Der Mann mit Eigenschaften

cache/images/article_2086_jamie_140.jpg Jamie Carragher spielt seit seinem neunten Lebensjahr für den Liverpool FC. Wenn er am 19. Mai gegen die Queens Park Rangers das rote Shirt mit der Nummer 23 das letzte Mal überstreift, steht der Anfield Road ein besonderer Nachmittag bevor. Eine Annäherung an einen Helden alter Schule.
Robert Hummer | 16.05.2013

Steven Gerrard nennt ihn den »Kapitän ohne Schleife«. Eine außergewöhnliche Aussage, stammt sie doch vom Liverpool-Kapitän höchstpersönlich. Doch James Lee Duncan Carragher hat sich diesen Status hart erarbeitet. Der Verteidiger bestritt mehr als 700 Pflichtspiele für Liverpool und blieb dem Klub während seiner gesamten Profikarriere treu. Vereinsintern liegt er damit hinter Ian Callaghan an zweiter Stelle - noch vor Ray Clemence, Emlyn Hughes und Ian Rush. In der Premier League haben nur Ryan Giggs und Paul Scholes mehr Partien für einen Klub bestritten. Carragher darf sich Champions-League-Sieger und UEFACup- Sieger nennen und hat mehrfach den FA- und den Ligacup gewonnen. Einzig ein Meistertitel fehlt in der Vita des 38-fachen englischen Teamspielers.

Auf dem Platz repräsentierte Carragher stets die Eigenschaften, die man mit einem Verteidiger der Extraklasse assoziiert: bedingungsloser Einsatz, gepaart mit beeindruckendem Kopfball- und Stellungsspiel, Führungsqualitäten und taktischem Feingefühl. Als der 35-Jährige im Februar bekanntgab, mit Saisonende abzutreten, fiel die Begründung so schnörkellos aus wie sein Spiel. »Ich gebe diese Erklärung deshalb jetzt ab, weil ich es dem Trainer und dem Klub ersparen will, Fragen hinsichtlich meiner Zukunft beantworten zu müssen, obwohl ich mich schon längst entschieden habe«, sagte Carragher. »Für mich war es ein Privileg und eine Ehre, diesen großen Klub für so lange Zeit zu repräsentieren. Es gibt unzählige Erinnerungen, die es zu erzählen gäbe, und Leute, bei denen ich mich gern bedanken würde, aber jetzt ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür.« Ende der Durchsage. Kein unnötiges Tamtam.

In Erinnerung bleiben wird »Carra« als geradliniger Charakterkopf, ausgestattet mit einer guten Portion Liverpooler Eigentümlichkeit und einem Akzent, den schon im benachbarten Manchester nur die wenigsten verstehen. In einer Phase, in der im englischen Fußball durch die Etablierung der Premier League in vielerlei Hinsicht kaum ein Stein auf dem anderen blieb, war ein Typ wie er Beweis dafür, dass die neuen Realitäten nicht zwangsläufig alles Alte verdrängen. Auch als millionenschwerer Profi hat in ihm das Herz des Fans nie aufgehört zu schlagen, der in seiner Kindheit kaum ein Heimspiel des Stadtrivalen Everton versäumte. Nicht zuletzt sein anhaltendes Engagement für die Opfer der Stadionkatastrophe von Hillsborough ist Ausdruck dieser Nähe zur Tribüne.

Das Richtige im Falschen
Für jene Liverpool-Fans, die mit der Glitzerwelt der Premier League nicht nur Positives verbinden, verkörpert Carragher das, was der Philosoph Theodor Adorno einst mit dem »richtigen Leben im falschen« überschrieben hat. Der Kop hat dafür mit »We all dream of a team of Carraghers« und nicht ganz ohne Augenzwinkern eine gesangliche Fanutopie entworfen. Der zur Melodie von »Yellow Submarine« gesungene Chant wurde an der Anfield Road nicht zufällig in jener Phase populär, als es so aussah, als ob Steven Gerrard, ebenfalls Eigenbauspieler und Publikumsliebling, in Richtung Chelsea abwandern würde. Carragher selbst unterschrieb parallel dazu ohne viel Mucken einen neuen Vertrag, wurde im Gegensatz zu Gerrard allerdings auch nicht mit unmoralischen Angeboten geködert.

