Superstars und Fußballliteraten.


Curi schreibt sehr persönlich, die Ich-Perspektive und seine detailverliebten Beschreibungen werden manche verstören. Bei all dem vermittelt er aber Basiswissen über Brasilien, das jeder Fußballfan, der das Land irgendwann bereisen möchte, aufsaugen sollte.

ballesterer: Welche Idee verfolgen Sie mit Ihrem Buch?
Martin Curi: Brasilien bezeichnet sich selbst als das Land des Fußballs. Damit meinen die Brasilianer meist, dass sie den besten Fußball der Welt spielen. Ich möchte zeigen, dass Brasilien diese Zuschreibung verdient, weil über den Fußball wichtige Themen diskutiert werden. Es wird sogar Politik damit gemacht. Das haben zuletzt die Massenproteste beim Confed-Cup gezeigt. Der Fußball ist bestimmend für die Identität Brasiliens. Ich nutze ihn, um dem deutschsprachigen Leser das Land vorzustellen.
Welche Facetten haben Sie als Anthropologe besonders spannend gefunden?
Mir haben die Recherchereisen zu den Kapiteln über die Spielerausbildung und den indigenen Fußball am besten gefallen. Das Thema Spielerausbildung dient mir im Buch zur Beschreibung der Fußballökonomie Brasiliens. Vor unseren Augen spielen sich irrsinnige Dinge ab, aber niemand will das wirklich sehen. Auch für die Indios interessiert sich niemand so richtig. Sie sind nicht nur geografisch und sozial am Rand der Gesellschaft, sondern spielen auch in den Medien keine Rolle.
Inwiefern wirken die Ereignisse des Confed-Cup nach, und welche Themen werden in Brasilien im Moment diskutiert?
Es gibt weiterhin Demos, auch wenn sie viel kleiner geworden sind und regionale Themen im Mittelpunkt stehen. In Rio werden die Privatisierung des Maracana und die hohen Kosten des Papstbesuchs kritisiert. Was den Fußball betrifft, reden die Menschen wieder von der Meisterschaft. Dass Vereine wie Coritiba, Cruzeiro, Bahia und Vitoria oben mitmischen und Sao Paulo und Atletico Mineiro unten drinstecken, ist schon sehr überraschend.
Das brasilianische Team wurde nach dem Confed-Cup überschwänglich gefeiert. Ist die Mannschaft reif für den WM-Titel?
Brasilien ist bei jeder WM einer der Favoriten. Es wird nicht einfach, sie in der Hitze von Fortaleza oder im tropischen Klima von Manaus zu besiegen, noch dazu vor den eigenen Fans. Fakt ist aber auch, dass die aktuelle Nationalmannschaft eine der schwächsten der letzten Jahrzehnte ist. Wäre die WM nicht in Brasilien, würde ich Deutschland, Spanien, Italien und Argentinien stärker einschätzen.


Buchtipp:
Martin Curi: »Brasilien. Land des Fußballs«
(Die Werkstatt, 2013)

Referenzen:

Heft: 84
Thema: Brasilien
ballesterer # 121

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