Die Meisterklasse

Vor 60 Jahren startete auf Initiative einer französischen Sportzeitung ein neues internationales Turnier: der Europacup der Landesmeister. An der Premierensaison nahmen allerdings nicht nur die besten, sondern mitunter die populärsten Klubs teil – davon profitierte auch Rapid.

Nino Duit | 11.08.2015

Josef Höltl ist 78 Jahre alt. Seine aktive Karriere liegt zwar schon einige Dekaden zurück, sein Sinn für Humor ist jedoch frisch. „Sechsmal war ich Meister“, sagt Höltl, der zwölf Jahre lang für den SK Rapid spielte. „Fünfmal im Fußball und Bäckermeister bin ich auch.“ In Rohrendorf bei Krems betrieb Höltl nach seiner Sportlerkarriere eine Bäckerei, die alte Backstube zieren heute noch Wimpel und Fotos aus seiner Zeit bei Rapid. Er ist einer von drei noch lebenden Spielern des ersten österreichischen Europacupteams.

Im Sommer 1955 war Höltl vom Kremser SC zu den Hütteldorfern gewechselt, wenige Wochen später stand er in der Startaufstellung, als PSV Eindhoven mit 6:1 von der Pfarrwiese geschossen wurde. Ein 1:1 im Rückspiel sicherte Rapid den Aufstieg in die nächste Runde. Von den heutigen, medial durchleuchteten und bis ins Detail vorbereiteten Europacupspielen waren die Anfänge des Meistercups weit entfernt. „Wir sind da halt hingefahren und haben gespielt“, sagt Höltl. „Vom Gegner haben wir eigentlich nichts gewusst.“

Skeptische UEFA
Bis dahin hatten sich die Spitzenvereine ausschließlich in Freundschaftsspielen oder in auf wenige Länder begrenzten Wettbewerben wie dem Mitropa-Cup und der Coupe Latine gemessen. Vor 60 Jahren öffnete sich der Vorhang zum bis heute wichtigsten Klubbewerb: dem Europacup der Landesmeister. Der Auslöser für die Einführung des Vorläufers der Champions League trug sich am 13. Dezember 1954 zu. Damals besiegten die Wolverhampton Wanderers das als unschlagbar geltende Team von Honved Budapest 3:2. Die englische Presse jubelte: „Hail Wolves, Champions of the World“.

Der französische Journalist Gabriel Hanot konnte dieser Huldigung wenig abgewinnen. In einem Kommentar für die Sporttageszeitung L’Equipe mahnte er, dass es zumindest eines Rückspiels bedarf, um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten. In der Folge präsentierte Hanot einen Vorschlag für ein gesamteuropäisches Turnier, an dem alle Landesmeister teilnehmen sollten. „Bei den Vereinen stieß er mit dieser Idee auf offene Ohren“, sagt Ulrich Hesse, Autor der Europacupchronik „Flutlicht und Schatten“. Klubs wie Real Madrid und der AC Milan verdienten in den 1950er Jahren gutes Geld mit internationalen Freundschaftsspielen, die abends unter der Woche ausgetragen wurden – ein eigener Wettbewerb würde die Kassen regelmäßiger klingeln lassen.

Die gerade erst gegründete UEFA zeigte sich anfangs wenig begeistert von der Idee. Ganz anders die FIFA, die das Potenzial erkannte und vermeiden wollte, dass sich dieser lukrative Wettbewerb außerhalb der Kontrolle der Verbände abspielt. „Die FIFA hat großen Druck auf die UEFA ausgeübt, dass sie sich des neuen Wettbewerbs annimmt“, sagt Hesse. Mit Erfolg: Ab September 1955 richtete die UEFA die erste Saison des Meistercups aus. Von Anlaufschwierigkeiten keine Spur: Zum Halbfinale zwischen Real und Milan kamen im April 1956 beispielsweise mehr als 100.000 Zuschauer.

Mailand oder Madrid?
Einzig in England wurde diese Anfangseuphorie nicht ganz geteilt und dem amtierenden Meister FC Chelsea gar die Teilnahme an der Premierensaison untersagt. „Die Funktionäre haben Angst gehabt, dass die Zuschauerzahlen in der Liga zurückgehen würden“, sagt Hesse. Während der englische Titelträger vom Verband zurückgepfiffen wurde, waren andere Meister gar nicht erst eingeladen worden. In der ersten Saison lag die Auswahl der 16 Teilnehmer nämlich bei L’Equipe, die sich am potenziell größten Zuschauerinteresse orientierte und in einigen Ländern nicht an den Meister, sondern den populärsten Klub wandte. Deshalb durfte 1955 auch der SK Rapid mitspielen, der die Meisterschaft hinter der Vienna und dem Sport-Club nur auf dem dritten Platz beendet hatte. Nach dem Erstrundensieg gegen Eindhoven wartete im Viertelfinale der AC Milan. Dort waren die Wiener chancenlos, nach einem 1:1 im Hinspiel schieden sie mit einer 2:7-Niederlage im Rückspiel aus. Erster Sieger im Meistercup wurde Real Madrid nach einem 4:3 im Finale gegen Stade Reims.

In der folgenden Saison scheiterte Rapid – dieses Mal als Meister – erst in einem Entscheidungsspiel am späteren Sieger, der erneut Real Madrid hieß. Im Wiener Stadion gelang ein 3:1-Sieg gegen die Mannschaft um Starstürmer Alfredo Di Stefano. Partien wie diese bedeuteten nicht nur für den Verein, sondern auch für die Spieler einen finanziellen Segen. „Die Hälfte der Eintrittsgelder haben wir bekommen“, sagt Höltl. „Wobei sich der Ernst Happel und die anderen Stars das Meiste genommen haben und für uns Jungen dann nicht mehr so viel übriggeblieben ist.“ Während die Heimspiele vor allem in finanzieller Sicht lukrativ waren, bereicherten die Auswärtsfahrten den Erfahrungsschatz. „In Mailand haben wir uns den Dom angeschaut, das war schon beeindruckend“, sagt Höltl. „Und in Stadien wie dem Bernabeu spielen zu können, war natürlich ein Wahnsinn.“

Der Meistercup sorgte auch für einen intensiveren Austausch zwischen den Vereinen und bot eine Bühne, auf der neue Spielsysteme präsentiert werden konnten. „Heute kann man sich im Internet über taktische Neuerungen schnell informieren“, sagt Hesse. „Damals war das um einiges schwieriger.“ In den Anfangsjahren prägten vor allem südeuropäische Klubs den Wettbewerb. Diese Dominanz konnten auch die Rapidler nicht durchbrechen. „Ein Sieg im Meistercup wäre natürlich der Wahnsinn gewesen“, sagt Höltl. 1961 schaffte es der Klub immerhin bis ins Halbfinale, ehe er am späteren Sieger Benfica Lissabon scheiterte. Weiter sollte bis heute keine österreichische Mannschaft mehr vordringen.  

Referenzen:

Heft: 104
Verein: SK Rapid
ballesterer # 121

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