Die Stunde Null

ITALIEN I Nach dem Tod eines Polizisten beim sizilianischen Derby zwischen Catania und Palermo haben italienische Politiker und Funktionäre drastische Maßnahmen angekündigt. Die Reaktionen auf die tragischen Ereignisse werden aber nicht als Abkehr vom Prinzip der halbherzigen Lösungen gesehen.


Martin Schreiner | 13.05.2008
Es hätte ein Fest werden sollen. Am ersten Februarwochenende 2007 stand in Catania die alljährliche feierliche Prozession zu Ehren der Schutzpatronin Agata an. Und ein Sieg von Catania Calcio gegen US Palermo. Stattdessen stürzte der gewaltsame Tod des Polizisten Filippo Raciti im Zuge von Ausschreitungen während und nach dem Spiel die Stadt in tiefe Trauer und den italienischen Fußball endgültig in eine existenzielle Krise.

 

Blutiger Freitag


Obwohl die Polizei alarmiert war, die Partie als Risikospiel einstufte und die Liga das Spiel aufgrund der Feierlichkeiten auf den Freitagstermin vorverlegen ließ, bekam die Exekutive die Situation nicht unter Kontrolle. 1.500 Polizisten reichten nicht aus, denn die Stadt befand sich wegen SantAgata in einer Art verspäteter Silvestereuphorie, die bei einem Teil ihrer Bewohner ins Negative kippen sollte. Palermos Trainer Guidolin über die Situation in Catania: »Den ganzen Tag schien hier ein Land im Krieg zu sein, wir sind im Stadion angekommen und von Orangen, Eiern und Flaschen, die gegen den Bus geworfen wurden, empfangen worden.« 

Zu Beginn des Spiels befanden sich nur die Catania-Anhänger im Stadion, denn die Fanbusse aus Palermo hatten sich verfahren. Die Begegnung auf dem Spielfeld verlief ruhig und als in der 50. Spielminute das 1:0 für Palermo aus abseitsverdächtiger Position fiel, schien sich Protest aus der Catania-Kurve noch auf spielrelevante Geschehnisse zu beziehen. Als dann aber zehn Minuten später die ersten der rund 500 Anhänger der Gastmannschaft im Stadion eintrafen, nahm die Tragödie innerhalb und außerhalb der überalterten Anlage ihren Lauf. 

Heim- und Auswärtskurve im Innenbereich des Stadio Angelo Massimino trennt nur eine schmale »neutrale Zone«. An der Außenseite befinden sie sich die Ausgänge in unmittelbarer Nähe. In diesem Bereich wartete eine Gruppe von Catania-Fans auf die Ankunft der Fanbusse aus Palermo, um einen gezielten Angriff auf die Gäste zu starten. Als die Polizei den Ultras durch den massiven Einsatz von Tränengas entgegen trat, kippte die Situation innerhalb weniger Augenblicke und die Einsatzkräfte befanden sich in einem Straßenkampf. Die Luft in und außerhalb der Stadionanlage war innerhalb von Minuten kaum noch zu atmen. Panik brach aus. Der Schiedsrichter musste die Partie gegen 19.08 Uhr unterbrechen.

Zu diesem Zeitpunkt war Filippo Raciti bereits tödlich verletzt worden, wahrscheinlich von einem Waschbecken, das auf ihn geworfen wurde. Raciti brach zusammen und atmete dabei die giftigen Dämpfe eines Sprengkörpers ein, der seinen Polizeijeep traf. Um 22.10 Uhr konnten die Ärzte im Krankenhaus nur mehr seinen Tod feststellen.

Trotz der massiven Ausschreitungen und Wolken von Tränengas im Stadion pfiff der Schiedsrichter gegen 19.48 Uhr wieder an und ließ die Partie fertig spielen. Nach dem Hand-Siegestreffer durch Di Michele zum 1:2 für Palermo kam es zu einer weiteren Eskalation des Fanprotests. Am Ende stand zusätzlich zum Tod von Raciti eine Bilanz von rund 70 leicht bis mittelschwer verletzten Personen. Die Palermo-Fans mussten bis Mitternacht in ihrem Sektor warten und griffen nicht direkt in die Ausschreitungen ein. 

Die Polizei sprach anschließend von einer gezielten Attacke der extremen Rechten gegen die Ordnungskräfte. Unter den mutmaßlichen Tätern befand sich auch Alain di Stefano, ein 24-jähriger lokaler Capo der rechtsextremen Partei Forza Nuova. Fest steht aber, dass die Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften ausgeufert sind und am Ende eine Vielzahl sowohl vom Alter als auch von ihrer sozialen Herkunft unterschiedlicher Personen teilgenommen haben.

