Fast zeitgleich zum Spiel in Sao Paulo wurde im 300 Kilometer entfernten Ribeirao Preto der Leichnam von Socrates zu Grabe getragen. Auch hier, wo er aufgewachsen war, säumten Massen den letzten Weg des Kapitäns von Brasiliens großer, aber unbelohnt gebliebener Mannschaft der 1980er Jahre. An der Spitze des Trauerzugs: seine Frau Katia, sein Sohn und sein Bruder Rai, selbst ehemaliger Internationaler und Weltmeister von 1994. »Er war charismatisch, überdurchschnittlich intelligent und er hatte diese natürlichen Führungsqualitäten«, erinnert sich Rai gegenüber dem ballesterer. »Es war sein ausgeprägtes soziales Gespür, das ihn so populär gemacht hat. Er hat mich stark beeinflusst, mein politisches Bewusstsein geweckt. Und als Fußballer war er natürlich eine große Inspiration.« Socrates ehemaliger Corinthians-Klubkollege Zenon ergänzt: »Ich habe einen großen Freund verloren, in mir herrscht eine riesige Leere. Es wird niemals vergessen werden, was er auf dem Feld und außerhalb bewirkt hat.«
Gleichheit und politische Slogans
Um zu verstehen, worauf Rai und Zenon anspielen, ist ein Rückblick ins Brasilien der 1970er Jahre notwendig. Seit dem Putsch durch General Humberto Castelo Branco 1964 hatte das Militär das Sagen. Die Machtbasis begann jedoch aufgrund interner Differenzen und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu bröckeln, Demos standen an der Tagesordnung. »Kurioserweise hatte ausgerechnet die bis dahin besonders antidemokratische und patriarchalische Welt des Fußballs einen entscheidenden Anteil am Erfolg der basisdemokratischen Bewegung«, schreibt der Historiker Marcos Guterman in seinem Buch »O futebol explica o Brasil« (Mit dem Fußball Brasilien verstehen) und meint damit die Vorgänge beim zweitpopulärsten Verein des Landes, den Corinthians.
Socrates war 1978 nach dem Abschluss seines Medizinstudiums zum Arbeiterverein aus Sao Paulo gestoßen. Bis 1984 sollte der offensive Mittelfeldspieler in 297 Spielen nicht weniger als 172 Tore erzielen und sich bei den Fans unsterblich machen. 1981 stand es allerdings schlecht um den Klub. In der nach einem chaotischen Modus mit regionalen Vorrunden ausgetragenen Meisterschaft belegte man nur den 26. Platz unter 44 Mannschaften. Im Frühling 1982 übernahm Waldemar Pires das Präsidentenamt und installierte den Soziologen Adilson Monteiro Alves als Sportdirektor, um für frischen Wind zu sorgen. »Alves wollte den Abstand zwischen Regierenden und Regierten verringern und ersetzte die streng hierarchische Pyramide durch demokratische Prinzipien«, sagt der Anthropologe Jose Paulo Florenzano, Autor des Buchs »A Democracia Corinthiana« und Professor an der Katholischen Universität von Sao Paulo. »Alle sollten gleich sein. Das bedeutete die Einbeziehung der Spieler in alle Entscheidungen, die die Mannschaft betrafen.«
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erscheint am 12. Juli 2013.
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