Der Unvollendete

cache/images/article_302_best_140.jpg Er hatte eine warme, leise Stimme. Müde sah er aus, fragil. Erst nach seinem Tod habe ich George Best zum ersten Mal sprechen hören. Es war ganz anders als erwartet. Berührend und sehr traurig. Erinnerungen an ein gescheitertes Genie.
Michael Robausch | 01.02.2006

So viele Geschichten, so viel Magie. Derart beglückend muss es gewesen sein, ihm zuzusehen, dass es oft auch den Fans des gegnerischen Teams die Hände zum Applaus aus den Manteltaschen zog. Alte Bilder: In manchmal verhuschtem Schwarz-Weiß sieht man einen schmächtigen Mann im Höchsttempo Gegner in beliebiger Anzahl hinter sich lassen. Überlegen in Technik und Balance, immer noch eine unvorhersehbare Körpertäuschung auf Lager. Da war nichts, was er nicht konnte. Und so war der alles andere als groß gewachsene George Best auch im Kopfballspiel famos. Oft warteten die Stürmerkollegen Bobby Charlton und Denis Law vergeblich auf ein Abspiel. Mit Charlton, dem makellosen Sportsmann, wurde Best, der Widersprüchliche, nie warm - in einem Pub bewarf er die Fotografie des Weltmeisters mit Eiern, während in Old Trafford gerade dessen Abschiedsspiel lief, an dem er eigentlich hätte mitwirken sollen.

 

Best war mutig, ja verwegen. Besser zu sein, reichte ihm manchmal nicht, er wollte die Demütigung der Zerstörer und Grätscher. Best suchte die direkte Auseinandersetzung, zu einer Zeit, als die Konfrontation Mann gegen Mann das Spiel noch viel stärker bestimmte als heute. Einmal, wie üblich war ein harter Bursche zu seiner Bewachung abgestellt, kam es zu folgender wundervollen Szene: Der Tormann wirft dem Manndecker den Ball zu. Gerade im Begriff, sich zu orientieren, sieht dieser plötzlich Best auf sich zustürmen. Panik! Schnell will er einen Rückpass spielen, doch der Keeper hat damit nicht gerechnet und der Ball rollt an ihm vorbei über die Linie. George Best hatte ein Tor geschossen, ohne den Ball zu berühren.

Er verließ Belfast als 15-Jähriger, eben fertig mit der Schule. Das einzige Bewerbsspiel in der Heimat begab sich 22 Jahre später. Für Tobermore United. Der Klub aus dem County Derry hatte wenig Klasse, aber umso mehr Ambition. Und so schickte man Unterhändler nach London, wo George Best in seinem Apartment in Chelsea einen Vertrag mit einer Laufzeit von einem Monat unterzeichnete. Der beste Fußballer, den Ulster je gesehen hatte, sollte in einem Cupspiel der ersten Runde gegen Ballymena antreten. Drei Mal musste die Partie wegen Schneefalls verschoben werden. Man fürchtete schon, alles sei umsonst gewesen, als einen Tag vor Ablauf der Monatsfrist, am 9. Februar 1984, alles glatt ging und das Idol Fortwilliam Park, den Fußballplatz von Tobermore, tatsächlich betrat.

 

Es war ein Donnerstagnachmittag. 3.500 Menschen waren gekommen, auf beiden Seiten der Straße parkten die Autos weit über die Ortsgrenze hinaus. Und obwohl ein Spötter schrieb, dass Best »weniger vom Ball sah als die Schafe in den umliegenden Hügeln«, sollte für Billy Patterson und viele andere Dörfler dieser Tag unvergesslich bleiben. Patterson, Tobermores Trainer, erinnert sich: »Er war ein Gentleman. Er hat uns einen flüchtigen Blick auf das gewährt, wozu er fähig war. In der Kabine bei der Besprechung hat er gesagt: "Achte nicht auf mich, ich bin nur einer von den Burschen."« Tobermore verlor 0:7.

