Die tunesische Fete

Ein großes Fußballturnier erzählt viele Geschichte. Der ballesterer fm hat den 24. Coupe d'Afrique des Nations (CAN) in Tunesien besucht und seine Erlebnisse in einem Tagebuch zusammengefasst. 


Reinhard Krennhuber | 01.03.2004
1. Februar: Ich verlasse Wien nicht alleine: Zwei Tage vor meiner Abreise hat mich eine E-mail von zwei ballestererfm-Lesern erreicht, die ebenfalls zum CAN fliegen. Christoph und Martin sitzen in derselben Maschine.

Nach der Ankunft in Tunis machen wir die Bekanntschaft einer Gruppe kongolesischer Studenten, die desillusioniert vor ihrer Herberge herumstehen. DR Kongo hat am Nachmittag auch das letzte Spiel gegen Ruanda verloren, die Heimfahrt naht.

 

2. Februar: Im noblen El Mechtel-Hotel, wo für den CAN ausgerechnet ein ehemaliges China-Restaurant zum Pressezentrum umfunktioniert wurde, erfahre ich, dass meine Akkreditierung noch nicht fertig ist. Im Sog der Journalistenkarawane findet sich aber ein Weg auf die Pressetribüne des El-Menzah-Stadions, in dem sich Mali und Senegal den Sieg in Gruppe B ausmachen. Das Supporter-Match endet unentschieden. Aus dem Senegal sind etwa 500 gekommen, um ihr Team zu unterstützen. Die Fanschar aus Mali ist nur halb so groß, kann jedoch den smootheren Sound für sich verbuchen. Insgesamt finden sich zunächst nur 3.000 Besucher im weiten Fächerrund des bereits in den 60er Jahren erbauten Stadions ein. Zehn Minuten nach Anpfiff hat sich ihre Zahl schlagartig verdoppelt. Für attraktivere TV-Bilder werden schon mal Stadiontore geöffnet. Das ansprechende Spiel endet mit einem leistungsgerechten 1:1. Mali ist Gruppensieger und trifft im Viertelfinale auf Guinea. Auf Senegal wartet Gastgeber Tunesien.

 

3. Februar: In einer »Louage«, einem für sieben Personen zugelassenen Überlandtaxi, lassen wir Tunis hinter uns. Ziel ist das rund 170 km entfernte Monastir, wo Ägypten auf Titelverteidiger Kamerun trifft. Der Nebel der Großstadt verzieht sich schnell, zumal unser Fahrer seinen Renault 21 (Baujahr 1985, 560.000 km) mit bis zu 150 Sachen Richtung Süden bewegt. Aus dem Radio tönen lässige arabische Schlager. In der Geburtsstadt von Langzeitmachthaber Habib Bourguiba eingetroffen, hören wir von Schiebereien beim Kartenverkauf. Das Match soll binnen kürzester Zeit ausverkauft gewesen sein, weil sich Polizisten massenhaft Karten unter den Nagel rissen, um sie später über Unterhändler auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Die Partie findet dennoch vor 20.000 Besuchern und damit vollem Haus statt, kann jedoch nicht mit Senegal-Mali mithalten. Schnell wird klar, dass Kamerun mit einem Punkt zufrieden ist, der sich schließlich auch ausgehen sollte. Während die Ägypter immer verzweifelter agieren, braust in ihrem Sektor Jubel auf. Simbabwe hat das 2:0 gegen Algerien erzielt, der Erzfeind wäre überholt. Die Hoffnung hält aber nur zwei Minuten, ehe Achiou die Algerier wieder auf Viertelfinalkurs bringt. Nach dem Match spreche ich mit Winnie Schäfer. Er ist mit der Nullnummer sichtlich zufrieden, sieht aber angesichts »60 bis 70 Prozent Kamerunfußball« noch Verbesserungsbedarf. Relaxter als Schäfer agiert nur die vom Mobilfunkanbieter Orange gesponserte Supportergruppe Ngando Picket, die vor dem Stadion die Unbesiegbarkeit ihrer Löwen besingt.

 

4. Februar: Sousse zeigt sich am Spieltag von Marokko gegen Südafrika von seiner Sonnenseite. 20° Celsius machen das Trinken des »Capucins« (türkischer Kaffee mit Milchschaum) in den Cafés der Altstadt zum kurzärmeligen Freiluftvergnügen. Mit dem Abend kommt die Kälte. Beim Betreten des für 25.000 Zuschauer konzipierten Stadions von Etoile Sportiv du Sahel wünsche ich mir vergeblich eine Haube herbei, für die südafrikanischen Kollegen auf der Pressetribüne ist tiefer Winter. Das Stadion füllt sich nur spärlich. Nachdem die »Bafana Bafana« den Marokkanern aus einem schnellen Konter das erste Gegentor seit Beginn der CAN-Qualifikation beschert, schalten die Nordafrikaner einen Gang höher. Zairi wird im Strafraum berührt und Kissis Elfertor lässt die 1.000 anwesenden Marokkaner vereinzelte Bengalen zünden. Die letzten Aufstiegsträume der Südafrikaner sind hingegen erloschen. Nach dem Schlusspfiff bildet sich ein kleiner Massenauflauf auf der Haupttribüne. Grund ist die Präsenz von Mohamed Timoumi, Afrikas Fußballer des Jahres 1985. Ein Jahr nach seiner Ehrung lieferte er sich im WM-Achtelfinale gegen Deutschland (0:1) ein großes, aber unbelohntes Duell mit Lothar Matthäus.