Über die Tugenden des 1,86-Meter-Verteidigers wurde viel geschrieben. Die wohl schönsten Worte fand jemand, der unter den Fans der »Reds« den Status eines Säulenheiligen genießt. »An den Menschen Liverpools schätze ich vor allem diese spezielle Art von Hingabe, Professionalität und Stolz. Deshalb ist diese Stadt zu meiner Wahlheimat geworden, als ich aus Schottland hierhergekommen bin«, sagte Kenny Dalglish, der als Spieler und Trainer nicht weniger als acht englische Titel mit Liverpool gewann. »Wie kein anderer verkörpert »Carra« diese Eigenschaften.«

In keinem Match waren diese mehr wert als im Champions-League-Finale 2005 gegen den AC Milan, als die »Reds« binnen sechs Minuten einen 0:3-Pausenrückstand egalisierten, ehe Carragher in der Verlängerung mit zwei Lehrbuch-Tacklings praktisch sichere Gegentreffer verhinderte. Den ersten Einsatz bezahlte er mit einer krampfbedingten Behandlungspause, beim zweiten stand Andrij Schewtschenko schon zum Einnetzen bereit. Carragher warf sich abermals voll hinein und vereitelte die Chance. Vor dem Elfmeterschießen erinnerte er Keeper Jerzy Dudek an jene Mätzchen, mit denen Bruce Grobbelaar beim letzten Meistercup-Sieg Liverpools 1984 die gegnerischen Schützen verrückt gemacht hatte. Dudek folgte der Nachhilfestunde in Sachen Klubgeschichte, und Liverpool gewann das Elferschießen. Die Pokalübergabe ging dann mehr oder weniger an Carragher vorbei, der sich - gezeichnet von 120 historischen Minuten - kaum mehr auf den Beinen halten konnte.

Niemals verstecken
Geformt wurde diese Kämpfermentalität im Liverpooler Hafenviertel Bootle. Der Stadtteil zählt zu den am stärksten vom industriellen Niedergang betroffenen Gebieten Großbritanniens, jedes zweite Kind wächst hier in Armut auf. Auch Carragher ist ein Kind aus Bootle, der Liverpooler Arbeiterschaft und der ihr eigenen Einstellung zum Leben fühlte er sich stets verbunden.

»Fußball war für mich nie ein Instrument, um meine Herkunft aus der Arbeiterklasse zu vergessen, sondern vielmehr ein Mittel, sie zu feiern«, schrieb Carragher in seiner Autobiografie. Gemeinsam mit Gerrard bediente er immer wieder erfolgreich die Losung des Zusammenhalts, um die individuelle Überlegenheit mancher Gegner zu überflügeln. Eine Strategie, die zwar nicht in Liverpool erfunden wurde, die aber durchaus in Verbindung mit den dort entwickelten Lebenskonzepten der politisch und ökonomisch unter Druck geratenen Bevölkerung steht.

Vor einigen Jahren wies Carragher darauf hin, in Spielen gegen Chelsea stets doppelt motiviert zu sein. Der traditionell eng mit dem Establishment verbandelte Verein aus einer der nobelsten Ecken Londons repräsentiert seiner Auffassung nach all jene Dinge, zu denen er in weltanschaulicher Opposition steht. Weit weg von der schicken Londoner Kings Road, an der Marsh Lane in Bootle, lernte der junge Jamie früh, alles zu geben. Bei einem Jugendspiel hatte er eine Verletzung simuliert, um angesichts des nasskalten Wetters früher unter die Dusche zu kommen. Vater Philly, frühester Förderer und damals noch fanatischer Everton-Fan, durchschaute das Spiel und las dem Siebenjährigen die Leviten. Carragher bezeichnete dieses Erlebnis später als eigentlichen Startschuss seiner Laufbahn. »Niemals verstecken« wurde von da an zu seinem Mantra und ebnete den Weg von der Marsh Lane zur Anfield Road.

Pensionierte Seele

Mehr als 16 Jahre nach seinem Profidebüt geht eine große Karriere nun in die letzte Runde. Ein Angebot auf Vertragsverlängerung hat Carragher abgelehnt, nach der Saison wird er vermutlich in die Medienbranche wechseln. An den Huldigungen für eine Karriere in Rot wird in den Redaktionsstuben bereits gearbeitet, doch Carragher braucht sie nicht zu lesen. »Es waren nicht nur meine fußballerischen Fähigkeiten, für die mich die Fans geschätzt haben, sondern meine Persönlichkeit und mein Charakter«, schrieb Carragher in seiner Autobiografie. »Ich habe einmal einen Artikel gelesen, in dem stand: Wenn Steven Gerrard das Herz des Klubs ist, bin ich seine Seele. Das hat mir gefallen.« Dem bleibt wenig hinzuzufügen. Die Aussicht, seelenlos in die kommende Saison zu gehen, sorgt an der Anfield Road allerdings für Bauchweh. Denn auch das rote Herz hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel.

 



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Referenzen:

Heft: 82
Rubrik: Spielfeld
Thema: England, Premier League
Verein: FC Liverpool
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