Rapport bei Busby: »Ich habe an ihm vorbei geblickt und die Muster auf der Tapete hinter ihm gezählt.« Best war widerspenstig, er ließ sich immer weniger sagen. Das musste Ende der 70er Jahre auch der große Manager von Manchester United erkennen. Unter seinen Nachfolgern wurde es schlimmer: Versäumte Trainings, versäumte Spiele. Stattdessen Nächte mit Starlets, vor deren Wohnungen die Pressemeute bereits in Stellung lag. Best war für die auf Disziplin basierende Maschinerie einer Profifußball-Mannschaft nicht mehr tragbar. Er wollte es wohl auch nicht mehr sein. Das große Team von United war nicht mehr intakt. Der Druck auf Best stieg - zu viel hing jetzt von ihm und seinen Toren ab. Er wurde unsicher und zweifelte an der Fähigkeit der Mannschaft, auch künftig Erfolg haben zu können. Und er fühlte nicht jenes Maß an Wertschätzung, das ihm eigentlich hätte zukommen sollen, als man einen anderen zum Kapitän bestimmte. »Wenn der Fußball gut war und ich gut gespielt habe, konnte ich am Morgen gar nicht früh genug aufstehen - und das war das Fundament meines Lebens. Wenn das Spiel es nicht wert war, dafür aus dem Bett zu steigen, dann habe ich keinen Sinn gesehen es überhaupt zu verlassen «, heißt es in der 2003 erschienenen Biografie »Blessed«. Mit 27 machte er Schluss bei United.

Best, der Schwerenöter, der unverschämt gut aussehende Mann mit dem pechschwarzen Haarschopf, mit dem Hauch von Exotik. Das war das Bild des Mannes, der in der Öffentlichkeit stand wie kein Fußballer davor, und kaum einer danach. Menschen, die ihm persönlich begegnet sind, erzählen eine andere Geschichte. Schüchtern sei er gewesen, witzig, intelligent, liebenswürdig. »Er schien mir versonnen und hatte eine Traurigkeit an sich, als ob er ein großes Geheimnis verbarg, das nie offenbart werden konnte«, meinte Gerry Anderson im »Belfast Telegraph «. Irgendwann Anfang der 90er trat Best volltrunken in einer BBC-Show auf, lallte Unsinn. Es war peinlich und natürlich ein Skandal. Der junge Journalist Anderson sollte auf Geheiß seines Chefs Best dazu bringen, sich für den Vorfall zu entschuldigen. Was dieser folgsam tat. »Zum ersten Mal fühlte ich mich im Fernsehen schmutzig. Ich habe mich geschämt«, schreibt Anderson.


George Best hat seine Alkoholsucht nie verheimlicht, oft versuchte er sie in Witzen zu ironisieren. Die Krankheit zu glorifizieren, wäre absurd. Sie brachte Leid und Schmerz und Verzweiflung über ihn und seine Familie. Er wurde gewalttätig gegen seine Frau, saß im Gefängnis. Best in »Blessed«: »Es gab Momente, in denen alles so dunkel schien, dass ich keinen Ausweg mehr sah.« Am Ende musste der alte Vater den Sohn begraben. Der Totenschein bezeugt das Ausmaß der Selbstzerstörung: Lungenentzündung, Blutvergiftung, Multiorgan-Versagen, Blutungen im Darm, geschwächtes Immunsystem.

Der lange Abschied: Jewish Guild of Johannesburg, Dunstable Town, Stockport County, Cork Celtic, Fulham, Los Angeles Aztecs, Fort Lauderdale Strikers, Hibernian Edinburgh, San Jose Earthquakes, Bournemouth, Brisbane Lions. Comeback-Versuche - manche ernsthafter, viele von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sporadische Glanzlichter. 1977, WM-Qualifikation der Nordiren gegen die Niederlande. Es war eine Zeit, in der Journalisten noch im Teambus mitfuhren und die Frage lag auf der Hand. Cruyff oder Best, wer ist besser? Am nächsten Tag die angekündigte Klärung. Im De Kuip wird er an der Seite frei gespielt, aber Best zieht nicht Richtung Tor, sondern quer über das Feld. Dorthin, wo Cruyff steht. Dann schiebt der dem großen Mann die Kugel durch die Beine, den Arm im Triumph in den Himmel gereckt.


37 Spiele absolviert George Best im Teamdress, viele mehr hätten es sein können. Als es in der North American Soccer League gut für ihn lief, versuchte er es noch einmal zur WM 1982 schaffen. Aber Trainer Billy Bingham wollte davon nichts wissen. George Best im Herbst seiner Karriere in der talentiertesten nordirischen Mannschaft aller Zeiten - ein schöner Gedanke, wohl auch Ausdruck einer romantischen Sehnsucht nach Harmonie. Best war dafür nicht der Mann. Nach seinem Tod waren viele Analysen zu lesen, über den Menschen und das Phänomen. Keine konnte ihm ganz gerecht werden. »Es gibt keine Sprache, die beschreiben könnte, was George Best hatte«, so das sympathische Resümee Vincent Hogans im »Belfast Telegraph«. »Am ehesten könnte man sagen, dass er, für vielleicht zehn Jahre seines Lebens, etwas zum Fußball gebracht hat, das uns alle Kinder werden ließ.«

 

Foto: Wikipedia

Referenzen:

Heft: 20
Rubrik: Spielfeld
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