Die Grenzen der freien Welt

cache/images/article_1577_imago05864_140.jpg Selbstbestimmung versus Repression, freie Ausdrucksformen und zensurierte Choreografien, faire Auseinandersetzung oder gewalttätige Exzesse die Geschichte der Ultra-Bewegung ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Das Bewusstsein darüber wollen jetzt zwei neue Buchpublikationen schärfen.

Ich durfte mich als Teil einer freien und wahren Welt fühlen.« An Pathos mangelt es Giovanni Francesio nicht. An Pessimismus ebenso wenig, wenn er in seinem Buch »Tifare Contro« Resümee zieht über 40 Jahre Ultra-Bewegung in Italien. Die Geschichte der Freiheit und Wahrheit beginnt bei Francesio 1968, als Jugendliche am Vorabend der größten Streikbewegung Italiens erstmals ihre Protestformen von der Straße in die Kurve trugen. Die Ultras schufen sich in den folgenden Jahren neue Freiräume, die sie zunehmend mit gewalttätigen Mitteln auszudehnen oder zu verteidigen suchten. Nicht zufällig endet Francesios Darstellung im Jahr 2007, als mit dem Polizisten Filippo Raciti und Lazio-Fan Gabriele Sandri zwei weitere Namen in die lange Todesliste des italienischen Fußballs eingetragen wurden. »Vielleicht ist das Buch in Italien zu spät erschienen, weil der Zeitpunkt möglicherweise schon überschritten war, wo beide Seiten einen Schritt zurückgehen und sich mit den tatsächlichen Gegebenheiten auseinandersetzen können«, sagt Kai Tippmann, dessen Übersetzung von »Tifare Contro« Anfang November erschienen ist.

 

Die Entwicklung in Österreich, Deutschland und der Schweiz ist eine andere, dort kommt Ultra nicht von der Straße, sondern als Importprodukt aus Italien. »In Deutschland ist die Bewegung nicht als Protestkultur entstanden, das hat sich erst in der Auseinandersetzung mit den Widerständen, die den Ultras entgegengebracht wurden, entwickelt«, sagt Politikwissenschafter Jonas Gabler, der gerade das Buch »Die Ultras« veröffentlicht hat. »Daher sind Ultras in Deutschland auch in vielerlei Hinsicht pragmatischer und weniger grundsätzlich antagonistisch.«

 

Literaturboom
Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Ultras boomt, das Selbstzeugnis Francesios und die Analyse Gablers sind neben wissenschaftlichen Abschlussarbeiten zur Ultra-Subkultur die jüngsten Beispiele. Warum aber werden verstärkt Bücher über etwas geschrieben, das man einfach im Stadion miterleben kann? »Ich wollte eine Brücke schlagen zwischen fußballinteressierten Lesern und der aktiven Fanszene«, sagt Gabler. »Die Ultras werden wahrscheinlich nicht viel Neues in meinem Buch erfahren, aber ich hoffe, dass sie darin ein authentisches Bild von ihrer Szene finden. Da gibt es ein tiefes Bedürfnis, sich mit der eigenen Situation und den aktuellen Konflikten auseinanderzusetzen.« Die Übersetzung von »Tifare Contro« geht auf die Initiative von Kai Tippmann zurück, der selbst seit Jahren auf altravita.com zum Geschehen in Italiens Kurven bloggt. »Ich wünsche mir, dass Menschen aus Entwicklungen und eben auch Fehlentwicklungen in Italien lernen«, sagt Tippmann. »Es ist wichtig zu wissen, worüber man spricht. Wenn sich jemand hinter einem Banner aufreiht, einen Bengalen in die Luft hält und einen Schal um den Hals trägt, sollte er über grundsätzliche Episoden der Ultra-Geschichte informiert sein.«

Ergraute Vorbilder
Auch in Deutschland wird das Ausleben von Ultra-Kultur seit langem eingeschränkt, insbesondere bei Auswärtsspielen: Das Spektrum reicht hier von Verhandlungen über Fahnenstocklängen, Zaunfahnen und Inhalte von Choreografien über personalisierte Eintrittskarten bis zu Restriktionen bei Auswärtstickets. In der Regel sind das Reaktionen auf tatsächliche oder für die Zukunft befürchtete Grenzüberschreitungen der Ultras. Für Jonas Gabler Maßnahmen, die nicht gegen die Gewalt oder einzelne Täter, sondern vielmehr gegen die Fankultur und ihre Stilmittel selbst gerichtet sind: »Die Gefahr dieses Vorgehens ist eine Isolierung und damit möglicherweise eine Radikalisierung der Ultras.«

 

