„Die guten Leute finden zueinander“

Cesar Luis Menotti, Uwe Seeler und nun Alex Ferguson – sie alle haben schon den Preis der „Deutschen Akademie für Fußball-Kultur“ entgegengenommen. Die Nürnberger Einrichtung vergibt aber nicht nur Trophäen, sie ist ein Netzwerk für all jene, die über den Fußball nachdenken, schreiben und reden. 

Nicole Selmer | 15.11.2016

Fußball sei ein Arbeitersport, sagt Alex Ferguson in hartem Schottisch. Seine Spieler – allen voran Cristiano Ronaldo – hätten ihm sein Arbeitsethos immer abgenommen, deswegen sei er so erfolgreich gewesen. Der ehemalige Trainer von Manchester United ist gerade mit dem Walther-Bensemann-Preis ausgezeichnet worden. Seit zehn Jahren vergibt die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“ in Nürnberg diesen und weitere Kulturpreise. Auch Peter Stöger ist heuer unter den Geehrten: Per Publikumsentscheid wurde ein Sager des Köln-Trainers zum „Fußballspruch des Jahres“ gewählt. Akademieleiterin Birgitt Glöckl erklärt nach der Feier im Interview, warum der Fußball Kultur braucht und die Kultur Preise.

ballesterer: Wie erklären Sie, was die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“ macht?

Birgitt Glöckl: Ich fange manchmal damit an zu sagen, was wir nicht machen: Wir bilden keine Fußballtalente aus, und wir sammeln auch keine Beckenbauers in Öl. Das sind zwei häufige Missverständnisse, also dass wir uns wie die Klubakademien um den Nachwuchs kümmern oder uns mit Kultur im Sinne von Hochkultur beschäftigen. Wir sind ein Netzwerk von Menschen, die sich mit Fußball befassen, aber mit dem, was jenseits des Spielfelds passiert.

Wird der Begriff der Fußballkultur in Deutschland nicht seit der WM 2006 so ziemlich jeder Initiative umgehängt?

Damals haben sicher einige Missverständnisse angefangen. Manche haben unter Fußballkultur verstanden, mit schwarz-rot-goldenen Wimpeln durch die Gegend zu fahren. Zugleich wurde ein offizielles WM-Kulturprogramm organisiert, es hat Fußballkunst im öffentlichen Raum gegeben. Viele Fans haben da gesagt: „Was soll das denn? Das hat mit unserer Kurve nichts zu tun.“ Unsere Definition von Fußballkultur meint nicht nur Kultur im Sinne von künstlerischen Äußerungen, sondern tägliches Handeln, Dinge, die Menschen bewegen.

Die Akademie besteht seit 2004, was hat sich in diesem Bereich seither verändert?

Man bekennt sich stärker zum Fußball. Das ist auch manchmal anstrengend, besonders wenn es von Politikern kommt. Da hat jeder plötzlich seinen Lieblingsverein oder gratuliert der Nationalmannschaft auf Twitter, und du denkst dir: „Haben die nicht eigentlich andere Aufgaben?“ Aber es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass in Romanen einfach ein Wochenende beim Fußball vorkommt. Oder dass jemand, der zu Geschlechterfragen oder dem Nationalsozialismus forscht, sich auch zu Fußball äußert.

Fußball ist feuilletonfähig geworden, aber gibt es trotzdem weiter Berührungsängste?

Ja, die begegnen mir immer wieder. Die Akademie gehört ja zum Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg – und die Verbindung war am Anfang schwer erklärungsbedürftig. Das hat sich inzwischen geändert, der Stadtrat ist sehr zufrieden mit uns, weil wir wichtige Themen wie Menschenrechte und Jugendpolitik ansprechen. Die Stadt bietet den Organisationsrahmen, finanziert werden wir auch durch Sponsoren. Im Akademieteam arbeiten fünf bis sechs Leute, wobei ich die einzige Vollzeitstelle habe.

Welche Rolle spielt der Standort Nürnberg für Ihre Arbeit?

Nürnberg ist für den Fußball ein Traditionsstandort, auch wenn er nicht immer von Erfolg verwöhnt war. Hier ist das Kicker-Sportmagazin angesiedelt, das ebenfalls von Anfang an Partner der Akademie war. Da hat einfach viel zusammengepasst, und nachdem wir im Herbst 2006 den ersten Fußballkulturpreis verliehen hatten, ließ sich die Akademie auch nicht mehr so einfach wieder loswerden.

Was ist der Gedanke hinter den Preisen?

Eine der ersten Ideen war: Wir zeichnen das Fußballbuch des Jahres aus. In England gibt es so etwas seit Jahrzehnten, in Deutschland gab es das bis dahin nicht. Beim Bildungspreis geht es darum, Fußball als Medium zu sehen – etwa für Kinder, die so zum Lernen ermuntert werden. Egal, ob das über das eigene Spielen, Prominente oder das Stadionerlebnis funktioniert. Der Walther-Bensemann-Preis, der an den Gründer des Kicker erinnert, wird an jemanden vergeben, der viel für die internationale Entwicklung des Fußballs getan hat. Da geht es nicht nur um möglichst viele Titel, sondern auch um die Integrität der Person. Heuer hat sich die Jury für Alex Ferguson entschieden. Allein 27 Jahre bei einem Verein rechtfertigen so gut wie jeden Preis. Und er ist auch nach seiner Karriere als gesellschaftliches Vorbild aktiv – als Unicef-Botschafter und Universitätsdozent.

Bei den Fußballsprüchen sind österreichische Beiträge besonders erfolgreich, da hat es bereits drei Sieger gegeben. Warum?

Vielleicht sind Österreicher schlagfertiger? Die Zitate von Josef Hickersberger, Sebastian Prödl und jetzt Peter Stöger waren ja keine Versprecher. Mein Favorit ist immer noch der Hickersberger: „Wir haben nur unsere Stärken trainiert, deswegen war das Training nach 15 Minuten abgeschlossen.“ Er ist damals auch im eleganten Abendoutfit erschienen und hat Handküsse verteilt.

Ist die Preisverleihung auch so etwas wie ein Netzwerktreffen für die Fußballkulturschaffenden des Landes?

Es ist wirklich faszinierend, dass diejenigen, die coole Sachen machen, sich häufig bereits begegnet sind. Die guten Leute finden zueinander – und wir können einen Teil dazu beitragen. Gleichzeitig gibt es noch viel mehr Menschen, die wir ansprechen können. Und natürlich braucht es auch immer Querdenker und neue Leute, die sagen: „Jetzt müsst ihr mal etwas anders machen.“

Worin besteht die Arbeit der Akademie während des restlichen Jahres?

Wir haben in Nürnberg zum Beispiel eine Veranstaltungsreihe mit Filmen und Diskussionen, in denen wir auch aktuelle Konfliktthemen behandeln. Wir machen aber keine Veranstaltungen aus Sicht von Fans oder Klubs. Bei uns sollen sich alle unabhängig von ihrer Vereinszugehörigkeit austauschen können.

Birgitt Glöckl (37) wurde in Franken geboren, hat in Leipzig Kulturwissenschaften studiert und ist Saisonkarteninhaberin in der Nürnberger Nordkurve. Seit 2005 ist sie für die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“ tätig, die sie seit 2014 leitet. 

Referenzen:

Heft: 117
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png