Die Entdeckung des Feuers

cache/images/article_2250_clapton_140.jpg Eine kontinentale Mode hat den englischen Fußball erreicht - immer öfter brennt es auf den Tribünen. Die Fußballverbände reagieren mit einer Kampagne gegen Pyrotechnik, die Medien machen das Strohfeuer zum Flächenbrand, und die Fans sind entzweit, ob sie den Trend gutheißen oder verteufeln sollen.
Nicole Selmer | 13.03.2014

Am 5. November feiert Großbritannien die Bonfire Night und erinnert an die Vereitelung des Sprengstoffattentats des katholischen Umstürzlers Guy Fawkes auf das Parlament im Jahr 1605: mit Umzügen, der Verbrennung von Fawkes-Strohpuppen und Feuerwerk. In diese Zeit, in der sich die Engländer mit Raketen und Böllern eindecken, fiel 2013 eine Veröffentlichung der Polizei zu Pyrotechnikvorfällen in den Stadien. Die Behörden verzeichneten einen stetigen Anstieg bei der Verwendung von Rauchtöpfen, Bengalen und anderen pyrotechnischen Gegenständen: Wurden in der Saison 2010/11 in den obersten sechs Spielklassen nur acht Vorfälle registriert, lag die Zahl 2011/12 bei 72, 2012/13 bei 199 und in der laufenden Saison bis Ende Oktober schon bei 131. Verglichen mit den hunderten Spielen, die wöchentlich auf englischen Fußballplätzen stattfinden, weiterhin ein kleiner Anteil, aber einer, der die Verantwortlichen der Verbände umtreibt.

Abschreckung und Aufklärung
Anfang Dezember starteten Premier League, Football League und der Fußballverband die Aufklärungskampagne "Face Pyro Facts". Auf der Kampagnenwebsite und mit Postern sollen Fans mit umgetexteten Chants über gesundheitliche und strafrechtliche Folgen informiert werden. Neben den Verbänden und Vereinen hat auch die Fanorganisation "Football Supporters' Federation" (FSF) deutlich Stellung bezogen. "Wir sind strikt gegen Pyrotechnik", sagt FSF-Mitarbeiterin Amanda Jacks. "Fans, die Pyro zünden, setzen viel aufs Spiel: Vorstrafen können ihr ganzes Leben beeinflussen." Den moralischen Zeigefinger will die FSF trotzdem nicht erheben. Jacks sagt: "Wir treten gegen die Verwendung von Pyrotechnik ein, aber helfen denen, die es trotzdem tun. Wir bieten Beratung und Vermittlung von juristischer Unterstützung an."


Die kann unter Umständen dringend nötig werden: Die Gesetzgebung sieht bereits für den Versuch, ein Fußballstadion mit einem pyrotechnischen Gegenstand zu betreten, eine Haftstrafe von bis zu drei Monaten vor. Hinzu kommt ein gerichtlich verhängtes mehrjähriges Stadionverbot. Diese Sanktionsmöglichkeiten wurden bereits ausgeschöpft: Die Premier League listet Fälle auf, in denen Fans von Manchester United, Chelsea, Exeter City und Oxford United zu ein- und zweimonatigen Haftstrafen verurteilt und mit drei und sechs Jahren Stadionverbot belegt wurden. "Ich finde nicht, dass eine Haftstrafe eine angemessene Reaktion ist", sagt Jacks. "Aber sie ist im Rahmen des Gesetzes."

Kinder als Trendsetter
Dass sich das Gesetz in absehbarer Zeit ändert, hält Jacks für ausgeschlossen. Eine Legalisierung von Pyrotechnik sei auch nicht im Interesse der Mehrheit der Fans. "Wenn uns täglich hundert Fans schreiben würden, dass sie sich andere Gesetze wünschen, hätten wir eine neue Situation", sagt sie. "Aber so ist es nicht." In einer Befragung der Fußballverbände unter rund 1.600 englischen Fans äußerten sich 86 Prozent besorgt um ihre Sicherheit. In der Berichterstattung zur Kampagne erklärten Medien vom Guardian bis zur Sun den Fall eines achtjährigen Kindes, das Pyrotechnik im Rucksack mit ins Stadion gebracht hatte, zu einem besorgniserregenden Trend und zitierten den zuständigen Polizeiminister Damian Green mit den Worten: "Jemand könnte getötet werden.""Es wundert mich nicht, dass sich eine Mehrheit gegen die Verwendung von Pyro ausspricht", sagt Rafael Greenwood (Name von der Redaktion geändert) von den "Clapton Ultras". "Wenn ich mich darüber nur über den Verband und die Zeitungen informieren würde, wäre ich auch dagegen." Der Clapton FC spielt neun Ligen unter der Premier League auf dem ältesten Fußballplatz Londons, dem Old Spotted Dog Ground. In dieser Spielklasse, in der vollbesetzte Ränge nicht an der Tagesordnung sind, ist der lautstarke und sichtbare Support der "Clapton Ultras", zu dem neben Fahnen und Gesang auch Pyrotechnik gehört, umso auffälliger. Die Reaktionen sind gemischt: Der Verein musste bereits Strafen zahlen, die Atmosphäre findet jedoch auch viel Anklang, sowohl bei Clapton als auch bei gegnerischen Vereinen und Fans.