Dieser Weg ist in Italien bis an sein vorläufiges Ende gegangen worden, mit allen Konsequenzen für die Kurven und ihre Außenwirkung. Mit den Fahnen, Trommeln und Gesängen wird das ausgelöscht, was Ultras attraktiv gemacht hat, wie Tippmann auch aus seiner Erfahrung im Italien der frühen 1990er Jahre weiß: »Für mich war klar, als ich die ersten italienischen Kurven gesehen habe: Das ist schön, das ist, wie ich mir Support vorstelle. Heute würde mir das nicht mehr so gehen.«

 

Die italienischen Kurven haben mit ihren Farben auch einen großen Teil ihrer Anziehungskraft verloren, viele Gruppen haben sich aufgelöst. Das Gewaltproblem wurde dadurch nicht gelöst. Tippmann gibt zu bedenken, dass mit den Gruppenstrukturen auch die Möglichkeit zur Regulierung verloren gegangen sei. »Es gehen trotzdem noch dieselben Leute ins Stadion, nur ist niemand mehr für irgendwas verantwortlich. Man hat es mit einer relativ gesichtslosen Masse zu tun, die sich nicht mehr regelmäßig trifft, sondern in der jeder mit dem Auto auswärts fährt und tun kann, was er will.«

Krieg zwischen Jugend und Staat
»Es gibt immer mehrere Möglichkeiten der Repression, und in Italien hat man immer die schlechtere gewählt«, schreibt Francesio in »Tifare Contro«. Eine Alternative wäre die schlichte Anwendung der bestehenden Gesetze gewesen, die Isolierung und Belangung verantwortlicher Einzelner. Kollektivstrafen, seien es gruppenweite Stadionverbote oder Spiele ohne Auswärtsfans, lassen sich als Ausdruck einer Niederlage des Staates verstehen, als Unfähigkeit, die eigenen Gesetze zu exekutieren. Das macht Gabler auch für die Verhältnisse in Deutschland aus: »Nicht die Ultra-Kultur ist das Problem, sondern die Gewalt, und die muss mit den strafrechtlichen Mitteln bekämpft werden, die auch bei Disco- oder Volksfestbesuchern Anwendung finden. Dort wird ja nicht das Oktoberfest selbst als Problem betrachtet.«

 

Mit einem pessimistischen Blick über das Stadion hinaus lässt sich jedoch eher eine gegenteilige Tendenz erkennen, eine Übertragung kollektiver Verbots- und Repressionsmaßnahmen auf andere gesellschaftliche Bereiche von Alkoholverboten in Zügen und Aufenthaltsverboten an öffentlichen Plätzen bis zu Polizeiübergriffen bei Demonstrationen. An dieser Stelle darf auch in größeren Dimensionen gedacht werden. Francesio schildert die Gewalteskalationen im italienischen Fußball als Teil »eines nie explizit erklärten Kriegs zwischen einem großen Teil der italienischen Jugend und der Staatsmacht«. Eine Beobachtung, die sich aktuell auch in Ländern wie Frankreich und Griechenland machen lässt, in denen solche Konfrontationen über Streiks oder Demonstrationen eskalieren. »Ein demokratischer Staat darf seine Polizei nicht so gegen jugendliche Protestformen in Stellung bringen«, meint Jonas Gabler.

 

Gescheiterter Staat
Doch auch für die Ultra-Kultur ist das Thema der gewalttätigen Auseinandersetzung mit anderen Fans oder der Polizei zentral. Für Italien schildert »Tifare Contro« zahlreiche Episoden mit Toten, Verletzten und immensen Sachschäden; darunter manche, die viel Aufruhr in den Medien nach sich gezogen haben wie der Tod von Genoa-Fan Vincenzo Spagnolo 1995 durch den Messerstich eines Milan-Ultras, und andere, die sich fast unbemerkt von der Öffentlichkeit abgespielt haben. Auf Dauer ein unhaltbarer Zustand, wie Tippmann feststellt: »Nicht einmal hartgesottene Alt-Ultras würden behaupten, dass die Gewaltepisoden Anfang der 1990er Jahre von einer funktionierenden Zivilgesellschaft akzeptiert werden könnten.«

 

Die Diskussionen nach dem Tod Spagnolos markieren für Francesio einen Punkt, an dem die Ultras die Chance verpasst haben, zur Lösung der verfahrenen Situation beizutragen. Die Möglichkeit der Selbstregulierung wäre durch die strengen Hierarchien vorhanden gewesen, meint auch Tippmann: »In unserer Kurve bei Milan durfte man nicht einmal ein Taschentuch aufhängen, ohne das Okay des Capos zu haben. Gleichzeitig gab es irrwitzige Gewaltepisoden, die in den Kurven immer wegdiskutiert wurden.« Die Isolierung der Gewalttäter, an der der italienische Staat gescheitert ist, ist also ebenso das Scheitern der Bewegung selbst. Auch die Ultras haben mit Francesios Worten »den rein Kriminellen, den Psychopathen, den Idioten nicht das Wasser abgegraben«.

