Der König vom Park

cache/images/article_1530_p1020162_140.jpg Roberto Rivellino war einer der ganz Großen des an Heroen nicht gerade armen brasilianischen Fußballs. Heute betreibt er eine Fußballschule in Sao Paulo. Zum 100. Geburtstag seines Ex-Klubs Corinthians erinnert er sich an elastische Tricks, den WM-Titel von 1970 und Strafen für betende Torhüter.
Robert Florencio | 17.09.2010
ballesterer: Wie hat deine Karriere ­begonnen?
Roberto Rivellino: Meine Großeltern waren Einwanderer aus Norditalien und haben sich in Sao Paulo im Viertel Liberdade, einem klassischen Einwandererbezirk, niedergelassen. Dort bin ich schon als kleiner Bub allem, was als Ball dienen konnte, hinterhergejagt. So habe ich meine technische Schulung erhalten, noch bevor ich mit 16 zu meinem ersten Verein gekommen bin zu Palmeiras, dem Klub der italienischen Immigranten. Dort ist es aber nicht so richtig gelaufen, der Trainer hat nichts von einem dahergelaufenen Straßenkicker wie mir gehalten. Im nächsten Jahr bin ich dann schon zum großen Rivalen, den Corinthians, gewechselt.
Dort bist du zum großen Star geworden. Blickst du gern auf diese Zeit zurück?
Ja, ich habe dort zehn schöne Jahre als Profi verbracht, in 471 Spielen sind mir als Mittelfeldspieler immerhin 141 Tore gelungen. Die Fans haben mich richtig verehrt und mir den Ehrentitel »Reizinho do Parque« (Kleiner König vom Park gemeint ist der Parque Sao Jorge, die Heimstätte der Corinthians, Anm.) gegeben. Das einzige Manko ist, dass es eine lange titellose Zeit für die Schwarz-Weißen gewesen ist.

Deine Karriere bei den Corinthians ist mit einem bitteren Beigeschmack zu Ende gegangen.
In meinem letzten Jahr dort, das war 1974, hatten wir die große Chance, nach 20 Jahren endlich wieder die Bundeslandmeisterschaft von Sao Paulo zu gewinnen. Im Finale ist es ausgerechnet gegen meinen ersten Klub Palmeiras gegangen. Nach dem Unentschieden im Hinspiel hätte uns ein 1:0 zu Hause gereicht, aber leider waren wir der nervlichen Anspannung nicht gewachsen. Wir haben alle weit unter unserer normalen Form gespielt und verdient 0:1 verloren. Die Presse hat mich als Alleinschuldigen hingestellt als wäre Fußball ein Einzelsport. Viele Fans sind leider derselben Meinung gewesen, daher habe ich beschlossen, meine Zelte in Sao Paulo abzubrechen und nach Rio zum FC Fluminense zu gehen. Dort haben wir in fünf Jahren zweimal die Bundeslandmeisterschaft von Rio gewonnen und sind zweimal ins Semifinale der brasilianischen Meisterschaft gekommen. Wie es das Schicksal so will, hat sich 1976 mein Pech von 1974 wiederholt. Wir haben die entscheidende Partie um den Finaleinzug ausgerechnet wieder gegen meinen Ex-Klub, diesmal die Corinthians, verloren.

Dein kuriosestes Tor ist dir bei den Corinthians gelungen. Wie ist das abgelaufen?
Die zweite Hälfte war gerade angepfiffen, und ich habe gewusst, dass der gegnerische Tormann immer bei Beginn einer Halbzeit die Hände zum Gebet faltet und dabei die Augen schließt. Ich habe gemerkt, dass er etwas spät damit angefangen hat, habe mir den Ball geholt und ihn aufs Tor gelupft. Er hat sich knapp links vom Keeper, der überhaupt nicht reagiert hat, hineingesenkt. Er hatte die Augen noch immer geschlossen.

Mit deinen langen, flatternden Haaren und dem großen Schnauzer hast du im Brasilien der frühen 1970er Jahre rebellisch gewirkt. Der damals herrschenden Militärregierung unter General Geisel hat ein solches Aussehen bei »Normalbürgern« mitunter für willkürliche Verhaftungen auf offener Straße gereicht.
Dazu kann ich nur eines sagen: Politik hat mich nie interessiert. Mein Aussehen hat sich nach meinen Wünschen und der damaligen Mode gerichtet, sonst kann man da nichts hineininterpretieren. Politisch aktive Fußballer gab es dann mit der sogenannten »Democracia Corinthiana« in der Ära von Dr. Socrates und seinen Kollegen. Das war aber erst gegen Ende meiner Karriere.

