Des Sponsors neue Kleider

In kaum einem anderen Land wiegen Sponsorinteressen so stark wie in Österreich. Spätestens seit dem Engagement von Red Bull sind nun auch die Vereinsfarben dem kommerziellen Diktat unterworfen. Eine Entwicklung, die nicht nur in Salzburgs Fankurve für Empörung sorgt, berichtet der ballestererfm.
Schon früh erkannten Österreichs Fußballklubs, dass sich mit dem Verkauf historischer Vereinssymbole gutes Geld verdienen lässt. Einer der ersten Vereine, der die Spielkleidung dem Sponsoring freigab, war die Wiener Austria. Bereits Mitte der 60er-Jahre prangte das Markenzeichen der Schwechater-Brauerei von den violetten Leiberln, die Trikotwerbung im Fußball ist demnach eine österreichische Erfindung.
In Deutschland war Werbung auf der Spielkleidung erst ab 1973 erlaubt, und im englischen Cupfinale dauerte es noch eine weitere Dekade, ehe die Teams mit Trikotsponsoren einliefen. Hierzulande waren während dessen auch schon die Hosen und Stutzen mit Werbeslogans zugepflastert und die Öffnung mancher Klubs gegenüber potentiellen Geldgebern nahm bisweilen muntere Züge an. So ging Simmering in den 80er-Jahren mit dem Schriftzug »Wir suchen einen Sponsor« auf Punktejagd. Mit der Integration des Geldgebers in die Vereinsbezeichnung wurden zudem historische Klubnamen ad absurdum geführt. Innsbrucks Anhängerschaft kann davon ein Lied singen, in den letzten beiden Dekaden wechselte der einstige FC Wacker seinen Namen beinahe im Jahrestakt.

 

Wer zahlt, schafft an

 

Auch in Salzburg wurden Identifikationsmerkmale nach und nach den kommerziellen Interessen der Geldgeber untergeordnet. Schon in den frühen 70er-Jahren fand die Kaufhauskette Gerngross Einzug in den Klubnamen, womit die Bezeichnung Austria in der Berichterstattung schon bald auf ein kümmerliches A. reduziert wurde. Mit dem Einstieg der Casinos Austria als Hauptsponsor verschwand sie ganz von der Bildfläche. Zwischenzeitlich etablierte der Sponsor den Anfangsbuchstaben des Firmenwortlauts als offizielles Vereinslogo. Nur die violett-weißen Farben blieben als letztes Symbol für die Kontinuität mit der Vergangenheit.
Das sollte sich mit der Übernahme des Vereins durch Red Bull schnell ändern. Der neue Eigentümer signalisierte schon bald, dass einzig und allein die allgegenwärtige Platzierung der Firmenmarke zählt. Dieser Doktrin fielen nicht nur Klubname und Wappen zum Opfer. Statt im angestammten Violett-Weiß präsentierte sich Salzburgs neu formierte Elf in Rot (heim) und Blau (auswärts), den Couleurs des Weltmarktführers bei Energy Drinks. Einer der populärsten Vereine des Landes hatte seine seit der Gründung im Jahr 1933 bestehenden Farben von heute auf morgen dem Design einer Getränkedose untergeordnet.
Auf Salzburgs geschockte Anhängerschaft sollten noch weitere Tiefschläge warten. Seitens der neuen Klubführung wurde das Jahr 2005 zur Stunde Null erklärt und die Vergangenheit der Salzburger Austria auf den Müllhaufen der Geschichte geschmissen. Altgediente Spieler wie Thomas Winklhofer wechselten laut offizieller Internetseite per 1. Juli vom SV Wüstenrot Salzburg zu Red Bull. Trainer Kurt Jara machte in einem TV-Interview keinen Hehl daraus, dass der neue Verein mit der alten Austria nichts mehr zu tun habe und sich lediglich deren Lizenz angeeignet hätte. Weitere Affronts lieferte der Getränkeriese mit der Halbierung und Einzäunung des Stehplatzbereichs und der überwiegend willkürlichen Verhängung von 59 Hausverboten. Dem Stimmungsboykott der Fans trotzte die neue Führung mit einer Hundertschaft deplatzierter Stimmungsmacher im Stierkampf-Outfit.

 

Solidarität statt Ignoranz

 

Die bisherige Politik von Red Bull war geprägt von einer grundsätzlichen Missachtung des Bestehenden. Von den Vereinsfarben bis zum Stadionsprecher, die Erneuerungswut des roten Bullen kannte keine Grenzen. Kommuniziert wurde diese Haltung mit überheblichem Umgangston, den Anliegen und der Kultur der Fans begegnete man schlichtweg mit Ignoranz. Die betroffenen Supporters wussten darauf zu reagieren. Seit Monaten macht die »Initiative Violett-Weiß« mit beachtlichem medialem Erfolg darauf aufmerksam, dass ein 72 Jahre alter Fußballverein weit mehr ist als ein kurzfristiges Instrument zur Absatzsteigerung von Energy Drinks.
Doch nicht nur an der Salzach erhitzt das Engagement des Konzerns die Gemüter. Fangruppen aus halb Europa bekundeten ihre Verbundenheit mit der violett-weißen Sache, und in Österreich dürften sich die Kurven noch nie so einig gewesen sein. Selbst beim Besuch des Innsbrucker Erzrivalen hallte ein »Wir wollen die Austria sehen« durch den Auswärtssektor in Wals-Siezenheim. Für derlei Mitgefühl gab es Applaus von Seiten Salzburgs.
Gesten wie diese wären unter gewöhnlichen Umständen so realistisch wie Ferdinand Feldhofer im Dress von Real Madrid. Doch Red Bull belebt auf eigentümliche Art und Weise die Solidarität. Der Grund dafür mag vor allem darin liegen, dass die Politik der neuen Salzburger Klubführung nicht nur als handfeste Provokation gegenüber unzähligen Fans, sondern darüber hinaus als genereller Angriff gegen jede gewachsene Fankultur interpretiert wird. Das Aufbegehren der »Initiative Violett-Weiß« ist eine lautstarke Protestnote gegen die aus den Fugen geratene Kommerzialisierung des österreichischen Fußballs. Die Forderung nach Respekt vor Farben, Geschichte und Fankultur gilt nicht nur für Salzburg.
Sollten sich die organisierten Fans in Verhandlungen mit Red Bull weich kochen und mit Peanuts abspeisen lassen, wäre der ganze Kampf umsonst gewesen und die Sympathiebekundungen würden schnell in berechtige Kritik und Häme umschlagen. Skepsis den neuen Eigentümern gegenüber ist auf jeden Fall angebracht: Red Bull ist den Beweis, dass es die Fans ernst nehmen will, immer noch schuldig. Denn die violetten Socken, die Torhüter Heinz Arzberger neuerdings trägt, sind eher eine Fortsetzung der Provokation als eine ernstzunehmende Geste.

Referenzen:

Heft: 18
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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