Die zwölfte Bank

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Der ökonomische Druck auf Fußballvereine wächst. Um kurzfristig zu Kapitel zu kommen, borgen deutsche Klubs verstärkt Geld bei ihren Anhängern. Zum nachhaltigen Wirtschaften taugen Fananleihen jedoch selten.

Nicole Selmer | 14.04.2015

Es war eine einfache Rechnung, die Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04, im Interview mit der Sport-Bild Ende Februar aufstellte. Würden alle 132.000 Mitglieder des deutschen Bundesligisten freiwillig den Betrag von je 1.000 Euro zahlen, könnte ein Großteil der Schalker Verbindlichkeiten von 171 Millionen Euro getilgt werden. Durch die gesparten Zinsen, so Tönnies, hätte der Klub plötzlich bei Spielerverpflichtungen ganz andere Möglichkeiten. Und das ganz ohne große Investoren. Nun steht das Schalker Denkmodell zwar nicht vor der Realisierung, es kommt jedoch häufiger vor, dass Fußballklubs zur Lösung ihrer Finanzprobleme auf die Anhänger zurückgreifen. Auch auf Schalke. Sogenannte Fananleihen spülen bei Erfolg kurzfristig große Summen in die Kassen der Vereine und geben den Anhängern das Gefühl, ihrem Klub etwas Gutes zu tun und gleichzeitig ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Allerdings mit einem hohen Risiko.

Risikogeschäft
Mit den Anleihen borgen die Fans ihren Vereinen über einen bestimmten Zeitraum von meist fünf oder sechs Jahren hinweg Geld mit Verzinsungen von durchschnittlich fünfeinhalb Prozent. Bedingungen, die weit über den Zinsen bei Sparbüchern liegen. Seit Hertha BSC 2004 den Anfang machte, sind in Deutschland bisher 16 Fananleihen von 13 Klubs der oberen drei Ligen emittiert worden, zuletzt im November 2014 von Drittligist Rot-Weiß Erfurt. Aktueller Spitzenreiter bei den Anleiheerlösen ist der Hamburger Sport-Verein mit 17,5 Millionen Euro, gefolgt von Schalke 04 mit elf und dem 1. FC Köln mit zehn Millionen. Erhältlich sind die Anleihen zu niedrigen Stückelungen, oft schon ab 100 Euro und gerne auch zu Beträgen, die an die Vereinshistorie anknüpfen wie 1.948 Euro für das Gründungsdatum des 1. FC Köln und 404 Euro für die Zahl der Tore, die Uwe Seeler für den HSV erzielte. Diese Sonderbeträge werden in Form von eigens gefertigten und äußerst beliebten Schmuckurkunden ausgegebenen. Auch Slogans wie „Herz zeichnen“ und „Liebe verzinst sich“ weisen darauf hin, dass hier weniger auf rationale als auf emotionale Motive gesetzt wird.

In der Außendarstellung sind die Fananleihen Erfolgsgeschichten. „Wir sind der Überzeugung, dass die Jubiläumsanleihe die richtige Entscheidung war“, sagt Oliver Peter, Direktor des Bereichs Finanzen und Administration beim HSV, über die 2012 erfolgte Emission. Nüchterner sieht das der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Weimar von der Universität Duisburg-Essen. Er hat mehrere Untersuchungen zum Thema Fananleihen durchgeführt und sagt: „Das ist meist eine Finanzierungsquelle, wenn alle anderen ausgeschöpft sind, weil der Klub zum Beispiel keine günstigen Bankkredite bekommt.“ Die Mehrzahl der Vereine habe sich bei Ausgabe der Anleihe in einer schlechten finanziellen Situation befunden. „Der FC Bayern könnte ohne Weiteres eine Millionenanleihe zu ein oder zwei Prozent ausgeben“, sagt Weimar. „Das tun sie aber nicht, weil andere Finanzierungsquellen da sind.“

Das Fußballgeschäft ist ein stark risikobehaftetes, die Einnahmen sind abhängig vom schwer kalkulierbaren sportlichen Erfolg. Die Fananleihe ermöglicht die Überbrückung von Liquiditätsengpässen, verursacht aber auch Emissionskosten von durchschnittlich 300.000 bis 400.000 Euro und generiert neue Schulden. Die Klubs müssen ihre Finanzinformation in einem umfangreichen Wertpapierprospekt darlegen – das bietet Einblick in sonst nicht immer zugängliche Geschäftsdaten. Die Liste der dort aufgeführten Risiken ist lang, mehrere Prospekte enthalten den Hinweis, die Anleihe sei nichts für Anleger, die für ihr Kapital ein möglichst gutes Verhältnis von Rendite und Risiko suchen.

Ständige Umschuldung
So droht im Fall einer Insolvenz der Gesamtverlust der Einlage, die Ansprüche werden nachrangig behandelt. Ein Szenario, das beim heutigen Viertligisten Alemannia Aachen eingetreten ist, der vor sechs Jahren bei Auflage der Anleihe von 4,5 Millionen Euro noch zwei Spielklassen weiter oben spielte. Dann ging es jedoch sportlich und finanziell bergab, und statt ihre Anteile zurückzuerhalten, mussten sich die Fans im Sommer 2013 auf der Gläubigerversammlung des insolventen Vereins einfinden. Arminia Bielefeld hatte eine erste Fananleihe 2006 noch in der Bundesliga aufgelegt. Als 2011 die Rückzahlung fällig wurde, spielte der Klub drittklassig und war konkursgefährdet. Er bat seine Gläubiger um die Zeichnung einer neuen Anleihe, aus der knapp zwei Millionen Euro erlöst wurden. Sie wird 2016 fällig. Ökonom Weimar sagt: „Das könnte klappen – sofern die Arminia wieder aufsteigt.“