 

Ruinöse Stadien


Wie die Geschehnisse des 2. Februar deutlich zeigten, war die heruntergekommene Anlage in Catania in keiner Weise geeignet für ein derartiges Risikospiel. Doch sie ist kein Einzelfall. Als zu Beginn der Saison 2005/06 die »Decreti Pisanu«, die berühmten Verordnungen des damaligen Innenministers, in Kraft getreten waren, entsprach kein einziges Stadion der beiden höchsten Spielklassen den darin festgelegten Sicherheitsstandards. Zum Zeitpunkt der tragischen Vorfälle von Catania erfüllten gerade einmal sieben der mehrheitlich im Gemeindebesitz stehenden Anlagen der Serien A und B (Rom, Turin, Siena, Genua, Palermo, Bari und Bologna) die Auflagen. 

Die italienischen Präfekturen hatten den Gemeinden und Klubs de facto eineinhalb Saisonen lang Aufschub erteilt. Den Kommunen fehlte es an Geld und effizienter Organisation, um die bautechnischen Adaptionen vorzunehmen. Das Wirtschaftsblatt Il Sole 24ore sieht die Schuld aber auch bei den Vereinen. Dies bestätigen Domenico Geri, Geschäftsführer der Firma Zucchetti, die in vier der sieben verordnungskonformen Stadien die Sicherheitssoftware und hardware installiert hat, und Regginas Präsident Lillo Foti. Die Vereine investieren ihr Geld lieber in teure Spielertransfers, als die Stadionmieten pünktlich zu bezahlen oder sich an der Finanzierung der Arenen zu beteiligen. Selbst bei optimistischer Prognose wird es erst zu Beginn der Saison 2007/08 vollständig regelkonforme Stadienbauten in den beiden obersten Spielklassen geben.

Die katastrophale Infrastruktur ist auch mitverantwortlich für den drastischen Zuschauerrückgang in Italien. So fiel der Besucherschnitt in der Serie A in den vergangenen drei Jahren um 30 Prozent. Mit rund 18.000 Fans hat er sich in der laufenden Meisterschaft fast auf dem Durchschnittsniveau der 2. Deutschen Bundesliga eingependelt und sich im Vergleich zur italienischen Rekordsaison 1984/85 halbiert. 


Legislative Härte, exekutive Absenz


Mit den Pisanu-Dekreten vom Juni 2005 gibt es im Bereich der technischen Stadionsicherheit schon relativ sinnvolle Reglements. Allein, diese Normen wurden von den Verwaltungsbehörden und Fußballvereinen nicht umgesetzt. Anstatt die exekutive Absenz in der italienischen Bürokratie zu bekämpfen, verabschiedete der Senat sechs Tage nach den Ereignissen von Catania fast einstimmig eine neue Anti-Gewalt-Verordnung. Sie enthält ein Bündel von verschiedensten legislativen Maßnahmen in den Bereichen Stadionsicherheit, Strafrecht und Sicherheitsbehörden.

Eine der neuen Bestimmung setzt bei den von den Klubs bereitgestellten Stadionordnern an. Auf die Effektivität und Sensibilität dieser so genannten Stewards und ihre Kooperation mit dem staatlichen Sicherheitspersonal wird es stark ankommen, um in Zukunft zu vermeiden, dass potenzielle Gewalttäter überhaupt in die Stadien gelangen und andererseits friedliche Stadionbesucher nicht schikaniert werden. Weiters kann das »DASPO«, das Verbot an sportlichen Veranstaltungen teilzunehmen, vom Gericht nun auch gegenüber Minderjährigen ausgesprochen werden. Die maximale Dauer wurde stark erhöht, die polizeiliche Anhaltehaft für »Hooligans« von 36 auf 48 Stunden nach oben gesetzt.

Aufrecht erhält der Gesetzgeber den Verkauf von elektronischen Namenstickets, der sich in der Vergangenheit als schikanös und unpraktikabel erwiesen hat. Noch im Jänner machten die Klubpräsidenten die Registrierungspflicht für jeden Stadionbesucher für die rückläufigen Zuschauerzahlen verantwortlich, jetzt werden sie und die Ordner durch die neuen Normen zur Kontrolle der Identität jedes Stadionbesuchers nicht nur beim Ticketerwerb, sondern auch beim Eintritt ins Stadion verpflichtet. Darüber hinaus wurden die schon bisher bestehenden Erschwernisse für Auswärtsfans weiter verschärft. Es soll weiterhin nicht möglich sein, am Matchtag Karten für den Gästesektor zu kaufen. Die bei Großereignissen teilweise sinnvollen Einzelmaßnahmen erscheinen für den wöchentlichen Stadionbesuch ungeeignet, kriminalisieren jeden einzelnen Stadionbesucher und richten sich gezielt gegen jedes organisierte Fantum.         

Referenzen:

Heft: 27
ballesterer # 121

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