Dass die Fans gerade den Song der selbst ernannten walisischen »Sexbomb« zu ihrer inoffiziellen Hymne auserkoren haben, erscheint eher zufällig. Der Legende zufolge sollte der Stoke-Anhang auf einer Auswärtsfahrt vor einem Pub auf Anweisung eines Ordnungshüters seine Ausdrucksweise zivilisieren, und Tom Jones aus der Jukebox kam da gerade recht. Dass in der Stoke-City-Version das Messer in der Hand von Delilah durch ein männliches Geschlechtsteil ersetzt wurde, liegt wohl in der Natur des britischen Humors. Die »Power of Delilah« mussten diese Saison jedenfalls schon Ligagrößen wie Arsenal, Tottenham oder Manchester City anerkennen und ohne Punkte die Heimreise aus dem Britannia Stadium antreten.
Robbie Williams und das Töpfermuseum
Stoke-on-Trent gilt als das Paradebeispiel einer englischen Midlands-Stadt. An der M6-Autobahn zwischen Birmingham und Liverpool gelegen, genießt die 350.000-Einwohner-Stadt einen touristisch uninteressanten Ruf. Sehenswürdigkeiten sind neben dem lokalen Töpfermuseum spärlich gesät. Ungleich packender hingegen präsentiert sich das fußballerische Geschehen im ehemaligen Zentrum der englischen Töpferindustrie. Neben dem kleineren Verein Port Vale FC, der mit der Übernahme durch Popstar Robbie Williams in die Schlagzeilen gelangte, genießt vor allem Erzrivale Stoke City FC hohen Identifikationswert in der Bevölkerung.
»Für die Anhänger bedeutet Stoke City einfach alles«, bestätigt Dave vom größten Fanzine The Oatcake gegenüber dem ballesterer die enge Verbundenheit der Fans mit dem Verein. Doch der Weg in die derzeitige Euphorie war kein leichter. Bereits 1863 als »Stoke Ramblers« gegründet, feierten die »Potters« 1972 ihren größten Erfolg, als sie unter Tony Waddington im ausverkauften Wembley-Stadion gegen Chelsea den Ligapokal in die Midlands holen konnten. Dass Tradition nicht unbedingt Tore schießt, mussten der Verein und seine Fans in den darauffolgenden Jahren aber bitter bezeugen. 13 Jahre nach dem Erfolg im Ligacup stieg Stoke mit einer katastrophalen Punkteausbeute von nur 13 Zählern in die zweite Liga ab. 1990 folgte dann sogar der Gang in die Drittklassigkeit.
Dem nicht genug, fiel 1997 das Heimstadion der »Potters« nach 119 Jahren den Konsequenzen des Taylor-Reports zum Opfer und wurde später abgerissen. Der Umzug in das neue Britannia Stadium sorgte zunächst für Unmut bei den Fans. Dave erinnert sich: »Wir mussten uns erst an die neuen Gegebenheiten gewöhnen. Im Gegensatz zum Britannia Stadium war der Victoria Ground mitten in der Stadt und in eine Wohngegend samt Infrastruktur eingebettet. Viele Befürworter gab es damals nicht, aber mittlerweile hat die Atmosphäre im Britannia fast alle überzeugt.« Der Stoke-Support weinte unter den Auswärtsfans der restlichen Teams herrschte Erleichterung. Denn der Victoria Ground galt in der Hochzeit der britischen Hooliganbewegung als besonders heißes Pflaster. Stokes Firm, die »Naughty Forty«, trug maßgeblich zum rauen Ansehen der Stadt bei.
Laut zum Erfolg
Und noch heute verheißt eine Auswärtsfahrt nach Stoke-on-Trent für die mitreisenden Fans nichts Gutes. Zwar ist Stoke der Hooligan-Problematik Herr geworden, doch nun setzt es für die Auswärtsfans statt blauer Flecken eben taube Ohren. Nach dem erstmaligen Aufstieg seit Gründung der Premier League ist das 28.000 Zuschauer fassende Britannia Stadium bei fast jedem Heimspiel ausverkauft.
Obgleich der Klassenerhalt noch lange nicht fixiert ist, haben sich die »Potters« schon vor Saisonende einen Titel gesichert, der sich sehen lassen kann. In einer Geräuschmessung in allen Premier-League-Stadien wurde der durchschnittliche Dezibelwert über 90 Minuten ermittelt. In der alljährlichen »Noise League« verwiesen die »Potters« mit 101,8 db Ligagranden wie Tottenham (97,6) und Liverpool (95,4) auf die Plätze. Und die Leistung der Fans spiegelt sich auch auf dem Platz wider. Laut Martin Spinks, Journalist beim lokalen The Sentinel, hängen die Trauben für Auswärtsteams im Britannia Stadium sehr hoch: »Eine Auswärtsfahrt nach Stoke ist für die mitgereisten Fans schon aufgrund der Resultate ein enttäuschendes Erlebnis.«
Mit dem enthusiastischen Publikum im Rücken hat sich Stoke in der laufenden Saison zu einer wahren Heimmacht entwickelt. Dass der Verein die Geduld der Fans so lange auf die Probe gestellt hatte, scheint sich nun bezahlt zu machen. Denn Dave sieht die Euphorie vor allem in der jahrelangen sportlichen Tristesse begründet: »Wir haben mittlerweile eine ganze Fangeneration, die ihren Verein zum ersten Mal in einer sportlich anspruchsvollen Liga gegen die Topklubs antreten sieht. Sie lechzen förmlich nach Chelsea, Arsenal und Manchester United und Besuchen in den großen Stadien des Landes.«
Bei den Gegnern gefürchtet, genießen die gesanglichen Darbietungen der Fans seitens der Klubführung und Spieler die volle Unterstützung. Aufstiegscoach Tony Pulis stimmt nach einer Partie schon einmal am Mittelkreis lauthals in »Delilah« ein, und für Abwehrspieler Abdoulaye Faye ist der »Potters«-Support sowieso der beste der Liga. Bleibt zu hoffen, dass man Tom Jones auch abseits der Pauseneinspielungen noch länger in den Stadien der Premier League zu hören bekommt.
»Delilah« in der Version der Stoke-City-Fans:
(siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=fQdh0spLU7M)
At break of day when that man drove away I was waiting
WHOOOOAAAAAAAHHHHHH
I crossed the street to her house and she opened the door
WHOOOOAAAAAAHHHHH
She stood there laughing
HA HA HA HA
I felt my dick in her hand and she laughed no more
WHOOOOAAAAAAAHHHHHH
Why Why Why Delilah
Why Why Why Delilah
So before you come to break down the door
Forgive me Delilah I just couldn't take anymore
WHOOOOAAAAAAAHHHHHH
Why Why Why Delilah






Mit dem Stoke City FC ist ein Stück Tradition zurück auf der großen englischen Fußballbühne. Im heimischen Britannia Stadium kaufen die »Potters« den Großen der Liga Woche für Woche die Schneid ab und setzen dank einer frenetischen Unterstützung auf den Rängen neue Maßstäbe in puncto Heimvorteil.
erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen