Die Stunde der Wahrheit

cache/images/article_2061_96_140.jpg Mehr als 23 Jahre nach der Tragödie von Hillsborough hat im Herbst 2012 ein unabhängiger Bericht die Liverpool-Fans öffentlich rehabilitiert. Darin werden Manipulationen und ein Versagen der Behörden nachgewiesen. Ein später Erfolg für die Hinterbliebenen der 96 Opfer der Katastrophe.
Carsten Germann | 15.04.2013
Die Wahrheit stand auf dem Kop. Die in rot und weiß gehaltene Choreografie auf Liverpools berühmter Fantribüne Spion's Kop gab die Losung vor: »The Truth« - die Wahrheit. Ebenso deutlich war das Zuschauermosaik auf der Gegengeraden, dem Centenary Stand: »Justice«.

Die Minuten vor dem Premier-League-Klassiker FC Liverpool gegen Manchester United am 23. September 2012 schrieben englische Fußballgeschichte. Anfield verneigte sich vor den 96 Opfern und den Angehörigen der Stadionkatastrophe von Hillsborough. In einem beispiellosen Schulterschluss würdigten Spieler, Zuschauer und Klublegenden der großen Rivalen auch die langjährige Arbeit der Hinterbliebenenverbände. »Es war ein Tag, an dem so viele andere Dinge wichtiger waren als Fußball«, schrieb BBC-Chefkommentator Phil McNulty in einer Kolumne.

Anfield hält den Atem an
Die Details machten diesen Tag nicht nur in Liverpool so unglaublich groß. Das Lied vom Leid, Liverpools Klubhymne »You'll Never Walk Alone«, wurde noch inbrünstiger gesungen als sonst. Schon Stunden vor dem Anpfiff hatten sich tausende Anhänger vor dem Hillsborough--Memorial hinter dem Tribüneneingang an der Anfield Road versammelt und Blumen niedergelegt. Auf dem Rasen überreichte United-Idol Bobby Charlton Liverpools einstigem Stürmerstar Ian Rush - am 15. April 1989 als Spieler in Sheffield Augenzeuge der Tragödie - ein Bouquet mit 96 Rosen. Beide Teams trugen beim Aufwärmen die programmatische Zahl 96 auf den Trainingsjacken.

Liverpool-Trainer Brendan Rodgers weiß um die Einmaligkeit des Augenblicks: »Wir haben die Chance, Respekt zu beweisen und den Familien der Opfer und den Überlebenden Tribut zu zollen.« Es sind die stillen Helden von Liverpool. Zwei von ihnen saßen auf der Tribüne: Jenni Hicks und Margaret Aspinall vom Hinterbliebenenverband »Hillsborough Family Support Group«. Hicks hat ihre beiden Töchter, die damals 15-jährige Victoria und ihre vier Jahre ältere Schwester Sarah, bei dem Gedränge auf der Tribüne Leppings Lane im Hillsborough-Stadion von Sheffield verloren. Aspinalls 18-jähriger Sohn James ist ebenfalls in Sheffield gestorben - auf seiner ersten Auswärtsfahrt.

Wer trägt die Schuld?
Die größte Tragödie der britischen Fußballgeschichte ereignet sich beim FA-Cup-Halbfinale 1989 zwischen Liverpool und Nottingham Forest. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als die Polizei kurz vor dem Anstoß ein Ausgangstor öffnen lässt. Die folgende Massenpanik in der Liverpool-Kurve fordert 96 Todesopfer, 766 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Erst nach sechs Minuten wird die Partie abgebrochen.

Es gibt viele erschütternde Geschichten aus Hillsborough - von fassungslosen Angehörigen und überforderten Ordnungshütern. Alle Beteiligten erleben britische Bürokratie in ihrer krassesten Form. Die offizielle Untersuchung durch Lordrichter Peter Taylor ermittelt 1990 zwar ein »Versagen der polizeilichen Kontrolle« als Ursache, kann aber nicht auf alle relevanten Dokumente zugreifen. Als eine TV-Dokumentation 1996 die Fehler der Behörden erneut anprangert, werden die Familien juristisch tätig. Es wird eine Materialschlacht gegen die Polizeieinsatzleiter David Duckenfield und Bernard Murray. Zu einer Verurteilung kommt es jedoch nicht.

»Eine klare Story«
Der Schmerz von Hillsborough bleibt, aber die Angehörigen der Opfer drängen auf Aufklärung. Eine Online-Petition, die die Offenlegung sämtlicher relevanter Dokumente noch vor Ablauf der Sperrfrist, forderte, erhielt mehr als die erforderlichen 100.000 Unterschriften. Am 12. September 2012 präsentierte das »Hillsborough Independent Panel«, eine von der britischen Regierung eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission, seinen Bericht.

