Der kleine Kassierer im Superstarmarkt

cache/images/article_2241_arbeitsmarkt_140.jpg Steigende Arbeitslosigkeit, große Konkurrenz, mangelnde soziale Absicherung - im Arbeitsmarkt für Fußballer steckt der Wurm drin. Mancher Zweitligaprofi verdient nicht mehr als der Kassierer hinter der Supermarktkassa.

Manuel Hartl ist ein klassischer Zweitligakicker - zumindest, was seine bisherige Karriere angeht. Der 28-jährige Linzer hat vor knapp zehn Jahren seinen ersten Profivertrag bei Pasching unterschrieben. Es folgten die Stationen Schwanenstadt, Wiener Neustadt, FC Lustenau, wieder Pasching, Blau-Weiß Linz und SV Horn. "Im ersten Jahr bei Pasching habe ich als Jungprofi 500 Euro verdient. Das war für mich damals mörderisch viel Geld, weil ich damit mein Lehrlingsgehalt verdoppeln konnte", erzählt der Mittelfeldspieler. "Danach waren es zwischen 1.000 und 1.500 Euro plus Punkteprämien. Reich bin ich nicht geworden, eher im Gegenteil."


Über sein aktuelles Gehalt bei Horn möchte Manuel Hartl nicht reden. Der Jungvater, der sich im Herbst neunmal in die Torschützenliste eintragen konnte, sagt nur, dass er sich adäquat bezahlt fühle. Bei seinen vorherigen Klubs war das nicht immer der Fall. "Bei Blau-Weiß Linz bin ich mit einem Minimum abgespeist worden und habe noch 30 Euro Wäschegeld bezahlt."

Erste Liga oder Billa?
Manuel Hartl ist kein Einzelfall. Reich werden im österreichischen Fußball nur wenige, vor allem nicht in der Ersten Liga. Das Durchschnittsgehalt in der zweithöchsten Spielklasse beziffert Hartl mit rund 1.500 Euro plus Prämien, Spieler mit Bundesliga-Erfahrung und Legionäre könnten trotz sinkender Gehälter deutlich mehr verdienen. Gernot Zirngast, Vorsitzender der Spielergewerkschaft VdF, stimmt dieser Einschätzung zu. Auf VdF-Initiative wurde 2008 der Kollektivvertrag für Fußballer eingeführt, der Profis monatlich mindestens 1.100 Euro brutto garantiert. Doch lohnt es sich dafür, die schweren Mühlen des Nachwuchsbetriebs zu durchlaufen? "Man könnte natürlich sagen, dass es gescheiter wäre, beim Billa als Kassier zu arbeiten. Der Mindestlohn für ungelernte Arbeitskräfte liegt im Handel bei 1.500 Euro brutto", sagt Sepp Zuckerstätter, Lohnexperte der Arbeiterkammer Wien. "Allerdings reden wir von einem Superstarmarkt. Niemand spielt wegen 2.000 Euro Profifußball, sondern in der Hoffnung, einmal ein Vielfaches zu verdienen. Das ist der Anreiz bei solchen Märkten."


Eine Klasse darüber, in der Bundesliga, bieten sich bessere Verdienstmöglichkeiten. "Die Schere ist hier enorm auseinandergegangen", sagt Zirngast, früher selbst Bundesliga-Kicker. Auf der einen Seite stehen die Stars von Red Bull, die auf eine Jahresgage im hohen sechsstelligen Bereich kommen, gefolgt von den Schlüsselspielern der Großvereine Austria, Rapid und Sturm. Auf der anderen Seite findet sich der große Rest. Den Anteil der Kicker, die im Monat über 10.000 Euro verdienen, schätzt Zirngast auf 30 Prozent. "Der Verdienst in der Bundesliga ist zufriedenstellend, aber auch hier gilt: Mit wenigen Ausnahmen haben die Fußballer nach ihrem Karriereende nicht ausgesorgt."

Nachholbedarf bei der Vorsorge
Hier kommen Vorsorgemodelle ins Spiel, bei denen die Fußballer während ihrer aktiven Zeit einzahlen, um danach über ein Polster zu verfügen. Der Unternehmensberater Ernst & Young hat im Vorjahr die Steuer- und Karrieremöglichkeiten von Fußballprofis in ganz Europa untersucht und dabei festgestellt, dass fast alle westeuropäischen Staaten eine Form von Pensionsvorsorge eingeführt haben - mit Ausnahme von Österreich. Während etwa in Belgien, Dänemark und Irland Kicker, angesichts immer kürzer werdender Karrieren, Monat für Monat Teile ihres Gehalts in Fonds einzahlen, die sie nach Karriereende teilweise steuerbegünstigt ausbezahlt bekommen, müssen die Fußballer in Österreich selber schauen, wo sie bleiben. "Wir reden seit mehr als 15 Jahren darüber", sagt Gewerkschafter Zirngast. "Es war jedoch politisch nicht umzusetzen, weil man keine Abfindung für Millionäre machen wollte." Vergangenes Jahr kam Bewegung in die Sache. Der neue Sportminister Gerald Klug zeigte Interesse an der VdF-Idee einer Sonderform der Abfertigung Neu.

