Die Vereinheitlichung

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Das Franz-Horr-Stadion im zehnten Wiener Gemeindebezirk wird von Grund auf erneuert. Es ist ein Neubeginn für eine Spielstätte, die sich durch vier gänzlich verschiedene Tribünen auszeichnete. 

Mario Sonnberger | 14.08.2016

Staub weht über die Autobahn. Am Verteilerkreis in Wien-Favoriten sind die Bagger angerollt, um die Nord- und Westtribüne des Franz-Horr-Stadions zu demontieren. Der Abriss ist der erste Schritt zu einem wegweisenden Bauprojekt. Anstelle der bisherigen Spielstätte, die zuletzt knapp 13.000 Zuschauern Platz bot, soll in den kommenden zwei Jahren ein im Wesentlichen neues Vier-Sterne-Stadion entstehen. Eine Erhöhung der Kapazität auf 17.500 Plätze ist geplant, 28 VIP-Logen und vier Sky-Boxen sollen mehr Geld in die Vereinskassen spülen. Im Umfeld des Stadions wird mit dem Viola Park und rund 800 Wohnungen ein kleines Stadtviertel in die Höhe gezogen, auch Trainingsplätze und die Akademie werden erneuert. Rund 48 Millionen Euro wollen Verein und öffentliche Hand dafür aufbringen. Damit soll auch die wechselhafte Geschichte des Franz-Horr-Stadions einen vorläufigen Höhepunkt erreichen.

Das tschechische Herz
Das Stadion ist tief in Favoriten verwurzelt. Als Heimat der „Ziegelbehm“ war der Bezirk traditionell geprägt von der tschechischen Bevölkerung in Wien, aus der 1902 der SK Slovan hervorging. Dieser suchte sich 1925 am Laaerberg eine Heimstätte – den Ceske-srdce-Platz, das „Tschechische Herz“. Plangemäß sollte diese nach dem Vorbild der Hohen Warte das Gelände der Umgebung miteinbeziehen und später ein umfassender Sportkomplex werden. Slovans finanzielle Probleme verhinderten die Realisierung der Pläne. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte der Verein ab, das Stadion ging an den Wiener Fußballverband. Dessen Präsident Franz Horr wollte den Platz für den Profifußball erhalten – und fand 1973 mit dem FK Austria einen Mieter. Die Austrianer hatten in den Jahrzehnten davor im Prater gespielt, in Hütteldorf und zuletzt am Sportclub-Platz. Nun wurden sie unter Klubsekretär Norbert Lopper in Favoriten heimisch.

Im Gegensatz zu „Mister Austria“ Lopper war der Namenspatron des Stadions am Laaerberg mit dem Verein zuvor kaum verbunden. Horr, nach dessen Tod 1974 das Stadion benannt wurde, war sozialdemokratischer Parlamentarier, Gewerkschafter und Arbeiterkammerfunktionär. Erst in seiner Rolle als Präsident des Wiener Verbands sollte er die Entwicklung der Austria prägen. Seit der Stadionnamensvergabe an einen Sponsor wird ihm mit einem Straßennamen Tribut gezollt. Stadion und Klub tragen die Anschrift Horrplatz 1.

Unfertig britisch
Vier freistehende Tribünen und tiefliegende Dächer sorgten im Horr-Stadion zuletzt für ein britisches Flair, das seinen Charme ausmachte. Gleichzeitig vermittelte ihr Anblick stets einen unfertigen Eindruck. Schließlich lagen mehrere Jahre zwischen den einzelnen Bauphasen. Die Tribünen waren über einen Zeitraum von 25 Jahren errichtet worden. Als erste wurde 1982 eine neue Nordtribüne für rund 3.000 Zuseher eingeweiht, fünf Jahre später erfolgte einer der bedeutsamsten Schritte in der Geschichte der Spielstätte. Mit der Westtribüne bekamen die Austria-Fans, die zuvor auf der unbebauten Wiese im Osten standen, eine neue Heimat.

Die „West“ war für die Austrianer nicht nur eine Fantribüne, sie hatte auch Symbolkraft – vor allem von 1998 an, als Frank Stronachs Magna-Konzern allmählich die Macht in Favoriten übernahm. Als die Fans mit dem Mäzen im Clinch lagen, formierten sich rund um die Plattform westtribuene.at Proteste. Das Stadion wurde zur Bühne für Interventionen, vom koordinierten Supportboykott bis zur meinungsbildenden Choreografie. Durch eine geeinte Fanszene hatte die Initiative genügend Durchschlagskraft, um Ex-FPÖ-Politiker Peter Westenthaler als Vereinsfunktionär zu verhindern.

Der Osten als Symbol
Als sich Magna 2007 zurückzog, brach für den Klub eine neue Ära an. Die Strategie der Austria, sich mit einer reformierten Struktur, einer entkoppelten AG und einer Rückbesinnung auf Traditionen neu zu positionieren, ging auf. Der Sponsor verschwand aus Teamnamen und Wappen – und als Symbol für die Rückkehr zu alter Größe ragte im Osten des Franz-Horr- Stadions eine neue Tribüne in die Höhe.

Bis 2007 waren die Auswärtsfans genau gegenüber der Westtribüne untergebracht – auf einer zehn Jahre zuvor schnell errichteten Stahlrohrkonstruktion ohne Dach. Diese bescherte den gegnerischen Fans zwar etliche romantische Abende im strömenden Regen, doch war sie weder zeitgemäß noch sicher. Regelmäßig hatte die Tribüne Schaden davongetragen, allzu leicht war das Gebilde zu zerlegen. Der Verein entschied sich für eine Umgestaltung des Geländes. Binnen eines Dreivierteljahres wuchs die doppelstöckige neue Osttribüne aus dem Boden, nach deren Vorbild jetzt auch West- und Nordtribüne neu errichtet werden. Sie beherbergte das Viola Pub, einen geräumigen Fanshop und das angeschlossene Austria- Museum. Als im Sommer 2008 die Fans von West nach Ost wechselten, schien alles auf Schiene.

Doch bald machten sich dunkle Wolken breit, als sich rechtsextreme Umtriebe auf der Tribüne häuften. Nach wiederholten faschistischen Provokationen kam es im Herbst 2009, im Europa-League-Spiel gegen Athletic Bilbao, zu einem Platzsturm, der die Fanszene nachhaltig beschädigte. Die UEFA verurteilte die Austria zu einer Geldstrafe und einem Geisterspiel, diese reduzierte die Fanarbeit fast auf Null. Ganz erholte sich die Tribüne nicht mehr davon. Trotz des Meistertitels 2013 war das Horr-Stadion selten ausverkauft, noch immer ist die Stimmung zwischen Verein und Fans nicht die beste.

Nun ist der Vorhang gefallen, das Stadion eine Baustelle. Das neue Gebäude wird nach ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten neu konzipiert. Für die Austria und ihre Fans wird zwei Saisonen lang das Ernst-Happel- Stadion eine neue Heimat. Erst im Sommer 2018 kann in Wien-Favoriten wieder Geschichte geschrieben werden.

Foto: Werner Koisser


Franz-Horr- Stadion

Horrplatz 1

1100 Wien

Referenzen:

Heft: 114
Rubrik: Lost Grounds
Verein: FK Austria Wien
ballesterer # 120

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