Die weichen Seiten des Grantlers

Vereinsliebe wegen eines angeblichen Geschenks im Kindesalter und Mitgefühl für andere Krebsleidende das Bild Ernst Happels erhält neue Facetten. Die Biografie »Genie und Grantler« liefert zudem viele Einblicke in die soziokulturellen Hintergründe der Stationen seiner Laufbahn.
Clemens Zavarsky | 12.11.2012

Fast pünktlich zum 20. Todestag von Ernst Happel am 14. November 2012 erscheint eine neue Biografie zu Österreichs Jahrhunderttrainer. Wer die übliche Ansammlung von Sprüchen, Anekdoten und Halbwahrheiten erwartet hat, wird positiv überrascht. Klaus Dermutz, Soziologe, Theologe und Philosoph, zeichnet nicht nur das Schaffen des Grantlers nach, sondern liefert auch historische Fakten und soziokulturellen Background zu Wien, Paris, Rotterdam und Brügge bis zu den letzten Stationen in Hamburg, Innsbruck und der österreichischen Nationalmannschaft. Manches Detail werden Anekdotenliebhaber wohl überspringen, aber sein Buch »Genie und Grantler« bietet historisches Fußball-Sozial-Literatur-Kopfkino.


Natürlich erfindet Dermutz die Fußballerbiografie nicht neu: Der Aufbau ist chronologisch und die Interviews im Anhang mit Happel, Felix Magath und Franz Beckenbauer sorgen für zusätzliches Verständnis. Auch dass manche Gschichterln nicht stimmen können, etwa dass Happel zum Rapid-Fan wurde, weil er als Bub ein Trikot von seinem Onkel geschenkt bekommen habe zu einer Zeit als es keine Trikots am Markt gab , schadet dem Buch nicht. Schließlich ist es eine Geschichte, die Happel selbst erzählt und ihm eine unerwartete romantische Ader verleiht.

ballesterer: Für Journalisten ist Ernst Happel nicht immer pflegeleicht gewesen. Sie haben ihn zweimal interviewt, ist daraus die Idee für die Biografie entstanden?
Klaus Dermutz: Ich habe ihn einmal 1986 beim HSV und einmal 1991 in Innsbruck interviewt. Eine Stunde und eineinhalb Stunden. Er ist sehr rasch ins Erzählen gekommen und seine Offenheit hat mich überrascht. In Innsbruck hat er frei über seinen Gesundheitszustand geplaudert, über den Zweiten Weltkrieg, seine Flucht und die Rückkehr nach Wien. Ich hatte mich, damals als noch sehr junger Journalist, auf ganz andere Fragen vorbereitet. Die Idee für das Buch ist mir schon 1986 gekommen, Happel hat ein Honorar von 500.000 Mark verlangt. Und einen Verlag zu finden, der das zahlt, hielt ich für unmöglich.
Sie legen in Ihrem Buch viel Wert auf sozialhistorische und kulturelle Hintergründe. Besteht da nicht die Gefahr, sich in Details zu verlieren?
Den Bezug zu der jeweiligen Zeit muss man in einer Biografie herstellen. Das ist mir ein wichtiges Anliegen gewesen. Diese Einbettung habe ich auch bei der Darstellung der Entwicklung des Fußballs vorgenommen. Ich habe auch versucht, die Präsenz von Krieg und Gewaltherrschaft in Happels Laufbahn herauszuarbeiten. Nicht nur während des Zweiten Weltkriegs, sondern auch bei der WM 1978 in Argentinien zur Zeit der Militärjunta. Im September 1978 hat Happel vor dem Rückspiel gegen Wisla Krakau mit den Spielern des FC Brügge in Auschwitz der ermordeten europäischen Juden gedacht. Nach dem letzten Interview 1991 hat Happel mich zum Bahnhof gebracht. Vor lauter Schreck über die Radio-Berichterstattung zum Krieg in Ex-Jugoslawien ist er fast in den Gegenverkehr gefahren.
Ernst Happel ist in Österreich noch immer eine ständig präsente und vieldiskutierte Figur. Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten überrascht?
Er hat in einem Magazin-Interview kurz vor seinem Tod gesagt, dass er darüber reden will, was er durch seine Krankheit gelernt hat. Dabei erwähnt er, dass er Mitgefühl mit den anderen Patienten im Krankenhaus habe. Und das passt so gar nicht zu seinem Image als Grantler. Diese Seite Happels kennenzulernen, war eine schöne Überraschung.

 

Buchtipp

Klaus Dermutz
»Ernst Happel. Genie und Grantler«
(Die Werkstatt, 2012)

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Rezensionen
ballesterer # 121

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