Grundzustand Frotzelei

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Manfred Breuckmann kommentierte die Europacuperfolge von Schalke 04 und Borussia Dortmund 1997 im Radio. Im Interview spricht er über Ruhrgebietsbesoffenheit, Schwenkfahnen im Mailänder Dom und seine Abkehr vom modernen Fußball.

Jan Mohnhaupt | 11.04.2017

Obwohl er aus seiner Sympathie für den FC Schalke 04 nie einen Hehl gemacht hat, hat Manfred Breuckmann stets darauf geachtet, sich nicht anzubiedern. Das führte dazu, dass der Radiojournalist bis heute als Stimme des Ruhrgebiets gilt. Die Endspiele der beiden Klubs der Region hat er 1997 aus nächster Nähe miterlebt.

 

ballesterer: Sie haben später gesagt, dass 1997 das größte Jahr Ihrer Radiokarriere war.

Manfred Breuckmann: Stimmt. Ich hatte am 7. Mai, dem Tag des Finalhinspiels der Schalker gegen Inter, mein 25-jähriges Jubiläum am Mikrofon. Und dann gewinnen Schalke und Dortmund auch noch innerhalb von acht Tagen die wichtigsten europäischen Titel. Als verhältnismäßig junger Mensch, der ich mit 46 Jahren damals war, ist mir sofort klar gewesen, dass ich so etwas nicht noch einmal erleben würde.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an diese Zeit denken?

Da gibt es zwei Momente. Zum einen wie die Schalke-Fans im San Siro beim Abschlusstraining den verhassten früheren Vereinspräsidenten Günter Eichberg entdeckt haben und ihm plötzlich an den Kragen wollten. Am Spieltag habe ich dann noch erlebt, wie sich einige Schalker Edelfans – mit viel Kohle, aber wenig Manieren – in einem piekfeinen Mailänder Restaurant nicht zu schade waren, plötzlich aufzuspringen und zu singen: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid!“

Was haben Sie gemacht?

Ich habe mich so geschämt, dass ich demonstrativ sitzen geblieben bin.

Sie waren aber doch auch für Schalke.

Ich war sogar noch vor dem Spiel im Mailänder Dom und habe dort eine Kerze angezündet. Das habe ich bei Auswärtsspielen immer gemacht. Mit dabei war auch Schalkes Mannschaftsbetreuer und Vereinsmaskottchen Charly Neumann. Der ist dann aus der Kirche geschmissen worden, weil er dort eine riesengroße Schalke-Fahne geschwenkt hat.

Haben Sie vor den Endspielen damit gerechnet, dass sie so erfolgreich für beide Revierklubs ausgehen würden?

Nein, Juventus und Inter sind damals ja als haushohe Favoriten gehandelt worden. Trotz des 1:0-Siegs der Schalker im Hinspiel habe ich vor dem Rückspiel die Chancen bei 50:50 gesehen. Erst im Laufe des Spiels habe ich gespürt, dass das etwas werden könnte.

Der BVB war damals eine europäische Spitzenmannschaft. Aber was war das Schalker Erfolgsgeheimnis?

Ihr Teamgeist – so einen gibt es heute wahrscheinlich gar nicht mehr. Das hat auch über die Mannschaft hinaus gewirkt. Ich sehe immer noch die Frauen der Spieler vor mir, die im Spielertunnel das „Eurofighter“-Lied singen.

Und bei Borussia Dortmund?

Beim BVB habe ich mich sehr gewundert, dass sie im Finale so dominant gespielt haben.

Kurz vor der Einwechslung von Lars Ricken haben Sie aber dessen Treffer zum 3:1 hervorgesagt.

Da habe ich einfach eine große Schnauze und viel Glück gehabt. Trotzdem bin ich sehr stolz, dass es dann auch tatsächlich so eingetreten ist.

Die Begeisterung hat damals vereinsübergreifend das gesamte Revier erfasst. Durch die Stadien sind „Ruhrpott!“-Rufe gehallt.

Diese Ruhrgebietsbesoffenheit ist mir auch aufgefallen. Das war auch verständlich, das Ruhrgebiet hat ja nicht so viele Erfolge erlebt, obwohl es als Herzkammer des Fußballs gilt. Diese wenigen Monate der Freundschaft sind aber schnell wieder vorübergegangen. Es waren falsche Gefühle, denn diese Verbrüderung ist im Fußball nicht vorgesehen. Der Grundzustand im Ruhrgebiet ist gegenseitige Frotzelei.

Damals haben die Bergarbeiter um ihre Arbeitsplätze gefürchtet. Haben die Erfolge von Schalke und Dortmund das Selbstvertrauen der Menschen gestärkt?

Für das fußballerische Selbstwertgefühl ist das gut gewesen, aber ansonsten war es nicht mehr als ein Placebo. Wenn es den Leuten dreckig geht, ist es eine ganz schlechte Idee, das mit dem Sport überdecken zu wollen. Der Fußball kann nur vorübergehend ablenken, hilft jedoch wenig. Die Menschen im Ruhrpott zeichnet aber ohnehin aus, mit Rückschlägen umgehen zu können und sich wieder aufzurappeln. Dazu brauchen sie den Fußball gar nicht.

Wie stehen Sie heute zum Fußball?

Die extreme Kommerzialisierung hat dazu geführt, dass ich mich innerlich ein bisschen vom Fußball entfernt habe. Dass sich etwa Schalke an einen Konzern wie Gazprom herangeschmissen hat, stört mich massiv. Aber wenn man die Entwicklung des modernen Fußballs kritisiert, wird man schnell als seniler Romantiker verspottet, der die neue Zeit nicht verstanden hat.

Manfred Breuckmann (65) kommentierte 1972 sein erstes Fußballspiel im Radio und war bis 2008 beim Westdeutschen Rundfunk tätig. Er lebt als Buchautor und selbstständiger Moderator in Düsseldorf.

Referenzen:

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