Moldau ist international anerkannt, Pridnestrowien gilt als Separatistenstaat. Beide Teile haben eigene Präsidenten, Währungen, Pässe, Armeen wobei die Staatssymbole Pridnestrowiens außerhalb seiner Grenzen nirgends anerkannt sind. Heute bekämpfen sich beide Länder auf wirtschaftlicher und diplomatischer Ebene. Nur im Fußball ist alles anders. Der österreichische Botschafter für diese Region, Arad Benkö, dazu ironisch: »Das einzige, das die beiden Länder verbindet ist die gemeinsame Nationalmannschaft.« Diese tritt als Republik Moldau auf. Wo in anderen Aspekten des Lebens Kalter Krieg herrscht, spielen Moldauer und Pridnestrowier in einem Team und national in einer Liga.
»Der Kontrast ist ein Wahnsinn«
Die Hauptstadt des separatistischen Pridnestrowiens, Tiraspol, beherbergt den Serienmeister der moldauischen Liga, den FC Sheriff. Am Stadtrand steht eine Siedlung mit herunter gekommenen sozialistischen Wohnblocks, umgeben von Kleingärten. Der Putz bröckelt von den Häusern, die Dächer sind undicht, die Bewohner holen Trinkwasser vom örtlichen Brunnen. Am Ende der Siedlung, hinter dem Sheriff-Supermarkt und der Sheriff-Tankstelle, taucht plötzlich einer der modernsten Stadionkomplexe Europas auf. Es gibt ein überdachtes Trainingsstadion, eine Halle, eine Fußballakademie und ein Fünf-Sterne-Hotel. Das Stadion verfügt über 14.300 Sitzplätze und die möglicherweise einzigen sauberen öffentlichen Toiletten des ganzen Landes. SV Ried-Trainer Helmut Kraft erklärte im Rahmen eines UI-Cup-Spiels: »Der Kontrast ist ein Wahnsinn. Du fährst durch ein unglaublich armes Land und kommst in einem perfekten Stadion an. Das Trainingsgelände ist eine Wucht. Unvorstellbar, wenn man weiß, dass Moldau eines der ärmsten Länder Europas ist.«
In der moldauischen Liga hat der FC Sheriff keine Konkurrenz. Die Überlegenheit drückt sich auch in mangelnder Euphorie des Publikums aus. Zu nationalen Spielen der Schwarz-Gelben kommen oft nur 1.000 Zuschauer, obwohl ein Ticket ab vier PMR-Rubel (0,40 Euro) zu haben ist und die Stadt kein Überangebot an Samstagnachmittagsablenkung bietet. Ganz anders bei Europacupspielen. Da ist das Haus voll und der Stadionsprecher verkündet das UEFA-Motto von Nichtdiskriminierung und Antirassismus in einem Land, deren Menschen sich von der Welt ausgeschlossen fühlen und andererseits mittelklassige Spieler aus Togo, Benin und Brasilien als sensationelle Exoten betrachten. Dabei durften internationale Matches bis vor einigen Jahren nicht in Tiraspol ausgetragen werden, da die Einreise in die abtrünnige Republik als gefährlich galt.
Tore auf diplomatischer Ebene
Fußball und staatliche Macht sind in Pridnestrowien eng verbunden. Witalij Woinow, Dirigent der Stadionband, ist hauptberuflich Major des pridnestrowischen Geheimdienstes und Leiter des Militärorchesters. Er erzählt: »Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn ich die pridnestrowische Hymne anstimme, und das Publikum ergriffen ist. Die Nationalhymne zeigt den Weg der Nation. Unsere Nation ist Pridnestrowien, und für ihre Unabhängigkeit kämpfen wir. Ich bin Patriot und unterstütze den Verein, so wie der Verein meinem Orchester geholfen hat.«
Finanziert wird der Klub durch den Monopolkonzern Sheriff, zu dem Tankstellen, Supermärkte, die Telekom, ein Fernsehsender und eine Kognak-Fabrik gehören. EU und OSZE sehen in Sheriff eine riesige illegale Schmuggel- und Geldwaschanlage. Man munkelt, dass Regierung und Konzern ein zusammengehörender Teil der russischen Mafia seien. Recherchiert man die Vorwürfe, drängt sich der Verdacht auf, dass der FC Sheriff und das Stadion eine PR-Maßnahme sind, um in Europa beachtet zu werden.
Jedes Spiel ist somit auch ein patriotischer Akt zur Identitätsfindung eines jungen, nicht anerkannten Staates. Nach dem Abpfiff aber verlassen die Zuschauer den 200 Millionen Dollar-teuren Stadionkomplex und kehren zurück in die Stadt mit den bröckelnden Fassaden, den Lenin-Denkmälern, den Ehrungen sowjetischer Helden der Arbeit. 90 Minuten internationalen Flairs folgt der Alltag mit diplomatischer Isolation, wirtschaftlicher Blockade und Durchhalteparolen. Eine davon verkündete die Zeitung Tiraspol Times vor wenigen Wochen: »Wir haben im Fußball gewonnen. Damit schießen wir auch wieder ein paar Tore auf diplomatischer Ebene.«






erscheint am 12. Juli 2013.
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