Die Republik des Fußballs

cache/images/article_1784_800px-sócrates_-_democra_140.jpg Als in Brasilien noch das Militär regierte, zeigte ein Fußballklub der Gesellschaft Alternativen auf. In der Democracia Corinthiania wurden Mitbestimmung und Selbstverwaltung großgeschrieben und der Spaß kam nicht zu kurz. Im Gedenken an Socrates, Che Guevara des Fußballs.
Da standen sie also am Mittelkreis, in Schwarz und Weiß, streckten die rechte Hand zum Himmel und ballten die Faust, wie er es nach seinen Toren stets gemacht hatte. Für die Spieler des SC Corinthians Paulista stand am 4. Dezember 2011 im Match gegen den Erzrivalen Palmeiras nicht weniger als die brasilianische Meisterschaft auf dem Spiel. Doch vor dem Anpfiff galten ihre Gedanken und Gesten einem, der vor 30 Jahren mit ihrem Klub für Furore gesorgt hatte: Socrates, die Corinthians-Legende, war in der Nacht davor im Albert-Einstein-Krankenhaus von Sao Paulo im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Darminfektion gestorben. »Eh, Socrates! Eh, Socrates«, hallten die Gesänge der 40.000 in mehreren Wellen durch das Estadio Municipal. Was als Schweigeminute geplant war, wurde zu einer letzten lautstarken Huldigung einer Persönlichkeit, die nicht nur den brasilianischen Fußball, sondern die gesamte brasilianische Gesellschaft geprägt hatte. Es war ein Abschied, der ihm gefallen hätte.


Fast zeitgleich zum Spiel in Sao Paulo wurde im 300 Kilometer entfernten Ribeirao Preto der Leichnam von Socrates zu Grabe getragen. Auch hier, wo er aufgewachsen war, säumten Massen den letzten Weg des Kapitäns von Brasiliens großer, aber unbelohnt gebliebener Mannschaft der 1980er Jahre. An der Spitze des Trauerzugs: seine Frau Katia, sein Sohn und sein Bruder Rai, selbst ehemaliger Internationaler und Weltmeister von 1994. »Er war charismatisch, überdurchschnittlich intelligent und er hatte diese natürlichen Führungsqualitäten«, erinnert sich Rai gegenüber dem ­ballesterer. »Es war sein ausgeprägtes soziales Gespür, das ihn so populär gemacht hat. Er hat mich stark beeinflusst, mein politisches Bewusstsein geweckt. Und als Fußballer war er natürlich eine große Inspiration.« Socrates ehemaliger Corinthians-Klubkollege Zenon ergänzt: »Ich habe einen großen Freund verloren, in mir herrscht eine riesige Leere. Es wird niemals vergessen werden, was er auf dem Feld und außerhalb bewirkt hat.«

Gleichheit und politische Slogans
Um zu verstehen, worauf Rai und Zenon anspielen, ist ein Rückblick ins Brasilien der 1970er Jahre notwendig. Seit dem Putsch durch General Humberto Castelo Branco 1964 hatte das Militär das Sagen. Die Machtbasis begann jedoch aufgrund interner Differenzen und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu bröckeln, Demos standen an der Tagesordnung. »Kurioserweise hatte ausgerechnet die bis dahin besonders antidemokratische und patriarchalische Welt des Fußballs einen entscheidenden Anteil am Erfolg der basisdemokratischen Bewegung«, schreibt der Historiker Marcos Guterman in seinem Buch »O futebol explica o Brasil« (Mit dem Fußball Brasilien verstehen) und meint damit die Vorgänge beim zweitpopulärsten Verein des Landes, den Corinthians.


Socrates war 1978 nach dem Abschluss seines Medizinstudiums zum Arbeiterverein aus Sao Paulo gestoßen. Bis 1984 sollte der offensive Mittelfeldspieler in 297 Spielen nicht weniger als 172 Tore erzielen und sich bei den Fans unsterblich machen. 1981 stand es allerdings schlecht um den Klub. In der nach einem chaotischen Modus mit regionalen Vorrunden ausgetragenen Meisterschaft belegte man nur den 26. Platz unter 44 Mannschaften. Im Frühling 1982 übernahm Waldemar Pires das Präsidentenamt und installierte den Soziologen Adilson Monteiro Alves als Sportdirektor, um für frischen Wind zu sorgen. »Alves wollte den Abstand zwischen Regierenden und Regierten verringern und ersetzte die streng hierarchische Pyramide durch demokratische Prinzipien«, sagt der Anthropologe Jose Paulo Florenzano, Autor des Buchs »A Democracia Corinthiana« und Professor an der Katholischen Universität von Sao Paulo. »Alle sollten gleich sein. Das bedeutete die Einbeziehung der Spieler in alle Entscheidungen, die die ­Mannschaft betrafen.«

