Die Geschichte der getrennten Wege

Als Fabio Quagliarella im Sommer 2009 für Napoli unterschrieb, wollte er sich und den Fans einen Traum erfüllen. Ein Jahr später beschimpfte ihn die Kurve als Verräter. Erst jetzt wurde bekannt, dass Quagliarella damals im Zentrum eines Kriminalfalls stand.

Jakob Rosenberg | 11.04.2017

Wer durch die Altstadt Neapels spaziert, kommt an zahlreichen fliegenden Buchhändlern vorbei. In ihren aufklappbaren Metallboxen bieten sie gebrauchte Bücher und verbilligte Restposten an. Die Auswahl reicht von antiquarischen Juwelen aus den 1970er Jahren bis zu lieblos gestalteten Nachdrucken von Klassikern. Doch fast alle setzen stark auf Lokales, es gibt Kochbücher, Dialektwörterbücher, Geschichtsbücher – und Handbücher zur Smorfia. In diesem Brauch werden Elemente aus Träumen Nummern von 1 bis 90 zugeordnet. Der Clou dieser Traumdeutung besteht darin, das Geträumte als Wink des Schicksals zu sehen und so die richtigen Zahlen für die nächste Lottoziehung auszuwählen. Die Smorfia hat die Neapolitaner zwar nicht reich gemacht, als Folklore ist sie aber dennoch weit verbreitet. Auf ihre Zahlenspiele wird häufig Bezug genommen – auch von den Napoli-Fans, als sie ihrem Ex-Spieler Fabio Quagliarella ein Transparent widmeten.

Der kurze Traum
Am 9. Jänner 2011 hing ein riesiges Juventus-Trikot mit Quagliarellas Namen und der Nummer 71 von der Tribüne des San Paolo. Die Nummer steht in der Smorfia für den omm ’e mmerd, was freundlich übersetzt so viel wie Scheißkerl bedeutet. Quagliarella war wenige Monate zuvor am Ende des Sommertransferfensters völlig überraschend zu Juventus gewechselt. Dabei war er erst 2009 um eine Rekordablösesumme und unter riesigem Tamtam nach Neapel geholt worden. Der aus Castellammare di Stabia, einem Vorort Neapels, stammende Stürmer sollte die lokale Identifikationsfigur werden. Er unterschrieb einen Fünfjahresvertrag und war der bestbezahlte Spieler im Kader.

Quagliarella wurde den hohen Erwartungen im Großen und Ganzen gerecht, er schoss elf Ligatore, Napoli erreichte trotz eines schlechten Saisonstarts und Trainerwechsels mit dem sechsten Rang die beste Platzierung seit 1994. Über die Motive des plötzlichen Abschieds wurde in den Medien viel spekuliert. Quagliarella könne nicht mit seinen Mannschaftskollegen oder dem neuen Trainer Walter Mazzarri, vermuteten die einen. Er sei dem Ruf des Geldes aus Turin gefolgt, die anderen.

Heute spielt Quagliarella längst nicht mehr für Juventus, die Beschimpfung mit der Zahl 71 wiederholte sich jedoch bei seiner nächsten Station, dem Torino FC. Im Jänner 2016 hatte er nach einem Elfmetertor bei Napoli den Heimfans eine entschuldigende Geste gezeigt und damit die Torino-Fans gegen sich aufgebracht. Beim nächsten Heimspiel präsentierten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Für uns bist du nur ein 71er“, zum Einsatz kam er nicht. „Quagliarella hat einen Fehler gemacht“, sagte sein damaliger Trainer Giampiero Ventura. „Wer unser Trikot trägt, muss die Fans respektieren – so wie die Fans die Spieler respektieren müssen.“ Schließlich gab Torino den Stürmer noch im Winter an Sampdoria ab. Seit Februar 2017, also fast sieben Jahre später, ist sein plötzlicher Abschied aus Neapel wieder ein Thema in der Öffentlichkeit – mit einer überraschenden Wendung: Quagliarella war Opfer eines Verbrechens.

Der lange Albtraum
Schon bevor er für Napoli unterschrieben hatte, erhielten Quagliarella und seine Eltern anonyme Briefe. „Darunter waren Fotos von nackten Mädchen. Daneben ist gestanden, dass ich pädophil sei. In anderen wurde behauptet, dass ich für die Camorra tätig sei, im Drogenhandel aktiv, an Wettbetrügereien beteiligt“, erzählte Quagliarella mit Tränen in den Augen Anfang März in einem langen TV-Interview. „Wir reden hier nicht von ein, zwei Briefen, sondern hunderten.“ Die Häufigkeit der Korrespondenz nahm nach seinem Wechsel zu Napoli zu, der Ton wurde rauer, Quagliarella sogar mit dem Tod bedroht. Schließlich erhielten auch ein enger Freund und die lokale Anti-Mafia-Behörde ähnliche Briefe – ebenso sein Verein. Darin wurden dem Spieler Drogenkonsum und Verbindungen zur organisierten Kriminalität vorgeworfen. Als Quagliarella mit der Mannschaft zur Europa-League-Qualifikation gegen den IF Elfsborg nach Schweden reiste, wurde er von den Betreuern zur Seite genommen: „Sie haben mir gesagt: ‚Wir haben dich verkauft. Es ist besser, wenn du heute nicht spielst.‘ Das war ein Schock“, erzählt Quagliarella.

Die Fans überschütteten den Spieler daraufhin mit Vorwürfen. „Ich bin in Neapel nur mit Kappe und Sonnenbrille ausgegangen, um den Beschimpfungen aus dem Weg zu gehen“, sagt Quagliarella heute. Auch die anonymen Bedrohungen gingen trotz des Wechsels weiter. Fünf Jahre dauerte der Psychoterror, bis Quagliarellas Vater erstmals den wahren Täter verdächtigte, einen befreundeten Polizisten. Er hatte die Familie in dem Fall beraten und schon nach den ersten Drohungen vorgegeben, die Behörden zu informieren. „Er hat mir hunderte Anzeigen zur Unterschrift vorgelegt, diese aber nie eingebracht“, sagt Quagliarella. „Er hat immer gesagt, dass wir mit niemandem sprechen sollen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.“

Schon bald nach der Anzeige durch die Familie wurde der Täter verhaftet. Über ein Jahr nach Prozessbeginn wurde er im Februar schließlich wegen Stalkings nicht rechtskräftig zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Quagliarella nahm das Urteil zum Anlass, öffentlich über den Fall zu sprechen. Die Ablehnung der Napoli-Fans nach seinem vermeintlichen Verrat habe ihn getroffen, aber auch bestärkt, sagte er: „Das hat mir gezeigt, dass sie mich lieben. Wäre ich ihnen egal gewesen, hätten sie nicht so stark reagiert.“ Tatsächlich hing Anfang März beim Spiel gegen Crotone wieder ein Transparent für Quagliarella im San Paolo. „Du hast in der Hölle gelebt und Würde behalten“, stand darauf. „Wir werden dich wieder umarmen, Fabio, Sohn dieser Stadt.“ 

Referenzen:

Heft: 121
Thema: Fabio Quagliarella
Verein: SSC Napoli
ballesterer # 121

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