 

Die "Erarbeitung von Vorsorgemodellen und geeigneter rechtlicher Rahmenbedingungen hinsichtlich Berufs- und Karrieremodellen im Sport" steht auch im neuen Regierungsprogramm. Aus dem Sportministerium heißt es: "Wir prüfen, welche Modelle unter den derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen umsetzbar sind." Unabhängig davon stellt sich jedoch die Frage, wie viel ein Zweitligafußballer überhaupt entbehren kann, ohne in eine leere Geldbörse blicken zu müssen. "Für mich war es nicht möglich, pro Monat ein paar Hunderter auf die Seite zu legen", sagt Manuel Hartl. "Ich war finanziell teilweise schon ziemlich am Ende."

 

Niemand spielt AMS
Neben überschaubaren Verdienstmöglichkeiten wird für immer mehr Fußballer Arbeitslosigkeit ein Thema. 115 vertragslose Profis zählte die VdF im Sommer 2013 - ein Anstieg um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Angesichts von 564 bei den 20 Bundesliga-Klubs gemeldeten Spielern ergibt das eine Arbeitslosenrate von knapp 17 Prozent. Zirngast findet diese Zahlen umso alarmierender, weil es sich um kein ganz neues Phänomen handelt. Gab es im Juni 2004 lediglich 46 beim AMS gemeldete Spieler, hatte sich ihre Zahl fünf Jahre später mehr als verdoppelt. Seither bewegen sich die Werte im dreistelligen Bereich - ohne dass das Problembewusstsein auf Arbeitgeberseite gestiegen wäre, moniert der Spielergewerkschafter: "Wenn ein Ligavorstand sagt, er könne nicht AMS auch noch spielen, zeigt das den Stellenwert, der diesem Thema entgegengebracht wird."

Die Aussage von Georg Pangl stammt aus dem Juli des Vorjahres. Zutreffend war sie auch damals nur bedingt, denn dem kürzlich abgetretenen Ligavorstand hätte klar sein müssen, dass das Arbeitsmarktservice im Profifußball nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar haben auch Kicker Anspruch auf Arbeitslosengeld, die Vermittlung von Jobs funktioniert im Regelfall aber über andere Wege. "Aus datenschutzrechtlichen Gründen dürfen wir bei einer Anfrage durch einen Verein nicht sagen, dass der Herr Müller bei uns gemeldet ist. Wir können das Interesse nur an die Spieler weiterleiten", sagt AMS-Sprecherin Beate Sprenger. Die Spielergewerkschaft regt an, hier für mehr Praxisnähe zu sorgen, und will das AMS auch für ein anderes Projekt ins Boot holen. Ähnlich wie in Deutschland soll es künftig auch in Österreich im Sommer ein zweimonatiges Trainingslager für arbeitslose Fußballer geben. Die deutsche Spielergewerkschaft VDV kann dabei auf Vermittlungsquoten von bis zu 80 Prozent der Teilnehmer verweisen. Um es schon heuer auch hierzulande zu realisieren, braucht die VdF aber die Unterstützung der Liga und der Politik.

Akademisches Freud und Leid
Die Gründe für die gestiegene Arbeitslosigkeit liegen für Zirngast nicht zuletzt in den Strukturen. Hochgerüstete Nachwuchsakademien - zwölf sind es landesweit, wobei einige von den Landesverbänden betrieben werden - produzieren deutlich mehr Spieler als noch vor zehn Jahren. Der Rest des Fußballbetriebs blieb weitgehend unverändert, und auch die Zahl österreichischer Fußballer, die ins Ausland wechseln, stagniert. Der Weg zum vielzitierten Ausbildungsland ist nur zum Teil absolviert, die Räder greifen nicht mehr ineinander. Quotenregelungen wie jene aus der Ersten Liga, die vier Spieler unter 22 Jahren auf dem Spielbericht vorschreibt, sind umstritten. Zwar kommen einige der jährlich rund 120 Akademieabgänger dadurch leichter im Profigeschäft unter, nach Auslaufen der ersten Verträge folgt aber oft das böse Erwachen.  Zirngast sagt: "Es kann nicht sein, dass man so viel Geld in die Akademien steckt und Fußballer produziert, die nach wenigen Jahren wieder aus dem Sozialtopf unterstützt werden müssen."

Der Spielergewerkschafter regt eine Reduktion der Akademien an und sagt: "Es ist verantwortungslos, dass die Landesverbände Kicker ausbilden, ohne ihnen eine ausreichende Perspektive zu bieten. Bei einem Klub wie Rapid und Austria genießt ein Talent eine ganz andere Förderung, weil die Vereine das Ziel haben, den Spieler in ihre Kampfmannschaft einzubauen." Davon angesprochen dürfen sich besonders die Akademien in Klagenfurt und Linz fühlen, wo in der Stadt keine Bundesliga-Vereine vorhanden sind.

