Derby am Eismeer

cache/images/article_2362_norwegen_140.jpg Beim nördlichsten Stadtderby der Welt zwischen Tromsdalen UIL und Tromsö IL sind die Rollen klar verteilt: Das Team von TIL siegt am Platz und die Fans von TUIL auf den Rängen.
Sean McGinley, Alexander Petri | 15.09.2014

Ein einzelner Fan von Tromsö IL schlendert durch die Fußgängerzone der norwegischen Hafenstadt. "Die Fähre muss wohl gerade angekommen sein", sagt Jonas Sörensen. Er ist Fan des Zweitligisten Tromsdalen UIL, und seine Stichelei gegen den Nachbarklub zielt darauf ab, dass viele Tromsö-Fans außerhalb des Stadtgebiets wohnen. Das Zentrum Tromsös liegt auf einer Insel, sodass diese Anhänger den Weg über das Wasser antreten müssen. Die Mehrheit der Tromsdalen-Fans hingegen stammt aus dem gleichnamigen Stadtteil. Sie müssen lediglich eine Brücke überqueren, um das Auswärtsspiel beim Lokalrivalen zu besuchen. Vor dem Spiel treffen sich die Fans im Café Solid, wo die Tische trotz Bierpreisen von umgerechnet 8,70 Euro gut mit Gläsern gefüllt sind. Beim Bier greifen viele Fans nicht nur zur Zigarette, sondern schieben sich auch Snus hinter die Oberlippe.

Kultklub vom Polarkreis
Tromsö hat rund 70.000 Einwohner und liegt 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Im Winter geht die Sonne zwei Monate lang nicht auf. An diesem Sonntag im August jedoch leistet sie Wiedergutmachung für die wochenlange Dunkelheit und knallt vom wolkenlosen Himmel. Universität, Kathedrale und Brauerei der Stadt sind die nördlichsten der Welt. Auch in Sachen Fußball wartet Tromsö mit einem Rekord auf: Das Duell zwischen Tromsö IL und Tromsdalen UIL ist das nördlichste Stadtderby im Ligabetrieb. Ein Duell auf Augenhöhe ist es allerdings nicht: Während TIL 2005 sogar die UEFA-Cup-Gruppenphase erreichte, ist Liga zwei für Tromsdalen das höchste der Gefühle. "Wir werden nie in die erste Liga aufsteigen", sagt Jonas Sörensen, der Mitglied der Fangruppe "Tindfotingan" ist.


Eine echte Feindschaft zwischen den Anhängern beider Klubs existiert auch wegen des Klassenunterschieds nicht. "Ich würde es freundliche Rivalität nennen", sagt Sörensen. Das letzte Ligaduell vor dieser Saison datiert aus dem Jahr 2002, ein paarmal trafen die Klubs im Cup aufeinander. Immer mit demselben Ergebnis: "Wir haben TIL noch nie geschlagen."


Im vergangenen Jahr stieg Tromsö IL aus der ersten Liga ab und Tromsdalen aus der dritten auf. So boten sich dem Außenseiter in der laufenden Saison, die von April bis November ausgespielt wird, zwei Chancen, die Bilanz aufzubessern. Das Hinspiel im Mai auf eigenem Platz endete 0:0. "Wir wären auch heute mit einem Unentschieden zufrieden", sagt Sörensen. Trotz der mäßigen sportlichen Erfolge genießt TUIL im Norden Norwegens Kultstatus - speziell seit dem Rockfestival 2011 in Tromsö. Dort reichte jemand Iggy Pop einen blau-roten Fanschal, den der Punkrock-Musiker während des Auftritts dann auch trug. Davon erzählt man in Tromsdalen noch heute gerne.

Auswärtsflüge
Plötzlich steht ein junger Mann mit kurzgeschorenem Haar und gelbem Poloshirt am Tisch. Er überreicht Sörensen ein Trikot mit der Nummer 18 von Klublegende Thomas Heide. Ein kurzer Plausch, dann ist er schon wieder verschwunden. Eigentlich kein erwähnenswertes Ereignis, doch der Mann im gelben Poloshirt ist Tromsdalen-Verteidiger und Publikumsliebling Ole Talberg. Spieler und Fans pflegen einen freundschaftlichen Umgang, schließlich kicken im Halbprofiteam mehrheitlich Leute aus der Nachbarschaft. Im langen Winter räumen die Anhänger in der heimischen TUIL-Arena schon mal den Schnee von der Tribüne, um eine Spielabsage zu verhindern.


Mittlerweile sind weitere "Tindfotingan"-Mitglieder mit blau-roten Schwenkfahnen eingetroffen. "Die haben wir kürzlich erst bestellt - aus Deutschland. Dort sind sie viel günstiger als hier", sagt Jonas Sörensen. Unter Sprechchören marschiert der Tross zum Alfheim-Stadion von TIL. Gespielt wird dort auf einem mit Heizung ausgestatteten Kunstrasen.


Die Tromsdalen-Fans sind in Norwegen für ihre Selbstironie und ihre kreativen Fangesänge bekannt. Als TIL-Trainer Steinar Nilsen vor einigen Jahren in eine Wirtshausschlägerei verwickelt war, bei der er einem Kontrahenten sein halbvolles Bierglas ins Gesicht gerammt haben soll, widmeten sie ihm den Gesang "Steinar Nilsen trinkt nie sein Bier aus!" Bei einer Wahl des Fußballmagazins Josimar kürten Vertreter der norwegischen Fanklubs die TUIL-Anhänger 2009 zu den besten Fans des Landes. Dabei ist aktive Fankultur im großen und dünn besiedelten Norwegen gar nicht einfach zu leben, schon gar nicht so hoch im Norden. Die kürzeste Auswärtsfahrt - die heutige Partie ausgenommen - dauert mit dem Auto rund sechs Stunden. Die meisten Reisen sind nur mit dem Flugzeug zu bestreiten. "Wenn wir mit 20 Leuten auswärts dabei sind, ist das schon gut", sagt Sörensens Freund Öystein Renö Svendsen.

Sommersport
Im Alfheim-Stadion sind es diesmal rund 250 Blau-Rote, die ihre Mannschaft lautstark unterstützen. Zahlreiche Plätze im 7.500 Zuschauer fassenden Stadion bleiben allerdings leer. Fußball ist zwar die beliebteste Sommersportart im Land, doch die meisten interessieren sich dabei für die Spiele, die jenseits der Nordsee in England ausgetragen werden.

 

Für Tromsdalen läuft es auch heute nicht gut - bereits nach acht Minuten pfeift der Schiedsrichter Elfmeter für die Heimmannschaft. Thomas Kind Bendiksen verwandelt zur Führung. Doch in der 30. Minute trifft Kim Andre Rade von der Strafraumgrenze zum Ausgleich. Die Spieler lassen sich vor dem Gästeblock feiern, Tromsdalens Hoffnung auf eine Sensation lebt wieder. Allerdings nur kurz: Sechs Minuten später stellt TIL die Führung wieder her, kurz vor der Pause fällt das 3:1. In der zweiten Hälfte folgen zwei weitere Gegentore. Zumindest auf den Rängen gibt Tromsdalen eine solide Vorstellung ab, trotz der hohen Niederlage feiern die Fans ihre Mannschaft - und sich selbst. Nach dem Abpfiff ziehen sie unter Gesängen davon. Ein schwacher Trost, dass die Heimreise kurz ausfällt. Die TUIL-Anhänger kehren über den Sund zurück nach Hause, die Fans des Rivalen müssen auf die Fähre warten.

Referenzen:

Heft: 95
Thema: Norwegen
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