Die mehr als 450.000 Seiten enthalten ebenso überraschende wie schockierende Ergebnisse. In zwei Jahren mühevoller Recherchearbeit hat ein neunköpfiges Expertenteam um den Liverpooler Bischof James Jones bisher unveröffentlichtes Material von fast 80 Organisationen ausgewertet. »Die Beweislage ist derart dicht, dass sich eine klare Story erkennen lässt, die Analyse und ihre Tiefe bringen den gesamten Prozess auf eine neue Ebene«, sagt Kommissionsmitglied Phil Scraton bei der Präsentation. Sein Kollege, der Rechtsanwalt Raju Bhatt, ist sicher: »Es gibt eine Menge an Material, das für eine rechtliche Verfolgung ausreicht.« Eine drängende Frage beantwortet der Mediziner Bill Kirkup: »41 Menschen hätten definitiv gerettet werden können oder hatten nach Ausbruch des Gedränges noch Überlebenschancen.« Die wichtigste Erkenntnis: Die Fans des FC Liverpool trifft keine Schuld an der Katastrophe.

Großbritanniens Premierminister David Cameron entschuldigt sich angesichts dieser Faktenlage am 12. September 2012 öffentlich bei den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden. Als Cameron im Unterhaus das Wort ergreift, kämpfen einige Abgeordnete mit den Tränen. »Die tragischen Ereignisse von damals wurden mit Schuldzuweisungen an die Fans vermischt und ließen so ein Märchen über den Hooliganismus entstehen«, sagt der Premierminister. »Es gibt keine Beweise für eine Zusammenrottung der Liverpooler Fans, dafür, dass sie betrunken oder gewalttätig waren oder Tote und Sterbende bestohlen hätten.«

Boulevardinszenierung mit Folgen

Das Märchen von den Gräueltaten der Liverpooler Fans in Hillsborough wird mit dem Bericht der Kommission endgültig als Schmierenstück der britischen Boulevardpresse entlarvt. Die Tageszeitung The Sun hatte am 19. April 1989 einen Artikel mit dem Titel »The Truth« gedruckt. Darin wird unter Berufung auf eine nicht näher benannte Polizeiquelle behauptet, Liverpooler Fans hätten im Verlauf der Katastrophe Polizisten und Ordner attackiert, deren Arbeit behindert und die Opfer beraubt. Sogar vom Urinieren auf die Leichen ist die Rede. Der Aufmacher sorgt für eine Welle der Empörung. Nicht nur in Liverpool. Zeitungshändler weigern sich, die Sun weiterhin zu verkaufen, innerhalb weniger Wochen sinkt die Auflage der Zeitung in Liverpool von 200.000 auf einige tausend Exemplare. Eine Gegendarstellung bleibt bis zum September 2012 aus. Arroganz, die die Sun durch den Auflagenrückgang zwischen 1989 und 2009 schätzungsweise 28 Millionen Euro kostet.

»Die Lügen, die in der Sun und anderen Zeitungen verbreitet wurden, haben die Überlebenden traumatisiert«, sagt der Labour-Politiker und Initiator des »Hillsborough Independent Panel«, Andy Burnham. »Sie haben mit dieser falschen Anschuldigung leben müssen, und das ganze Land hat den Eindruck vermittelt bekommen, dass die Fans die Schuldigen waren.« Burnham weiter: »Jetzt, wo die Namen dieser Liverpool-Fans reingewaschen sind, hat man das Gefühl, eine riesige Wolke über der Stadt habe sich aufgelöst.«

»Truth Day«: Mahnwachen und Fanlyrik
Die Resonanz ist gewaltig. Zu einer Mahnwache versammeln sich in Liverpool am Nachmittag des 12. September fast 10.000 Menschen. Auch der Fußballhistoriker und Fan-Aktivist Rogan Taylor ist unter ihnen. »Es war eine Verschwörung«, sagt Taylor dem ballesterer. »So wollten es alle darstellen: die Medien, die FA, die Regierung. Die Fans wurden beschuldigt, sich selbst getötet zu haben - aber das hat nicht funktioniert.«

Die Blogs zum FC Liverpool widmen sich dem »Truth Day«, dem Tag der Wahrheit, eindrucksvoll. Jamie Mclaughlin schreibt auf empireofthekop.com ein Gedicht mit dem Titel »96 Red Angels«. Hinterbliebenenverbände und Faninitiativen erhalten nach der Veröffentlichung des Berichts zehntausende Nachrichten aus ganz England, sogar von den Rivalen FC Everton und Manchester United. »23 Jahre lang waren wir nur in der Defensive, aber die Stimmung hat sich gewandelt «, sagt Peter Hooton, Hillsborough-Überlebender und Frontmann der Band The Farm. »Dass nun die Wahrheit ans Licht gekommen ist, zeigt, dass Liverpool eine Stadt der Kämpfer ist.«


Carsten Germann ist freier Sportjournalist in Hamburg. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf dem britischen Fußball. Germann veröffentlichte die Bücher »Football's Home. Geschichten vom englischen Fußball« (2008) und »Absolute Dynamite! Fußballgeschichten aus Großbritannien« (2010).

Referenzen:

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