Die Unvollendeten

Vor zehn Jahren begann für das deutsche Nationalteam eine neue Zeitrechnung mit offensivem Spiel und vielen Sympathien. Die Revolution von Jürgen Klinsmann und seinem Nachfolger Joachim Löw könnte in Brasilien ohne einen Titel zu Ende gehen.
Nicole Selmer | 12.05.2014
Wetten, dass ...?" wird Ende 2014 eingestellt. Die laut Eigenwerbung erfolgreichste Fernsehshow Europas hat einen schleichenden Niedergang hinter sich, zu ihrer großen Zeit in den 1980er und 1990er Jahren versammelte sie jedoch einen großen Teil der deutschen Bevölkerung vor dem Fernseher und war am Montag darauf Gesprächsthema in Büro, Schule und am Stammtisch. Damit gelang einer TV-Show, was in Deutschland sonst nur der Fußball kann und am besten das Nationalteam. Während das Ende von "Wetten, dass ...?" wohl durch den Rücktritt des langjährigen Moderators Thomas Gottschalk 2011 eingeleitet wurde, hat der letzte große Trainerwechsel dem deutschen Team einen enormen Aufschwung beschert.

Zehn Jahre Revolution
Dem Ausscheiden in der Vorrunde bei der EM in Portugal war der Rücktritt von Teamchef Rudi Völler und die Einsetzung einer Trainerfindungskommission durch den Deutschen Fußball-Bund gefolgt. Im Juli 2004 kursierten etliche Namen von Morten Olsen über Ottmar Hitzfeld bis zu Winfried Schäfer in den Medien, allen voran in der Bild. Tatsächlich wurde es Jürgen Klinsmann, an seiner Seite Oliver Bierhoff als Manager und Joachim Löw als Co-Trainer. Klinsmann war kein Mann der Erbhöfe, kein ehemaliger DFB-Assistent, der nun Chef wurde. Er kam nicht einmal aus den Ligastrukturen wie Völler, und er war nicht der Mann der Bild-Zeitung, die Lothar Matthäus forciert hatte. Vor seiner Einstellung hatte Klinsmann in Interviews mit der Süddeutschen und der FAZ für eine Reform des gesamten DFB geworben. Ein Versprechen, das er später einlöste. 2010 schrieb Sportjournalist Oliver Fritsch bei ZEIT Online: "Klinsmanns historisches Verdienst besteht darin, die Bedingungen modernisiert zu haben, unter denen Trainer in Deutschland arbeiten: Leistungsdiagnostik, Sportpsychologie, Taktikanalysen, Lernen von anderen Sportarten. Klinsmann hat beim DFB aufgeräumt, auch personell."

Klinsmanns Amtszeit war kurz, er hinterließ nach der WM 2006 einen dritten Platz, Euphorie in Schwarz-Rot-Gold - und den Bundestrainer Löw. Die kontrollierte Übergabe an den Assistenten war die Fortsetzung der Revolution mit anderen Mitteln. Spielerisch ersetzten Klinsmann und Löw grätschende Verteidiger durch spieleröffnende Abwehrspieler, Defensive durch Offensive, Zerstörung durch Kreativität. Über die deutschen Achtel- und Viertelfinalsiege bei der WM 2010 gegen England und Argentinien schrieb der englische Telegraph, es sei Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen: "Sie haben das abgenutzte Stereotyp der teutonischen Effizienz hinter sich gelassen und spielen den aufregendsten Fußball. Es ist ein junges Team mit schier unendlichem Selbstvertrauen, das an eine mögliche Niederlage nicht einmal zu denken vermag."

Romantische Niederlagen
Tatsächlich jedoch ist es nicht nur die Art der Siege, sondern auch die Art der Niederlagen, die den neuen deutschen Fußball auszeichnet. Dem dritten Platz bei der WM 2006 folgten ein zweiter bei der Europameisterschaft und ein weiterer dritter bei der WM 2010. Wurde das Team 2006 in Deutschland schon als "Weltmeister der Herzen" gefeiert, blieb bei den folgenden Turnieren der Trost, gegen Spanien, die unumstritten beste Mannschaft der Welt, verloren zu haben. An die Stelle von hässlichen Siegen traten unter Klinsmann und Löw romantische Niederlagen. Es war gelungen, was zuvor unmöglich schien: die deutsche Nationalelf sympathisch zu machen.

Zu diesem Imagewandel trug nicht nur das veränderte Auftreten auf dem Platz bei, sondern auch die veränderte Zusammensetzung der Mannschaft, die nicht mehr nur aus herkunftsdeutschen Müllers und Maiers bestand, sondern zur Weltmeisterschaft in Südafrika mit Spielern wie Sami Khedira, Mesut Özil und Cacau auflief. Die Realität des Einwanderungslandes Deutschland bildet sich mittlerweile auch in dessen Nationalteam ab.

Die Nacht von Warschau
Nach Spielen und Punktgewinnen gerechnet ist Joachim Löw der erfolgreichste DFB-Trainer der Geschichte. Aber es ist ein Erfolg ohne Titel. Bis zur Europameisterschaft 2012 schien dies verzeihlich und nur eine Frage der Zeit. Das Halbfinalausscheiden in Warschau jedoch war ein Bruch, nicht nur weil es diesmal keine Niederlage gegen das überlegene Spanien, sondern gegen den ewigen Angstgegner Italien war. Zum ersten Mal bekamen Löw und sein Team starken Gegenwind der Medien zu spüren: Eine falsche Aufstellung, ein Plan, der nicht aufgegangen sei, und eine zu späte Reaktion auf die Fehler wurden dem Trainer vorgeworfen. Für die Bild, die mit Klinsmann und Löw ihren direkten Draht in die Kabine eingebüßt hatte, schien die Zeit der Abrechnung gekommen: "Memmen gegen Männer" sah das Blatt auf dem Platz und machte auch gleich einen Grund für die Niederlage aus: fehlende Sangeslust insbesondere der Spieler mit Migrationshintergrund. "Sie haben den deutschen Pass, aber verweigern die Hymne. Das kann's nicht sein." Kritik war auch in den folgenden anderthalb Jahren zu hören. So haben 24 Gegentore in 19 Test- und Pflichtspielen seit der EM Rufe nach einer Rückbesinnung auf traditionell deutsche Defensivtugenden laut werden lassen.

Die WM-Qualifikation absolvierte das Team dennoch ungeschlagen, einen Monat später, im November 2013, erschien die durch den DFB geförderte Studie "Wir sind Nationalmannschaft". Die Wissenschaftler des Institute for Sports, Business & Society untersuchen die Bedeutung des Nationalteams für die Bevölkerung und dessen sportliche Entwicklung. Sie konstatieren eine schichten-, generationen- und geschlechterübergreifend hohe Identifikation mit dem Team, zusammengefasst im Bild des letzten gemeinsamen Lagerfeuers. Doch die Reaktionen nach der Europameisterschaft haben gezeigt, dass die Liebe der Öffentlichkeit für das offensive Spiel brüchig ist. Ein Lagerfeuer der Nation war auch "Wetten, dass ...?" einmal, das Ende der Fernsehshow sollte eine Warnung für Joachim Löws Team sein.

Referenzen:

Heft: 92
ballesterer # 117

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