Geilheit und Direktwahlen
Während Brasilien politisch autoritär gelenkt wurde, hielt bei den Corinthians 1982 die Demokratie Einzug. Über wichtige Entscheidungen wie die Organisation des Spiels und des Trainings sowie Transfers wurde fortan abgestimmt. Der Spielerrat hatte genauso eine Stimme wie das Trainerteam und die Klubführung, zur Durchsetzung brauchte es die Zustimmung von mindestens zwei der drei Organe. Das Präsidiumsmitglied Washington Olivetti gab dem Modell den Namen Democracia Corinthiana und sorgte dafür, dass es auch offensiv vermarktet wurde. Nach der Freigabe der Dressenwerbung ließ er das Team in Trikots mit der Aufschrift »Direktwahlen jetzt!« und »Ich will den Staatspräsidenten selbst wählen« auflaufen.

Die »Corinthianos« um Socrates und Spielergewerkschaftschef Wladimir erkämpften sich persönliche Freiheiten, von denen Spieler bei anderen Vereinen nur träumen konnten. Einer der wichtigsten Punkte für Socrates war die Aufhebung der Kasernierung vor den Matches. »Es war perfekt. Wir hatten Samstagmittag ein gemeinsames Essen mit der Mannschaft, dann wurden alle verheirateten Spieler zu ihren Familien entlassen«, erinnerte er sich in einem Interview anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Democracia Corinthiana 2007. »Am Abend hast du ein kleines Bier getrunken, Sex mit deiner Frau gehabt und bist zufrieden eingeschlafen. Am Sonntag sind wir dann mit der gesamten Familie ins Stadion und mit einer richtigen Geilheit aufs Feld gelaufen.«

Schluss mit Opium
Bei so viel Stimulanz ließen die Erfolge nicht auf sich warten. 1982 und 1983 sicherten sich die Corinthians den Meistertitel des Bundesstaats Sao Paulo und stießen im ersten Jahr auch ins Semifinale der gesamtbrasilianischen Meisterschaft vor. Der Großteil der Fans stand den Entwicklungen im Verein wohl nicht zuletzt deshalb positiv gegenüber. Konservative Kräfte, die die Selbstbestimmung von Sportlern ablehnten, sahen sich in der Minderheit. Rai konnte damals ebenfalls wenig damit anfangen, wenn auch aus anderen Gründen. »Ich war erst 16 und habe nicht wirklich verstanden, wie mutig und wichtig die Bewegung war«, sagt der ehemalige Mittelfeldregisseur von Paris Saint- Germain. »Die Militärregierung hat die Democracia geduldet, weil es zu unpopulär gewesen wäre, dagegen vorzugehen.«

Auch von den Medien wurde die Fußballrepublik zunächst positiv aufgenommen, bis die Corinthians Anfang 1983 ein Tabu brachen: Nachdem Trainer Mario Travaglini nach einem Streit über die zunehmende Radikalisierung der Mitbestimmungsprozesse seinen Hut genommen hatte, wurde sein Platz nicht nachbesetzt, sondern vom Spielervertreter Ze Maria übernommen. »Es war nur ein Monat. Aber diese kurze Zeit hat genügt, um ein Dogma, das als Grundlage des Fußballs angesehen wurde, ordentlich durcheinanderzurütteln «, sagt Buchautor Florenzano. »Das Echo ging weit über den Sport hinaus und hat die Aufmerksamkeit der Regierenden erregt, die der Bewegung mit großer Sorge gegenübergestanden sind, weil sie die Verhältnisse verändert hat. Während das Regime den Fußball als Opium des Volkes betrachtete, hat sich dieser als Modell für eine neuen demokratischen Machtanspruch präsentiert.«

Volkstribunen und Drogendealer
Der Kampf auf der Straße war unterdessen an einem entscheidenden Punkt angelangt. Socrates und Wladimir stiegen gemeinsam mit den Musikern Chico Buarque und Elba Ramalho zu Ikonen der Demokratiebewegung auf und wurden bei Demonstrationen von hunderttausenden Menschen bejubelt, der Militärapparat bemühte sich zurückzuschlagen. Die Regierung spannte die Medien vor ihren Karren und forderte die Entfernung des Schriftzugs der Democracia von den Corinthians-Dressen. Casagrande, einem der wichtigsten Protagonisten, wurde unter mysteriösen Umständen ein Drogendelikt angehängt.

