Der Trainerfresser

Nach Problemen mit der italienischen Justiz versucht sich Massimo Cellino als Vereinspräsident in England: Er will Leeds United wieder nach oben führen. Während die Trainer seine Launen fürchten, punktet er bei den Fans mit Volksnähe.

Benjamin Schacherl | 12.11.2014

Nach 32 Tagen musste Darko Milanic den Trainersessel bei Leeds United wieder räumen. In sechs Spielen waren ihm lediglich drei Unentschieden gelungen. "Ich habe einen Fehler gemacht mit diesem Kerl. Er ist negativ, er hat eine Verlierermentalität", erklärte Vereinspräsident Massimo Cellino. "Ich möchte mich bei den Fans entschuldigen, sie verdienen bessere Ergebnisse." Bei Milanics Antritt stand der Präsident inmitten der Leeds-Fans in der ersten Reihe des Auswärtssektors. Gut sichtbar im Anzug, mit verspiegelter Sonnenbrille und Stadionwurst. Das Spiel gegen Brentford war der Anfang von Milanics Ende: Leeds verlor 0:2. Der Trainer kann sich immerhin damit trösten, nur eines von vielen Opfern Cellinos zu sein.

36 Trainer in 22 Jahren
So volksnah sich der Präsident gibt, seine Entscheidungen trifft er alleine. "Das ist kein fähiger Trainer, der trägt ja nicht einmal eine Krawatte", sagte er im Dezember 2006 noch als Cagliari-Präsident über Marco Giampaolo, den er gerade entlassen hatte. Nachfolger Franco Colomba durfte das Team acht Spiele lang trainieren, um dann ebenso ersetzt zu werden - durch Giampaolo. Dass der immer noch auf der Gehaltsliste stehende Vorgänger wieder zum Nachfolger wird, ist unter Cellino keine Seltenheit. Milanic ist darauf vorbereitet. "Ich habe noch einen Vertrag. Wenn man mich zurück will, werde ich das Angebot auch annehmen", sagte der Slowene dem Telegraph.

In Italien gilt der Agrarunternehmer Cellino als mangiallenatori, als Trainerfresser. 36-mal wechselte er in seiner 22-jährigen Amtszeit bei Cagliari den Trainer. Als er im April 2014 Leeds United übernahm, kündigte er als erste Maßnahme an, dass der Trainer seinen Arbeitsplatz räumen werde. Die Fans protestierten heftig, der beliebte Brian McDermott durfte auf der Bank bleiben - bis er drei Spieltage später dann doch entlassen wurde. Neben seinen Launen fällt Cellino auch immer wieder durch seinen ausgeprägten Aberglauben aus. Das Trikot mit der Nummer 17, die in Italien Unglück bringen soll, wurde unter seiner Präsidentschaft bei Cagliari nicht vergeben, auch vom Stadion hielt er die Unglückszahl fern, dort folgte auf die 16. Sitzreihe die Reihe 16b. Um bessere Resultate zu erzielen, ließ er den Rasen mit Salz bestreuen und das Stadion vom Bischof segnen. Doch Cellino ist nicht nur exzentrisch, auch mit geltenden Gesetzesbestimmungen nimmt er es nicht immer so genau. Noch im März war ihm die Übernahme von Leeds United durch den englischen Ligaverband verweigert worden, da er in Italien zu einer Geldstrafe von 600.000 Euro wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war. Cellino hatte keine Importsteuer für seine Yacht entrichtet. Gegen die Entscheidung des Ligaverbands legte er erfolgreich Protest ein.

Vorwurf Veruntreuung
Dass er Cagliari überhaupt verkaufte und sich einen Klub in England suchte, liegt wohl ebenfalls an einem Konflikt mit dem Gesetzgeber. Denn am 14. Februar 2013 war Cellino verhaftet worden. Er soll 360.000 Euro aus öffentlicher Hand veruntreut haben. Die Vorwürfe folgten auf einen jahrelangen Streit mit der Stadtverwaltung über das Stadion Sant'Elia in Cagliari. Die baufällige Spielstätte ist seit 2002 nur dank des Zubaus von Stahlrohrtribünen zugelassen. Pläne zum Neubau scheiterten immer wieder, Cellino drohte der Stadtverwaltung mehrfach den Auszug an. Zu Beginn der Saison 2012 wich der Verein tatsächlich auf den schnell mit Stahlrohrkonstruktionen aufgerüsteten Platz im Vorort Quartu aus, der ebenfalls bald gesperrt wurde. Beim Bau des Ausweichquartiers soll Cellino die öffentlichen Mittel zweckwidrig eingesetzt haben. Als das Gericht die verhängte Untersuchungshaft in Hausarrest umwandeln wollte, weigerte sich Cellino zunächst, das Gefängnis zu verlassen. Er ließ über seinen Anwalt ausrichten, dass er erst bereit sei zu gehen, wenn die Vorwürfe fallen gelassen werden. Nach drei Monaten wurde er schließlich aus dem Hausarrest entlassen, ein Prozesstermin ist noch ausständig.

Die Verhaftung des Präsidenten mobilisierte auch die Fans, die mehrmals für seine Freilassung protestierten. Auch in Leeds hatte Cellino zunächst viele Sympathiepunkte gesammelt: Der Matchbesuch im Auswärtssektor, gemeinsames Biertrinken mit Fans in einem Pub nahe des Heimstadions, viele Neuverpflichtungen und ambitionierte Versprechen für die Zukunft. Nach den vielen Konflikten der Fans mit Vorgänger Ken Bates schien Cellino der lang ersehnte Heilsbringer zu sein. Doch spätestens mit der Entlassung des dritten Trainers innerhalb des ersten halben Jahres dürfte sich der Wind ein wenig drehen. "Warum werden Eigentümer wie er nicht selbst Trainer?", sagte Johnny Giles, Mittelfeldspieler der erfolgreichen Leeds-Mannschaft der 1970er Jahre, der BBC. "Er sollte den Klub verlassen." 

Referenzen:

Heft: 97
Verein: Leeds United, SK Sturm
ballesterer # 120

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