Der Hooliganprozess

cache/images/article_1627_unbenannt-_140.jpg Ein junger Tiroler wird sieben Jahre nach einem Platzsturm zu einem Schadenersatz von 120.000 Euro verurteilt. Er soll einen Polizisten schwer verletzt haben, doch Zeugen gibt es keine. Mittlerweile ist das existenzbedrohende Urteil Geschichte. Die zweite Instanz hat schwere Mängel in der Prozessführung festgestellt.
Clemens Schotola | 17.05.2011
»Stuchlik, wir kommen.« Die Stimmung am Innsbrucker Tivoli war am 22. Juli 2003 nicht nur aufgrund der sommerlichen Temperaturen aufgeheizt. Die Fans des FC Wacker Innsbruck machten ihrem Unmut über die Niederlage gegen den SV Kapfenberg und über Schiedsrichter Fritz Stuchlik nicht nur verbal Luft. Nach dem Spiel übersprangen sie die Tribünenbegrenzung.
Auch der damals 19-jährige Daniel A. stand nach Abpfiff heftig schimpfend am Spielfeldrand. Revierinspektor P. forderte Daniel auf umzukehren. Als der Innsbruck-Fan nicht reagierte, sprach P. eine Festnahme aus, gemeinsam mit Revierinspektor K. führte er Daniel ab. Eine überzogene Maßnahme, denn laut Security-Chef Gerry Falger hatte sein Ordnerdienst das Geschehen zu diesem Zeitpunkt im Griff.

Freispruch im Strafverfahren
Sieben Jahre später fand sich der vermeintlich geringfügige Vorfall prominent in den Medien wieder. »Hooligan bringt Gewalt gegen Polizisten um die Existenz«, titelte die Tiroler Tageszeitung mit unverhohlener Freude, um ein »Ende der Schonzeit« für Hooligans auszurufen. In einem Zivilverfahren wurde Daniel A. zu einem Schmerzensgeld von 93.513,89 Euro sowie dem Ersatz der Prozesskosten von fast 30.000 Euro verurteilt. K. gab an, er sei durch den heftigen Widerstand von Daniel A. über eine Werbebande gestürzt und habe sich einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Strafrechtlich wurde Daniel A. allerdings vom Vorwurf der schweren Körperverletzung freigesprochen und nur wegen versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt zu einer Geldstrafe von 120 Euro verurteilt. Denn schon im Strafprozess konnte außer P. niemand den Sturz bestätigen.
Selbst Kollegen des Polizisten erinnerten sich bei ihrer Aussage nicht an »auffällige Aggressionshandlungen« des Beschuldigten. Dazu wäre der schmächtige 19-Jährige auch kaum in der Lage gewesen, wurde er doch mit vorgebeugtem Oberkörper im Festhaltegriff aus dem Stadion geführt. P. war Ausbildner des Mobilen Einsatzkommandos eine Polizistin wird im Prozessprotokoll mit folgenden Worten zitiert: »Wenn P. jemanden im Haltegriff hat, kann sich diese Person nicht mehr wehren.« Auch die Überwachungskameras konnten den Vorfall nicht klären, da die beiden aufgenommenen Bilder von Zeuge P. selbst gelöscht wurden. Begründung: Es sei darauf nichts zu sehen, da die Bilder nur die beiden Beamten mit dem festgenommen Daniel A. zeigten. Einziges Indiz eines Sturzes: Beim zweiten Bild soll die Werbebande etwas verschoben sein.

2,7 Sekunden Unklarheit
Das Urteil aus dem Zivilprozess fiel mittlerweile beim Oberlandesgericht Innsbruck mit Bomben und Granaten durch. Das OLG ortete etliche Widersprüche von Klägerseite und Mängel in der Beweisaufnahme. Von der Verteidigung bisher vergebens geforderte Gutachten müssen nun nachgeholt werden. Ein Lokalaugenschein samt Bewegungsstudien soll jetzt Klarheit bringen Klarheit, ob ein Stürzen samt Wiederaufstehen mit einem sich »heftig wehrenden« Fan innerhalb der Zeitspanne der Aufnahmeintervalle von 2,7 Sekunden überhaupt möglich ist.
»Man kann eine klare Tendenz in diesem Fall feststellen. Bei Entlastungszeugen wurden massive Widersprüche vom Gericht festgestellt, während die Widersprüche auf Klagsseite beschönigt wurden«, sagt Daniel A.s Anwalt Mathias Kapferer über die Prozessführung in erster Instanz. Mittlerweile musste K. seine erste Aussage aus dem Strafverfahren wesentlich abschwächen und konnte sich zuletzt nicht einmal mehr erinnern, ob er überhaupt gestürzt oder nur auf die Bande gefallen sei.
ballesterer # 98

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