Eine Auflage neuer Anleihen rund um den Fälligkeitstermin der ersten haben auch Hertha BSC und der 1. FC Köln vorgenommen. Hinter dem, was die Klubs als Fortsetzung eines erfolgreichen Modells bewerben, vermutet Daniel Weimar schlichte Umschuldung: „Durch eine Anschlussanleihe wird die Rückzahlung der ersten ermöglicht.“ Der 1. FC Köln konnte 2012 sämtliche Anteile seiner zweiten Anleihe absetzen und damit zehn Millionen Euro erlösen, bei Hertha BSC gelang 2010 die Ausschöpfung des Volumens von sechs Millionen nur zur Hälfte. Nicht untypisch, denn einige Vereine bleiben auf ihren Anleihen sitzen. Der Erfolg hängt laut Weimar an Faktoren wie der überregionalen Attraktivität, der wirtschaftlichen Lage zum Zeitpunkt der Emission und dem Verwendungszweck.

Investitionen in den Nachwuchs
„Die meisten Zeichner erwarten neben der emotionalen Rendite auch eine finanzielle“, sagte Tobias Kaufmann, Pressesprecher des 1. FC Köln, dem Kölner Stadt-Anzeiger im August 2014. Warum Fananleihen überhaupt gezeichnet werden, lässt sich allerdings mit Finanzmarktlogik kaum erklären. Ingo Thiel, langjähriger Fan des HSV, hat 2012 mehrere der ausgegebenen Schmuckurkunden erstanden. „Die sechs Prozent Zinsen haben für mich keine Rolle gespielt“, sagt er. Wichtig war ihm der vom Verein angegebene Verwendungszweck der Anleihe, nämlich die Realisierung des HSV-Campus. In unmittelbarer Nähe zum Stadion soll eine Anlage mit dem Nachwuchsinternat, einem Trainingszentrum sowie einer Anlaufstelle für Mitglieder und Fans entstehen. „Die Pläne habe ich super gefunden“, sagt Thiel. „So etwas hat dem HSV schon lange gefehlt.“ Auch Daniel Weimar bewertet Investitionen in Infrastruktur und Nachwuchs positiv, da sie einer langfristigen Einnahmensteigerung dienen, die weniger vom sportlichen Tagesgeschäft abhängt. Bei Vereinen, die wie Hansa Rostock und der TSV 1860 München von vornherein erklärten, das neue Kapital in den Spielerkader stecken zu wollen, sei das Volumen der Anleihe bei Weitem nicht ausgeschöpft worden. „Die wirtschaftliche Situation wird von den Fans durchaus antizipiert“, sagt Weimar. „Sie erkennen, wenn nichts Nachhaltiges geplant wird.“

Zu blauäugig?
Der HSV hingegen konnte mit seinen Plänen und einer umfangreichen Werbekampagne innerhalb von nur 17 Tagen Anteile im Wert von 12,5 Millionen Euro erlösen und stockte die Anleihe um weitere fünf Millionen auf. Nach den ursprünglichen Plänen sollte der HSV-Campus Ende 2014 fertiggestellt sein. Bisher haben die Bauarbeiten noch nicht begonnen. Die Konzernbilanz für das Geschäftsjahr 2013/14 weist als liquide Mittel 1,8 Millionen Euro aus. Oliver Peter vom HSV sagt: „Aus dem Nettoerlös der Anleihe wurden bereits erhebliche Investitionen in die Infrastruktur getätigt.“ Die Spekulationen der lokalen Presse lauten allerdings anders. „Die Anleihegelder wurden nicht ‚geparkt‘, sondern sind größtenteils in das laufende Geschäft geflossen“, schrieb das Hamburger Abendblatt.

Kein Einzelfall, wie Daniel Weimar vermutet. Der jeweils geplante Verwendungszweck der Anleihe wird zwar in den Wertpapierprospekten skizziert, jedoch unter Vorbehalt. „Die Formulierungen sind entsprechend vorsichtig. Die Vereine können immer argumentieren, das Geld müsse woanders investiert werden, um kurzfristige Liquiditätslöcher zu schließen, besonders wenn der Klub insolvenzgefährdet ist“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. HSV-Fan und Anteilseigner Ingo Thiel nimmt dem Klub die Änderung der Bau- und Investitionspläne übel. „Das mag legal sein, aber deswegen habe ich die Anleihe nicht gekauft. Ich wollte dem Verein helfen, ein konkretes Projekt zu verwirklichen“, sagt er. „Vielleicht war ich da zu blauäugig.“

Von der emotionalen Verbundenheit der Fans profitieren die Vereine auch bei der Zahlung der fälligen Zinsen. Denn im Fall der Schmuckurkunden erfolgt die Zinszahlung meist nicht automatisch, sondern angehängte Kupons müssen abgetrennt und bei der Geschäftsstelle eingereicht werden. Eine Mühe, die längst nicht alle Fans auf sich nehmen, zum einen um ihre Urkunden nicht zu zerstören, zum anderen weil sie ihrem Verein die Zinsen auch gern erlassen. Ingo Thiel hat in dieser Hinsicht seine Meinung inzwischen geändert. „Jetzt will ich meine Zinsen auch, der HSV Fußball AG werde ich keinen Cent schenken.“

Referenzen:

Heft: 101
ballesterer # 121

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