 

7. Februar: Nach zwei Tagen am Meer kehren wir zum Spiel Tunesien gegen Senegal wieder in die Hauptstadt zurück. Ich gebe mir eine Halbzeit Guinea-Mali, die anschließende Fahrt nach Radès wird zum Erlebnis: Die dreispurige Stadtautobahn ist von den zum Stadion strömenden Massen kurzerhand auf bis zu fünf Spuren ausgeweitet worden, fast kein Auto ohne Tunesienfahne. O-Ton des Taxlers: »Cest la fete de la Tunisie«. Der imposante Stadion-Neubau steht in der unbebauten Land¬schaft wie ein Tempel. Schon von weitem sind die Gesänge der 60.000 zu hören. Nach einer ereignisarmen ersten Hälfte erhöhen die tunesischen Fans noch einmal die Lautstärke und treiben ihr Team nach noch mehr vorne. Mit Erfolg: Mnari drückt eine Bouazizi-Flanke zum 1:0 in die Maschen. Während er gefeiert wird, fliegen uns auf der Pressetribüne Bengalen und andere Gegenstände aus dem Oberrang um die Ohren. Die Senegalesen gehen derweil auf die Schiedsrichter los, an dem Rudel in der Mitte des Spielfelds beteiligen sich auch Betreuer und Offizielle in Anzügen. Ihrer Meinung nach ist dem Tor ein Foul voraus gegangen. Totales Chaos. Das Spiel muss für mehrere Minuten unterbrochen werden. Als sich eine Fortsetzung abzeichnet, ist »Obermeckerer« El Hadji Diouf in den Katakomben verschwunden. Alle tippen auf eine Rote Karte, als er plötzlich wieder erscheint, um für weitere Unruhe zu sorgen. Nach einer äußerst hektischen Schlussphase und zehn Minuten Nachspielzeit, können die 60.000 den Halbfinal-Einzug feiern. El Hadji geht noch einmal auf den Schiri los und zertritt eine wehrlose Werbebande. Mein Nachbar vom französischen Magazin »Onze Mondial« schüttelt den Kopf. Die Tunesier beenden ihre Ehrenrunde.

 

8. Februar: Nach einer vierstündigen Zugfahrt erreiche ich Sfax. Beim Viertelfinale zwischen Algerien und Marokko bietet sich endliche die Gelegenheit, die algerischen Fans zu erleben...


11. Februar:  Nachdem die beiden Semifinali unsinniger Weise an einem Tag angesetzt wurden, entscheiden wir uns für Mali-Marokko in Sousse. Das Tunesien-Spiel gegen Nigeria wollen wir uns vorher im Fernsehen anschauen. Einen Platz vor einem TV-Gerät zu ergattern, erweist sich aber als schwierig. Alle Bars sind restlos überfüllt, die Leute sitzen enger als in einer Ryanair-Maschine. Schließlich werden wir in einer Seitengasse doch noch fündig und erleben den Kick aus der 10. Reihe. Obwohl Spiel und Atmosphäre durchaus entsprechen und die Wasserpfeifen um uns auf Hochtouren laufen, müssen wir beim Stand von 1:1 nach 90 Minuten zum Stadion am Stadtrand aufbrechen. Dort bringt der Sender im Pressekammerl Werbung statt Elferschießen. Vor dem zweiten Fernseher (Bildröhre 30 cm) stehen wenigstens 50 Leute, irgendwie sehe ich dann aber doch den entscheiden Elfer von Hagui. Augen¬blicke später hüpfen die Tunesier durch die Gegend. Ziegel, die als Sitzplätze dienten, werden zerschlagen, die Augen funkeln um die Wette. Die »Fête de la Tunisie« kann weitergehen. Als ich die Pressetribüne betrete, hat der Schiri das Spiel gerade angepfiffen. Im Stadion verlieren sich nur rund 3.000 Zu¬schauer, obwohl weitaus mehr Karten verkauft worden sind. Sousse feiert noch den eben errungenen Sieg. Die Marokkaner zeigen von Beginn an, warum sie im Halbfinale stehen: Sicheres Kombinationsspiel und schnelle Konter lassen Mali nicht aufkommen. Burghausens Mokhtari entscheidet die Partie per Freistoß ins Kreuz und fiesem Aufsitzer praktisch im Alleingang. Dann strömen feiernde Tunesier auf die Tribünen, das Dach eines eintreffenden Busses bevölkern mindestens 30 Leute. In der Schlussphase lässt Marokko den Sieg zu hoch ausfallen, die Fans verabschieden die stärker eingeschätzte Konkurrenz mit einem Endlos-Chant: »Bye bye, Mali, bye bye.«

