Die Schikane Pisanu

Der spontane Stadionbesuch ist in Italien seit der neuen Saison Geschichte. Wer sich nicht registrieren und mehrmals kontrollieren lässt, hat keine Chance, ein Spiel zu sehen. Halbleere Stadien werden dadurch auch nicht voller, weiß MARTIN SCHREINER.
Martin Schreiner | 01.12.2005

Es ist der 27. September 2005 und im Stadio delle Alpi in Turin findet nicht nur das erste Auswärtsspiel von Rapid in der laufenden Champions League statt. Erstmals kommen auch die Strafbestimmungen der Decreti Pisanu im Rahmen eines Europacupspiels auf italienischem Boden zur Anwendung. Ein Juve-Anhänger aus Viterbo versucht die Eingangskontrollen mit einer Abokarte zu durchschreiten, die nicht auf seinen Namen ausgestellt ist, fasst prompt eine Verwaltungsstrafe aus und darf sich das Spiel im hässlichsten Stadion der Serie A nicht anschauen. Szenenwechsel: In Ascoli gelangen am 16. Oktober zwei Jugendliche, die keiner organisierten Fangruppierung angehören, wenige Minuten vor Ende der Partie gegen Sampdoria unbemerkt ohne Ticket ins Stadion. Einer der beiden zündet eine Signalrakete. Diese verletzt eine 57-jährige Frau schwer an Kopf und Augen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die neue italienische Rechtslage zur Sicherheit bei Fußballveranstaltungen ausgezeichnet beleuchten. Die beiden Ereignisse zeigen beispielhaft, dass die zuständigen italienischen Ministerien den Matchbesuch des einzelnen Fans mit rigiden Kontrollmaßnahmen massiv behindern und andererseits nicht verhindern, dass tatsächliche Gewalttäter in die Stadien gelangen.

Big Brother und bauliche Sicherheit

Am 6. Juni 2005 hat Italiens Innenminister Pisanu drei »Antigewalt- Verordnungen« für Sportwettkämpfe erlassen, die mit Beginn der laufenden Meisterschaft in Kraft getreten sind. Sie regeln die Einführung von Namenstickets, die Videoüberwachung in und vor den Stadien und deren bauliche Sicherheitsstandards. Mit diesen ministeriellen Verordnungen reagiert die Regierung Berlusconi in rigoroser Form auf die zunehmende Gewaltbereitschaft der Fußballplatzbesucher in Italien. Letzter Anstoß dazu war der Spielabbruch beim »Euroderby« Milan gegen Inter im Viertelfinale der Champions League am 12. April - vor den Augen von Millionen Fernsehzusehern und der UEFA, von der sich Italien den Zuschlag für die Euro 2012 erhofft.

In einer ersten Bewertung hinterlassen die Maßnahmen zur Videoüberwachung das unangenehme Gefühl einer allgegenwärtigen digitalen Kontrolle durch die staatliche Autorität. Im gesamten Normenpaket sind sie aber noch die sinnvollsten und verhältnismäßigsten Instrumente zur Identifizierung der einzelnen Straftäter in und vor den Stadionanlagen, was auch Carlo Balestri vom Fanprojekt »Progetto Ultrà« bestätigt. Auch die beiden Straftäter in Ascoli wurden bei ihrem fatalen Raketenabschuss gefilmt. Das gespeicherte Videomaterial muss von den Behörden spätestens sieben Tage nach der Veranstaltung gelöscht werden. Es sei denn, es ist Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen oder wird zum Zweck der öffentlichen Sicherheit gespeichert.

Auch der Verordnung über die baulichen Sicherheits- maßnahmen kann prinzipiell Positives abgewonnen werden - solange ihre Umsetzung die Renovierung der zumeist desolaten und veralteten Stadien der Serie A und B fördert. Das hinter ihr stehende architektonische Konzept eines multifunktionalen Supermarkterlebnisstadions ist freilich ein anderes Thema.

Volle Listen, leere Stadien

In der Kritik steht vielmehr der Inhalt des ersten Pisanu-Dekrets über die Namenstickets. Dieses sieht im Kern autoritäre Kontrollmaßnahmen vor, deren Umsetzung bürokratisch und umständlich ist und massive Auswirkungen auf den Stadionbesuch hat. Der Forza Italia-Minister überträgt dabei den Klubs die volle Verantwortung für den Verkauf und die Übertragung von Namenseintrittskarten für Fußballspiele in Stadien mit einem Fassungsvermögen von über 10.000 Plätzen. Hier gelten bestimmte Auflagen. So berechtigen Tickets nur dann zum Zugang in das Stadion, wenn sie nummeriert sind, Vor- und Nachnamen sowie Geburtsdatum des Inhabers elektronisch ausweisen, für jeden Sektor - vor allem die Gästesektoren - unterschiedlich gestaltet sind und als Platzkarten ausgegeben werden.