 

Im deutschsprachigen Raum ist die Situation bei weitem nicht so stark eskaliert, jeder Vergleich mit »italienischen Verhältnissen« ist angesichts der zahlreichen Toten und Verletzten in Italien ein Hohn. Bei den deutschen Ultras beobachtet Gabler Ansätze einer kritischen Selbsthinterfragung in ihrem Verhältnis zur Gewalt: »Wichtig ist, dass diese Selbstreflexion zu einem Zeitpunkt kommt, an dem die Situation noch nicht so verquer ist wie in Italien.« Beschworen werden in diesen Überlegungen der Szene selbst die ursprünglichen und vermeintlich verloren gegangenen Ideale, die »mentalita«, zu der neben Gruppenzusammenhalt auch die Vorstellung eines fairen, weil geregelten Kampfes gehört ohne Waffen, nicht in Überzahl, nicht aus dem Hinterhalt und nur gegen echte Rivalen.

Faires Boxen
Schwierig an verloren gegangenen Idealen allerdings ist, dass es sie womöglich in der Realität nie gegeben hat. Das da sind sich Francesio, Gabler und Tippmann einig dürfte wohl auf das Ideal der fairen Auseinandersetzung zutreffen. Ein Messer, eine Kette oder Stange sind in Italien schnell und einfach zur Hand gewesen. Besonders bei jenen Gruppen, die ohnehin nichts von einem selbst auferlegten Kodex halten. So beschreibt Tippmann diese Strömung nach dem Tod Spagnolos: »Da war die Botschaft: Ultra heißt, wir machen, was wir wollen, und wenn ihr den fairen Kampf sucht, dann geht doch ins Box-Center. Wirklich ernsthaft und bei einer breiten Mehrheit hat sich nicht einmal der Verzicht auf Messer durchsetzen können.«

 

Einer solchen Einigung im Weg gestanden ist auch der italienische Lokalpatriotismus, in dem viele Rivalitäten ihren Ursprung haben. »Italienischen Ultras ist es nie gelungen, vereint für eine Sache zu kämpfen und verbindliche Regeln zu definieren«, sagt Tippmann. »Am Ende hat immer der Lokalpatriotismus gesiegt, weil es für eine Kurve in Bergamo immer wichtiger war, die Neapolitaner zu hassen, als sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen, um die Bewegung als solche zu sichern.«

 

In Österreich zeigen organisierte Fans mit der Initiative »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« gerade, wie schlagkräftig eine gemeinsame Aktion unter Zurückstellen der Rivalitäten sein kann. In Deutschland haben große Teile der Ultra-Szenen mit der Fandemo in Berlin ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Dennoch entsteht gerade im Zuge von Gruppenaufspaltungen und Neugründungen ein Netz von zunehmend undurchschaubaren Feindschaften, die Anlass für neue Kämpfe sein können.

Begrenzte Freiheit
Neben den Konflikten schildert Gabler in seinem Buch aber auch das Potenzial der Ultras als »emanzipatorische Jugendbewegung«: Solidarität, Kreativität, Engagement in gesellschaftspolitischen Fragen wie Kommerzialisierung, Datensicherheit und Repression, von Spendenaktionen für Waisenkinder oder Obdachlose ganz zu schweigen. »Die Vorstellung von Ultra als einer emanzipatorischen Jugendbewegung vereint zum einen die Kraft und den Mut, eigene Interessen auch gegen Widerstände durchzusetzen, aber auch die Selbstreflexion, auf welchen Wegen das nicht möglich ist.« Das umschreibt wohl, was auch Francesio an der »freien und wahren Welt« so schätzt. Doch die Freiheit dieser Welt stößt an ihre Grenzen, sobald sie das Gewaltmonopol des Staates infrage stellt. Tippmann unterstreicht die Lehrwirkung des Beispiels Italien, wo Freiräume lange Zeit toleriert wurden: »Der Staat hat erst interveniert, als letztlich Anarchie ausgebrochen ist und keine Art von Kodex eingehalten wurde. Francesio beschreibt mit großer Frustration, wie die Ultras die Chance hatten, sich zurückzunehmen, zu diskutieren, einen anderen Weg einzuschlagen. Diese Chance wurde nicht genutzt, und jetzt sitzen wir auf der Asche der Bewegung.«

Buchtipps
Giovanni Francesio: »Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultras« (Burkhardt & Partner, 2010)
Jonas Gabler: »Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland« (PapyRossa, 2010)

Referenzen:

Heft: 58
Rubrik: Fansektor
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