Kommen wir zu deiner ersten WM zurück. 1970 war die brasilianische Mannschaft ein großes Kollektiv mit herausragenden Einzelspielern. In Mexiko bist du zu deinem nächsten Spitznamen gekommen.
Ja, ich wurde »Patada Atomica« (Atomschütze) genannt, weil ich gleich im ersten Spiel gegen die Tschechoslowakei einen scharf geschossenen Freistoß, wie immer mit links, aus 35 Metern unhaltbar in die Maschen gesetzt habe. Wir waren eine wirklich verschworene Truppe, unser Coach Mario Zagallo hat uns sehr klug auf die Gegner eingestellt. Absolutes Highlight war natürlich das Finale, das wir mit großartiger Unterstützung des mexikanischen Publikums 4:1 gewonnen haben. Hochverdient, auch wenn die Italiener vielleicht vom Semifinale noch etwas müde waren.

Bei den folgenden Weltmeisterschaften ist es dann aber nicht mehr ganz so gut gelaufen.
Ja, leider, wobei ich aber der Meinung bin, dass wir 1978 eigentlich statt der Argentinier im Finale hätten stehen müssen. 1974 hätten sich die Holländer, dieses »Clockwork Orange«, wie man damals gesagt hat, am ehesten den Titel verdient. Es war eine fantastische Truppe um Cruyff und Neeskens, ähnlich gut eingespielt wie wir vier Jahre zuvor, nur mit etwas weniger Spielglück. Obwohl natürlich auch die Deutschen eine sehr starke Mannschaft hatten. Wir haben dagegen nicht überzeugen können, weil wir mannschaftlich einfach nicht mehr so geschlossen waren.

Abgesehen von den Erfolgen mit diversen Teams bist du auch als De-facto-Erfinder des Übersteigers in die Fußballgeschichte eingegangen.
Ja, den sogenannten »Elastico« habe ich von meinem Freund Sergio Oshiro aus meinem Viertel Liberdade, der dann später auch bei Corinthians gespielt hat. Ich habe den Trick schon in frühester Jugend übernommen und dann weiter perfektioniert. Andere Spieler wie Ronaldinho, Cristiano Ronaldo und Robinho haben ihre jeweiligen Versionen davon am Feld gezeigt.

Schlusspunkt deiner Karriere war dann ein Engagement in Saudi-Arabien, wo du der erste brasilianische Spieler warst. Wie ist es dazu gekommen?
Das war 1978, ich wollte eigentlich meine Karriere beenden und hatte auch allerlei Wehwehchen, als plötzlich bei einem Spiel in Rio der saudische Prinz, der auch Präsident des Fußballverbands war, aufgetaucht ist. Er wollte mich für den Vorzeigeverein Al-Hilal engagieren. Damals hat das Interesse der Saudis am Profifußball eigentlich erst begonnen. Ich bin sehr gut aufgenommen worden und habe dort drei schöne Jahre mit meiner Familie verbracht. Der Kontakt ist nie abgerissen, erst vor ein paar Jahren bin ich zur Eröffnung des neuen König-Fahd-Stadions in Riad eingeladen worden.

Heute führst du mit dem Rivellino Sport Center im Stadtteil Brooklin eine eher kleine Fußballschule. Reicht das, wenn man einmal ein ganz Großer im Geschäft war?
Mich hat der Trainerjob eigentlich nie gereizt. Die hohe Stressbelastung, die Kontroversen mit Presse, Gegnern und Fans das war nie mein Ding. Außerdem wollte ich endlich einmal die Wochenenden meiner Familie widmen. Ich war 15 Jahre als Ko-Kommentator bei diversen TV-Sendern tätig. Jetzt genieße ich es, hier mit den Jugendlichen und Kindern zu arbeiten.  


Zur Person:
Roberto Rivellino wurde am 1. Jänner 1946 in einem Vorort von Sao Paulo geboren und war unter anderem für Palmeiras, Corinthians und Fluminense aktiv. Der kleine Meisterdribbler nahm an drei Weltmeisterschaften teil, 1970 holte er mit Pelé, Carlos Alberto und Co. den Titel. Rivellino war für seine scharfen Freistöße gefürchtet. Leidtragende dieser Fertigkeit waren bei der WM 1974 die Spieler der DDR, die er mit einem Freistoß durch ein Loch in der Mauer überrumpelte.

Referenzen:

Heft: 55
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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