Die Elektrifizierung des ganzen Landes

cache/images/article_2497_manfred_zeller_140.jpg

Lange galten die Stadien in der Sowjetunion als gesellschaftliche Freiräume, doch als der Staat die Jugendkultur nicht mehr kontrollieren konnte, kam es zur Katastrophe. Der Historiker Manfred Zeller spricht im Interview über inspirierende Platzstürme und die versteckten Botschaften von Fanschals.

Jakob Rosenberg | 11.08.2015

„Das war fast so etwas wie die Champions League“, sagt der Historiker Manfred Zeller über die Liga der ehemaligen Sowjetunion. Bis auf Kirgistan und Turkmenistan waren alle Teilrepubliken zumindest einmal durch Mannschaften in der höchsten Spielklasse vertreten. Meister wurden so unterschiedliche Teams wie Dynamo Kiew, Dinamo Tiflis, Ararat Jerewan und die drei großen Moskauer Vereine Dynamo, Spartak und ZSKA. In seinem Buch „Das sowjetische Fieber“ beschreibt Zeller, welche Bedeutung der Liga für die Nationswerdung des Landes zukam und wie sich die sowjetische Fankultur entwickelte – die ihre Vorbilder nicht zuletzt durch das aufkommende Massenphänomen Fernsehen fand.

ballesterer: Welche Rolle hat das Fernsehen gespielt, um Fankultur in der Sowjetunion zu etablieren?

Manfred Zeller: Die Bilder aus dem internationalen Fußball haben Inspirationen für eine organisierte Fankultur geliefert. Das Europacupfinale zwischen Dynamo Moskau und den Glasgow Rangers 1972 ist in der Sowjetunion live übertragen worden. Dort war zu sehen, wie schottische Fans kurz vor Abpfiff das Spielfeld gestürmt haben. In der Folge sind die ersten Fanschals in Moskau aufgetaucht – die Voraussetzung war aber auch, dass es in der Stadt bereits lokale Rivalitäten gegeben hat.

Neben den Schals sind auch weitere Rituale wie Auswärtsfahrten aus dem Westen gekommen. Dennoch wurde die neue Jugendkultur zu Beginn als vereinbar mit den kommunistischen Staatszielen gesehen.

Ja, auf Fotos aus den 1960er und 1970er Jahren sieht man, wie auch nicht organisierte Fans Transparente in die Höhe gehalten haben. Normalerweise werden die Breschnew-Jahre mit dem Ende des Prager Frühlings 1968 als Einschnitt in die Freizeitkultur gesehen, im Fußball hat es aber weiterhin Freiräume gegeben. Der Staat hat recht viel zugelassen, und es sind diese Jugendgruppen mit Fanschals und ersten Auswärtsfahrten entstanden.

Zu Beginn der 1980er Jahre ist der Staat repressiver geworden: Fanschals sind verboten und die Fankultur als potenzielle Opposition wahrgenommen worden. Warum?

Da spielen zwei Faktoren eine Rolle. Zum einen die inneren Dynamiken der Fankultur – es hat immer mehr Fangruppen, mehr Auswärtsfahrten und mehr Ärger gegeben. Diese Schlägereien und Straßenschlachten sind ab einem gewissen Punkt zu einem Problem für die Miliz geworden. Zum anderen der veränderte internationale Kontext: zuerst mit dem Einmarsch in Afghanistan 1979, dann dem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau und dem Gegenboykott vier Jahre später in Los Angeles, aber auch mit der Solidarnosc-Bewegung in Polen. Die sowjetische Führung hat sich informelle Gruppen wieder genauer angeschaut. In den frühen 1980ern hat sie versucht, die Jugendkultur als Ganzes aus den Stadien zu verbannen – was nicht funktioniert hat.

Wie sind Jugendliche trotz Verbots in die Stadien gekommen?

Spartak-Fans haben mir erzählt, dass sie sich damals einen erwachsenen Zuschauer gesucht haben, der sich als ihr Vater ausgegeben hat. Natürlich ist das aufgeflogen, sobald sie sich im Block zusammengefunden, ihre unter den Jacken versteckten Fahnen herausgeholt und ihre Sprüche skandiert haben. Das ist auch im Vorfeld der Katastrophe im Moskauer Luschniki-Stadion 1982 passiert, als die Miliz versucht hat, das zu unterbinden.

Damals sind mindestens 66 – vermutlich sogar über 100 – Fans gestorben. Wie ist es zu der Katastrophe gekommen?

Um nach dem Spiel Einzelkontrollen durchzuführen und Verhaftungen vorzunehmen, hat die Miliz nur einen Ausgang geöffnet. Im Treppenhaus ist dann eine Massenpanik entstanden. Die Verantwortung dafür hätte sich die Miliz aber nie eingestanden, auch in den Dokumenten ist den Jugendlichen und der Stadionadministration die Schuld gegeben worden. Unmittelbar nach der Katastrophe hat man außer Gerüchten sehr wenig über die Vorfälle erfahren. Mögliche Proteste der Jugendlichen haben die Miliz und der Geheimdienst schon im Vorfeld unterbunden, indem sie Druck auf die Anführer der einzelnen Gruppen aufgebaut haben.

Sie schreiben, dass sich die Fankultur danach verändert hat und die interne Organisation stärker hierarchisch geworden ist.

Das war Ergebnis dieser Repression, aber auch der zunehmend scharfen Gegensätze innerhalb der Fankultur. Der Fanschal ist innerhalb weniger Jahre von einem lustigen Accessoire zu einer Trophäe geworden. Die Botschaft war: Wer einen solchen Schal trägt, ist bereit, an Schlägereien teilzunehmen. In Moskau ist eine Fanbewegung mit starken Hierarchien und Gewaltbereitschaft entstanden – auch in Abgrenzung zu den anderen Sowjetrepubliken, denen gegenüber man sich als kulturell überlegen gesehen hat. Daneben hat es aber auch eine breite Zuschauerkultur im ganzen Land gegeben, die durch einen sowjetischen Patriotismus geprägt war.

Sind dieses interne Autoritätssystem und die Bedeutung der Nationalität auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 geblieben?

Ja, aber die Geschichte der Fankultur ist weitergegangen. Einige Strömungen, die vor der Perestroika noch keinen so großen Einfluss gehabt haben, sind herübergeschwappt: die Hooligankultur, bestimmte Kleidungsstile, dann auch die italienische Ultrabewegung. In jüngster Zeit wird das Ganze im Zuge der Ukraine-Krise noch stark politisch überformt.

Da hat es ja recht früh antirussische Statements ukrainischer Gruppen gegeben. Ist dieser Nationalismus schon in der Sowjetunion entstanden?

Bei diesem Zusammenschluss Anfang 2014 war eine stark antikommunistische Haltung zentral, die ist erst später entstanden. Über Fanbriefe an Dynamo Kiew kann man aber ab den 1960er Jahren sehr schön sehen, wie die Ukraine als etwas gesehen wurde, womit man sich gemeinsam identifiziert hat – damals noch als Sowjetrepublik. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist das sozialistisch gestrichen worden, die Ukraine ist aber geblieben.

Manfred Zeller (37) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen. 2015 veröffentlichte der Historiker beim Verlag Ibidem seine Dissertation „Das sowjetische Fieber. Fußballfans im post-stalinistischen Vielvölkerreich“.

Referenzen:

Heft: 104
Thema: Russland
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png