 

13. Februar: Tunesien fiebert dem Endspiel entgegen. Die gleichgeschaltete Presse wird nicht müde, jeden Spieler zum nationalen Heroen hoch zu stilisieren. »La Presse« appelliert an alle Tunesier, ihre Häuser und Balkone »bis zum Tag der Heiligkeit« mit der Nationalflagge auszustaffieren. Nicht wenige kommen dem Aufruf nach, die Aussicht auf den ersten Cup-Triumph versetzt das Land in einen nationalen Taumel. Wir fahren mit der »Métro du Sahel« zum Spiel um Platz drei nach Monastir. Bei prächtigem Wetter besiegt Nigeria in einem entspannten Kick Mali mit 2:1, Okocha nimmt die Trophäe für den besten Spieler des Turniers entgegen. Wir sind einstweilen schon in der für Zwerge ausgelegten dritten Sitzreihe eines »Louage« auf dem Weg nach Tunis.

 

14. Februar: Am Tag der Entscheidung hat »La Presse« im Rennen um die kreativste Schlagzeile wieder einmal die Nase vorn. »An der Pforte zur Herrlichkeit« schlägt »Ein großer Tag« von »Le Renouveau« um Längen. Der Weg zum Stadion beginnt früh: Mehr als drei Stunden vor Spielbeginn verlässt die Buskolonne hinter einer Polizei-Eskorte das Pressehotel. Die 10-km-Fahrt dauert trotz Blaulicht-Begleitung über eine Stunde. Das Radès-Stadion ist bei unserer Ankunft schon zu zwei Dritteln voll, Gesänge hallen von den Rängen. Auch die Marokkaner sind in Massen gekommen.

Die Gastgeber beginnen überfallsartig, bereits in der 5. Minute köpft Santos das 1:0. Erst nach 20 Minuten lässt Tunesiens Sturm und Drang etwas nach, eine schöne Kombination reicht den »Atlaslöwen« zum unverdienten Ausgleich: Mokhtaris Flugkopfball lässt Marokko wieder atmen. Nach dem Wechsel passiert wenig, bis Clayton einen mittelprächtigen Schuss vom 16er-Eck wagt. Die vermeintlich leichte Übung für Fouhami wird zum spielentscheidenden Desaster. Marokkos Keeper legt die Kugel Jaziri vor die Füße, der nur noch zum 2:1 einzudrücken braucht. 55.000 Tunesier kriegen sich nicht mehr ein. Doch der Sieg gerät nicht mehr in Gefahr. Schlusspfiff. Die Marokkaner sinken enttäuscht zu Boden, das Stadion liegt sich in den Armen. Präsident Ben Ali reicht jedem seiner Helden die Hände. Ich beglückwünsche einen tunesischen Kollegen. Auf dem Highway Richtung Zentrum ist dann die Hölle lös. Überladene Pick Ups mit bis zu zwanzig Fahnenschwingern auf der Ladefläche, öffentliche Busse mit 150 Insassen und besonders Wagemutige, die auf Autodächern Platz genommen haben, machen die Schritttempofahrt zum Erlebnis. Als wir die Avenue de Bourguiba im Zentrum erreichen, ist der ausgelassenste Teil der Feiern vorbei. Der Großteil der Masse schlendert abseits jeglicher Hysterie mit zufriedenem Gesichtsausdruck über die für den Verkehr gesperrte Prachtstraße. Ein kleines bisschen eskaliert dürfte die Lage zuvor aber schon sein. Die Auslagenscheibe eines Geschäfts ist zertrümmert. Vor dem Theater wird eine Gruppe Marokko-Fans von einem tunes¬schen Mob mit Plastikflaschen beschossen, gröbere Auseinandersetzungen bleiben allerdings aus.

 

15. Februar: Der Tag danach beginnt mit leichtem Kopfweh, das sich durch die Lektüre der Sonntagszeitungen nur noch verschlimmert. Schlagzeilen wie »Tunesien im Paradies« oder »Wir sind die Besten« machen klar, dass von dem verdienten Titel auch einer profitiert, dem es nicht zu vergönnen ist. Tunesiens Machthaber Ben Ali kann sich im 17. Jahr seines Daseins an der Staatsspitze eines neuen Sympathiehochs sicher sein. Dem Fußball die Schuld dafür zu geben, wäre dennoch billig. Schon allein deshalb, weil die kollektive Spielanlage der Equipe von Roger Lemerre eine Antithese zum politischen Alleingang Ben Alis darstellt.

Referenzen:

Heft: 12
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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