Die Magie der Beschränkung

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Stuart Roy Clarke präsentiert in seinem neuen Fotobildband ein ruhiges, emotionales und manchmal nostalgisches Porträt der untergegangenen britischen Fußballkultur der 1990er Jahre.

Stuart Roy Clarke
"The Homes of Football. Britische Fußballkultur in den 90er Jahren"
(Spielmacher 2014)

 

Jakob Rosenberg | 10.12.2014

Vermutlich hat nichts den globalen Fußball in den letzten Jahrzehnten so stark revolutioniert wie die Einführung der Premier League 1992. Stuart Roy Clarke dokumentiert in seinem neuen Buch den Wandel in den britischen Stadien mit wenigen Worten und starken Bildern. Er zeigt mit Stacheldraht eingezäunte Millwall-Fans, die letzten Stehplatztribünen Englands, Abrissbirnen auf den Fußballplätzen und reine Sitzplatzarenen.

ballesterer-Leser werden viele Motive aus dem Buch bereits aus Clarkes Fotorubrik kennen, ein Nachteil ist das aber nicht. Das Buch will nicht mit Neuigkeiten überraschen, sondern als ruhiges Zeitdokument immer wieder und wieder angeschaut werden. Dank der großartigen Fotos und der schönen Verarbeitung wird ihm das auch gelingen.

ballesterer: Warum haben Sie Fußball als Motiv Ihrer Arbeit gewählt?

Stuart Roy Clarke: Ich mache diese Fotos, weil das Thema mit all seinen Unzulänglichkeiten so wunderschön ist. Ich könnte mich auch einer anderen Sportart, der Landschaftsfotografie oder sonst einem Bereich widmen, doch nichts ist so schön wie der Fußball. Er sagt am meisten über die Menschen aus - und darüber, was sie in ihrem Leben tun können.

Ihr neuester Fotoband beschränkt sich auf die 1990er Jahre. Sind Sie nostalgisch?

Wenn ich das Buch durchblättere, denke ich mir: Ist das wirklich schon 25 Jahre her? Und dann überlege ich, was ich damals in meinem Leben gemacht habe - und ob ich mich auch so schrecklich angezogen habe. Ich hoffe, dass es den Betrachtern auch so geht. Nostalgie würde ich es trotzdem nicht nennen. Wenn ich heute die Wahl habe, im Archiv zu arbeiten, ein Buch zu präsentieren oder auf einem Fußballplatz neue Fotos zu machen, werde ich mich immer für das nächste Spiel entscheiden.

Sie arbeiten mit Analogkameras, haben Sie je überlegt, auf Digitalfotografie umzusteigen?

Ich habe nichts gegen Digitalfotografie, aber sie erinnert mich ein bisschen an eine Maschinenpistole - sie ist so unmittelbar. Du kannst dir das Bild sofort anschauen. Ich habe es aber gerne ein bisschen langsamer, ich möchte mich auf die Fotos und das Spiel konzentrieren können. Deswegen arbeite ich mit Monatsmagazinen, die Tageszeitungen sind mir zu hektisch.

Geht es da nur um die Geschwindigkeit oder auch um den Wert der einzelnen Bilder? Ein Film ist ja beschränkter.

Ja, genau. Ich mache maximal 30 Fotos bei einem Spiel. Ich denke mir bei jeder Szene: Soll ich jetzt abdrücken? Und es braucht sehr viele Neins, bis ich zu einem Ja komme. Dann warte ich auf den Postboten, der mir die Bilder ein paar Tage später entwickelt bringt. Als Kontrollfreak bin ich plötzlich der Ungewissheit ausgeliefert, nicht zu wissen, ob ich den richtigen Moment auch wirklich getroffen habe - das hat etwas Magisches.

Referenzen:

Heft: 98
Rubrik: Rezensionen
Thema: England
ballesterer # 120

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