Durch die Registrierungspflicht für alle Kartenbesitzer geht das italienische Innenministerium offensichtlich davon aus, dass jeder Stadionbesucher ein potenzieller Straftäter ist. Dieser hat die üblichen zwei Möglichkeiten sich seine Karten zu besorgen - am Spieltag oder im Vorverkauf. Die Unannehmlichkeiten im Zuge beider Varianten erzeugen allerdings bereits seit Anfang Oktober das medial viel diskutierte Phänomen leerer Stadien. Beim Ticketkauf an den Stadionkassen bilden sich immense Schlangen, weil sich jeder einzelne Fan - wie auch beim Betreten des Stadions - erst ausweisen muss.

Carlo Balestri weist darauf hin, dass man dadurch zumeist verspätet und teilweise erst zur zweiten Halbzeit ins Stadion gelangen würde und viele Fans deswegen frustriert zuhause bleiben. Auch der Erwerb der ohnehin teuren Tickets im Vorverkauf hat - durch einen Gebührenaufschlag - denselben Effekt. Überträgt ein rechtmäßiger Kartenbesitzer sein Tagesticket oder seine Abokarte einer anderen Person, muss auch die Weitergabe elektronisch registriert werden, wodurch die bereits mühsam absolvierte Prozedur von vorne losgeht. Eine Person kann nur zehn Karten auf einmal kaufen und muss wiederum für jede einzelne erworbene Zugangsberechtigung die Daten des Besitzers mit dessen Ausweis belegen. Der leidvoll mit einer gültigen Karte ausgestattete Fan darf zum Abschluss dann hoffen, zu seiner Platzkarte auch den nummerierten Sitzplatz zu finden, denn nicht alle Stadien der Serie A und B sind durchgehend mit solchen ausgestattet. Nur wenig trösten wird ihn die datenschutzkonforme Löschungsverpflichtung der registrierten Personaldaten. Hinzu kommt noch, dass diese Vorschriften für Touristen und Groundhopper den kurzfristigen Matchbesuch unmöglich machen.

Das verlorene Augenmaß

Italiens Minister für Innovation und Technologie, Lucio Stanca, hat sich also ganz offensichtlich geirrt, als er bei Verordnungsbeschluss euphorisch in der »La Repubblica« meinte, die elektronischen Tickets könnten mit einfachen Verfahren realisiert werden. Diese Ansicht stellen vor allem für jene Tifosi eine schlichte Provokation dar, die ihre Mannschaft auch auswärts begleiten. Für den Gästesektor können nämlich am Spieltag keine Eintrittskarten mehr erworben werden. Diese müssen spätestens fünf Tage vorher vom Heimverein ausgegeben und die Käufer durch Ausweise identifiziert werden. In der italienischen Handhabung der Vorschriften gelänge es aber die mühsame Kontrollprozedur für jedes einzelne Ticket manchmal zu vermeiden. Nach Informationen des Progetto Ultrà »überreden« die zahlenmäßig bedeutenderen Fangruppen der Großklubs die Veranstalterfunktionäre mit Nachdruck, einfache Gesamtnamenslisten zu akzeptieren.

Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr, wie unterschiedlich Italien mit den Problemen seines Fußballs umspringt. Während der Staat den Vereinen eine begünstigte steuerliche Abschreibung ihrer Spieler über fünf Jahre ermöglicht und so ein Tor zu unseriösem Wirtschaften aufschlägt, geht er gleichzeitig undifferenziert mit den sehr harten Maßnahmen der Decreti Pisanu gegen jeden einzelnen Besucher vor. Die beschriebene Situation führt im Zusammenwirken mit Bestechungsskandalen, Misswirtschaft und den ewig gleichen Liga-Meistern zur Stadionflucht im italienischen Fußball.

Völlig gegen den internationalen Trend verzeichnete die Serie A in den letzten fünf Jahren einen Zuschauerrückgang von circa 17 Prozent, der sich in dieser Saison wohl noch verstärken wird. Die Italiener sitzen lieber vor dem Pay-TV als in den Arenen. Dadurch sind sie auch im eigenen Wohnzimmer als Konsument brav registriert und können sich, beim Ärger über die langweilige Stimmung in den Stadien, maximal beim Sturz vom Fernsehsessel leicht verletzen.

Referenzen:

Heft: 19
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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