Die Gäste, die ich rief

cache/images/article_1720_ost_zolles_140.jpg Die Osttribüne der Generali Arena bleibt ein Tummelplatz der extremen Rechten. Mitte September wurde ein aufwendig inszeniertes Requiem für einen Althooligan der Wiener Austria zum Tag der offenen Tür. Der Verein hält sich bedeckt.
Cino Wolkensteiner | 13.10.2011
Es geschah plötzlich, doch in bestem Einvernehmen. »Unsterblich« (UST) und »Viola Fanatics«, die maßgeblichen Fangruppen der Wiener Austria, kündigten einen Tag vor dem Europa-League-Gruppenspiel gegen Metalist Charkiw einen viertelstündigen Supportverzicht an. Selbst die Jubiläums-Choreografie der 2001 gegründeten »Fanatics« wurde verschoben. Anlass war der Tod des langjährigen UST-Mitglieds Uwe B.

Der Verzicht sei ein »Zeichen des Respekts« und mit anderen Fanklubs abgesprochen, hieß es in einem im Internet veröffentlichten Flyer. Doch der Aufforderung, dem »Kameraden die letzte Ruhe« zu erweisen, kamen nicht nur Austrianer nach. Auch Rapid-Fans mischten sich unter die Gäste um »Eisern Wien« wieder auferstehen zu lassen, den vereinsübergreifenden Zusammenschluss Wiener Hooligans. Wenig überraschend kursierten bald auch einschlägige Videos des Verstorbenen. So war Uwe B. beim Gastspiel des VfB Stuttgart in Bratislava 2010 an vorderster Front zu finden, als Slovan-Fans unterstützt von Wienern den Sektor der Deutschen stürmten. Für seine Freunde war er jemand, der für die Szene den Kopf hinhielt.

Wiederholungstäter
Besondere Brisanz erhielt die groteske Inszenierung durch ihre politische Schlagseite. »Scheiß Juden«-Rufe waren an diesem 15. September ebenso vorhanden wie der Hitlergruß. Ein Rufzeichen der Rechten mit Folgewirkung. So erschien zu Uwes öffentlich bekannt gewordenem Begräbnistermin auch der wegen NS-Wiederbetätigung rechtskräftig verurteilte Holocaust-Leugner Gerhard Honsik, der wenige Tage zuvor auf Bewährung aus der Justizanstalt Josefstadt entlassen worden war. Nach dem E-Mail-Kontakt zwischen dem im UST-Umfeld agierenden Rechtsextremen Mihaly »Salo« K. zum norwegischen Attentäter Anders Breivik gewinnt die Austria für Nazi-Kader damit zunehmend an Attraktivität.

Szenen zwischen Geschmacklosigkeit und Wiederbetätigung prägen auch das Bild der Osttribüne. Neben dem im »Blood & Honour«-Design gehaltenen violetten UST-Banner, das zudem in den reichsdeutschen Originalfarben immer noch auf T-Shirts prangt, gelangen Besucher zuweilen auch mit Slogans wie »88 Original Racist« auf dem Rücken ins Stadion. Die Austria-Führung selbst sieht sich machtlos und verwies wiederholt auf die behördliche Verantwortung, Wiederbetätigung gesetzlich zu ahnden. »Unsere Leitlinie werden immer die Gesetze sein, sonst ist der Willkür Tür und Tor geöffnet«, sagt AG-Vorstand Markus Kraetschmer. »Wir gehen den erhobenen Vorwürfen aber genau nach.«

Leichenschmaus
Willkür am Eingangstor wurde gegen Charkiw zum Problem. Arrangements mit den »Generali-Fan-Ordnern« ermöglichten Trauergästen aus Wien und der Slowakei freien Zutritt zur Osttribüne und dem sonst während der Spiele geschlossenen Viola Pub. Der Verdacht, dass mit dem Öffnen des Pubs ein Abfließen radikaler Gruppen von den Rängen erreicht werden sollte, drängt sich auf was sich für die Austria so darstellt: »Wenn man so will, dann war der Leichenschmaus im Viola Pub organisiert, aber es war ein Fehler eines Ordners, die Personen direkt von der Tribüne ins Pub zu führen«, sagt Kraetschmer. Dieser sei bereits »abgemahnt« worden. Fehlende Kontrollen dementiert Kraetschmer. Die Austria-ID aller Gäste sei überprüft, den mit Haus- bzw. Stadionverbot belegten Besuchern der Zutritt zur Osttribüne verwehrt worden.

Für die ID sind Ausweis und Foto nötig ein Aufwand, den wohl nicht jeder Rapidler auf sich nehmen würde. Nicht wenigen Austrianern geht es genauso: Zunehmend wandern frustrierte Fans auf Nord- und Südtribüne ab. »Das Besucherverhalten hat sich geändert«, sagt Kraetschmer. »Die Osttribüne wird aufgrund der strengeren Kontrollen und einer anderen Preispolitik nicht mehr so frequentiert.« Doch UST und Co. wissen die Lücken zu füllen.

Referenzen:

Heft: 66
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 114

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