Die Bemühungen der Opposition um die Einführung der Direktwahl des Staatspräsidenten scheiterten zunächst. Am 25. April 1984 ging die entsprechende Abstimmung im Parlament knapp verloren. Socrates zeigte sich schwer enttäuscht und kehrte dem Land den Rücken. »Sein Transfer zu Fiorentina ist in eine Phase gefallen, in der sich nach der verlorenen Kampagne große Enttäuschung über das Land gelegt hatte. Die Democracia hat sich in weiterer Folge darauf beschränkt, die erreichten Erfolge zu verwalten«, sagt Florenzano. Nur ein Jahr darauf bot sich ein anderes Bild: Angesichts explodierender Staatsschulden mussten die Militärs endgültig abdanken, und der neue Präsident brachte das Gesetz zur Direktwahl durch. Socrates kehrte nach Brasilien zurück – allerdings nicht zu Corinthians, sondern zu Flamengo nach Rio. Die Democracia Corinthiana war zu diesem Zeitpunkt bereits Geschichte: Bei der Wahl des Klubpräsidenten 1985 konnten sich die fortschrittlichen Kräfte nicht an der Macht halten. Mit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie war paradoxerweise auch das Ende für das revolutionäre Fußballprojekt gekommen.

Schwarz-weißes Gesamtkunstwerk
Politisch engagierte Kicker hat es in Brasilien seither immer wieder gegeben, die Democracia Corinthiana ist jedoch einzigartig geblieben. Nachahmungen hätten ohnehin keinen Sinn gehabt, meint Juca Kfouri, TVModerator bei ESPN International und einer der bekanntesten Blogger Brasiliens. »Die Bedingungen haben sich geändert. Der Wind der Veränderung ist abgeflaut und der Ruf nach Bürgerrechten unter den Fußballern verstummt.«

Die revolutionäre Etappe der Corinthians- Klubgeschichte bleibt jedoch mehr als eine historische Randnotiz, nicht nur für Buchautor Florenzano: »Das wichtigste Erbe von Socrates und der Democracia Corinthiana ist, dass sie so etwas wie die Gründungsurkunde der Republik des Fußballs verfasst haben. Sie haben Körper und Seele in Einklang gebracht, eine enge Bindung zu den Leuten gehabt und den Spagat zwischen einem selbstverwalteten Team und der kollektiven und individuellen Existenz jedes Spielers geschafft.« Dazu kam ein offensiver, spektakulärer Fußball, der die Fans zu begeistern wusste. Ein Gesamtkunstwerk also oder, wie Florenzano es formuliert: »Die Verbindung von ästhetischem Fußball mit seiner ethischen Dimension ist zu einer Praxis der Freiheit geworden.«

Der »Che« des Fußballs
Im Dezember 2011 haben die Corinthians für Ästhetik wenig übrig. Das 0:0 gegen Palmeiras in einem harten Match mit vier Roten Karten reicht jedoch zum Titelgewinn, dem fünften gesamtbrasilianischen der Klubgeschichte. Der Wunsch von Socrates, an einem Tag zu sterben, an dem sein Herzensklub Meister wird, geht in Erfüllung. Wenige Stunden zuvor hatte der im Sterben liegende 57-Jährige in seinem letzten Interview mit Juca Kfouri gesagt: »Ich möchte mein Land verändern, meine Leute – immer noch! Das Leben ist das höchste Gut, das wir haben. Warum sollen wir es auf den Müll werfen?« Dass seines da bereits ausgehaucht war, wollte Socrates nicht zur Kenntnis nehmen. Für Kfouri werden seine Taten und Botschaften aber weiterleben: »Er war eine ganz besondere Persönlichkeit. Für mich der außergewöhnlichste Mensch im Fußballbetrieb, den ich jemals kennenlernen durfte. Er wird zur Legende werden, zum Che Guevara des Fußballs.«


Foto: Sergio Goncalves Chicago, CC-BY-SA-2.0

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