Doch es gibt auch Landesverbandsakademien, die gut funktionieren. Wie jene in Innsbruck, bei der Helmut Lorenz seit fünf Jahren die sportliche Leitung innehat. Der ehemalige Profi sieht keine Alternative zum jetzigen Modell und verweist darauf, dass seinen Abgängern mit dem FC Wacker Innsbruck, dessen Amateurteam und der WSG Wattens drei konkrete Perspektiven für eine Profikarriere geboten werden. Im vergangenen halben Jahr haben mit Alexander Gründler, Kevin Nitzlnader und Alexander Pirkl drei seiner Schüler einen Profivertrag bei Wacker unterschrieben, sagt Lorenz. In der Akademie, die auf schulischer Ebene mit einem Oberstufenrealgymnasium und einer Handelsschule kooperiert, seien die Jugendlichen sozial und sportlich gut aufgehoben. Die Erfolgsquote sei höher als beispielsweise im Skiverband. "Da gibt es mehrere Jahrgänge, in denen es keiner in den ÖSV-Kader geschafft hat."

Stockinger und der Flutlichtmast
Mit den Themen Ausbildung, Weiterbildung und Berufseinstieg beschäftigt sich auch Wolfgang Stockinger. Der Oberösterreicher, früher selbst Fußballer bei der SV Ried, ist Leiter der Laufbahnberatung beim Verein "KADA - Sport mit Perspektive". Die 2006 ins Leben gerufene Initiative arbeitet an einer Optimierung der Schul- und Berufsausbildung im Hochleistungssport. Aktiven und ehemaligen Sportlern werden Laufbahn- und Studienberatung sowie Berufscoaching angeboten. Aktuell nehmen 76 Fußballer, vier Fußballerinnen und fünf Trainer das kostenlose Service in Anspruch, Tendenz steigend.

Hinsichtlich der schulischen und universitären Ausbildung von Fußballern seien in den vergangenen Jahren zahlreiche Verbesserung erzielt worden, sagt Stockinger: "Die Akademien öffnen sich der dualen Karriere und stellen den Spielern vermehrt pädagogische Begleitung zur Seite. Immer mehr Fußballer studieren." Trotzdem sei noch viel zu tun. So könne es im Akademiebetrieb passieren, dass ein Spieler mit 18 Jahren seine fußballerische Ausbildung abschließt, aber erst ein Jahr später die Matura machen kann. "Gelingt der Einstieg in den Profifußball, droht ein Abbruch der Ausbildung", sagt Stockinger.

Die Lehre als Alternative zur Schule sei im österreichischen Nachwuchsleistungssport noch ein blinder Fleck, so Stockinger. "Wir haben in diesem Bereich schon Teilerfolge gehabt. Es funktioniert aber nur, wenn der Spieler es auch wirklich will", sagt der Tiroler Akademieleiter Lorenz. "Wenn er einen Arbeitsplatz findet, wo er gegen 16 Uhr gehen darf, kann es sogar leichter vereinbar sein als mit der Schule." Kooperationen mit Betrieben gebe es aktuell aber nicht, sagt Lorenz. Hier neue Ansätze zu schaffen, ist auch für Zirngast zentral. "Eine Geschichte wie die von Skispringer Thomas Diethart, der aus der Schule aussteigt und eine Lehre abschließt, ist im Fußball derzeit fast nicht möglich", sagt der VdF-Vorsitzende, der großen Aufholbedarf bei Vereinen und Liga sieht. "Vielleicht wäre es besser, wenn ein Ligasponsor wie Adeg weniger zahlt und dafür 50 Spielern eine Lehrstelle anbietet."

Wolfgang Stockinger von KADA ist offen für solche Ideen, warnt aber vor Pro-forma-Maßnahmen: "Es bringt nichts, wenn Schüler und Lehrlinge ein Zeugnis in der Hand halten, aber in Wahrheit wenig gelernt haben." Ein entscheidender Punkt sei die ganzheitliche Umsetzung von Modellen. "In den bestehenden Kooperationen sind Sport und Bildung noch zu oft Parallelwelten. Beide Seiten müssen sich bewusst sein, dass es nicht reicht, die Stundenpläne miteinander abzusprechen." Generell gelte das Augenmerk im Spitzensport noch zu stark dem kurzzeitigen Erfolg, meint Stockinger: "Das Bewusstsein, die Fußballer auf das ganze Leben vorzubereiten, muss weiter steigen. Und sie selbst sind gefordert, über den Flutlichtmasten hinauszuschauen."

Referenzen:

Heft: 89
Rubrik: Spielfeld
Thema: Bundesliga
ballesterer # 117

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