Importkultur

Trotz steigender Zahlen und Medienaufmerksamkeit ist die Verwendung von Pyrotechnik in englischen Stadien weiterhin eine Seltenheit. Die Berichterstattung konzentriert sich jedoch auf negative Geschehnisse wie jenen Spurs-Fan, der im Oktober 2013 einen Linienrichter mit einem Rauchtopf beworfen hatte, sagt Greenwood. "Da geht es nicht um Pyrotechnik, sondern um Idioten, die mit Gegenständen werfen - egal ob das ein Rauchtopf, eine Flasche oder sonst etwas ist."

Auf den Unterhausplätzen, auf denen sich die "Clapton Ultras" bewegen, geht der Einsatz von Rauchtöpfen mit einer Vorwarnung einher. Es bleibt Zeit und Platz, um auszuweichen. Die Situation in den vollen Stadien der Premier League, in der es auch in den Auswärtssektoren zugewiesene Sitzplätzen gibt, sei eine andere. "Da wird Pyrotechnik dann vielleicht direkt neben Fans verwendet, die dagegen sind", sagt Greenwood. "Wenn Leute Angst bekommen, kann das zu Unruhe führen, gerade auch weil Pyrotechnik in England nicht so verbreitet ist."


Das ist ein weiterer Punkt der Debatte: Pyrotechnik gilt als unenglisch. Der aktuelle Trend wird als Import vom Kontinent wahrgenommen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pyrotechnikkampagnen in Österreich, Deutschland und Norwegen. Amanda Jacks von der Football Supporters' Federation sagt: "Pyro war früher kein Bestandteil der englischen Fankultur, aber die moderne Technik hat diese Grenzen längst verwischt."


Bewegung in Englands Kurven

Auch unter den Anhängern im Profifußball finden sich mittlerweile Gruppen, die das in England ungewohnte "Ultra" nicht immer im Namen tragen, aber eine kontinentale Fankultur mit Hüpfen, Stehen, Singen und mitunter auch Pyrotechnik ins Stadion bringen. Rafael Greenwood sagt: "Gruppen wie die ,Holmesdale Fanatics' bei Crystal Palace und die ,Red Faction' in Middlesbrough werden oft beschimpft, haben aber auch großen Zulauf. Viele Leute sehen, dass sie wirklich etwas Neues probieren, um die Atmosphäre im Stadion zu verbessern." Dass dazu Rauch und Feuer gehören, ist eine Meinung, die bei der Footballs Supporters' Federation nicht geteilt, aber wahrgenommen wird. Amanda Jacks sagt: "Ich verstehe nicht, warum es zu einer besseren Stimmung beiträgt, in einer Rauchwolke zu stehen. Aber es gibt Fans, die genau das meinen."

Unabhängig von ihrer tatsächlichen Verbreitung fällt die Debatte um Pyrotechnik in eine Zeit, in der Bewegung in die englischen Fanszenen gekommen ist, wie Proteste gegen hohe Ticketpreise und erste Erfolge bei der Wiedereinführung von Stehplätzen zeigen. Ob die Leuchtfeuer auf den Rängen Teil dieser Veränderung sein können oder nicht, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander. Für Rafael Greenwood von den "Clapton Ultras" sind Rauchtöpfe und Bengalen Ausdruck der Kritik am teuren und regulierten Premier-League-Fußball. "Manchmal ist es ein bewusstes Zeichen von Widerstand, aber häufiger der Versuch, die Stadien bunter und leidenschaftlicher zu machen. Die Fans sind die schlechte Behandlung und die mangelnde Atmosphäre leid." Amanda Jacks hält die Wirkung derzeit jedoch für kontraproduktiv. Als Reaktion auf Pyrotechnikvorfälle werden Sicherheitsmaßnahmen weiter verstärkt. "Fans wollen nicht am Einlass von Spürhunden beschnüffelt werden und eine halbe Stunde länger warten, weil nach Feuerwerkskörpern gesucht wird."

Strafbare Stimmung

Neben harten Strafen zur Abschreckung und Aufklärungskampagnen appellieren die Vereine mit sogenannten "Amnesty Bins" an die Fans: Am Einlass stehen Mistkübel, in denen pyrotechnische Artikel straffrei entsorgt werden können. Dieses Angebot wird von den Fans bisher kaum wahrgenommen. 44 Verhaftungen bei 131 Pyrotechnikvorfällen zeigen zudem, dass das Risiko zwar hoch ist, aber auch in englischen Stadien nicht alles geahndet wird.

Die Aufklärung der FSF fokussiert ebenso wie die Kampagne der Verbände auf drohende Gefängnis-strafen und mögliche Gesundheitsrisiken. Diese "Pyro Facts" allerdings sind den zündelnden Fans durchaus bewusst. Die Appelle könnten auch deswegen wirkungslos bleiben, weil beide Seiten aneinander vorbeireden: Die Fans betrachten Pyrotechnik als Stimmungselement, die Fußballorganisationen, die sie verdammen, als strafbare Handlung.

Referenzen:

Heft: 90
Rubrik: Fansektor
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