"Dieses Gesetz führt zu mehr Gewalt"

cache/images/article_2258_gander_140.jpg Verschärfte Maßnahmen gegen Fußballfans sorgen für eine Radikalisierung der Fanszenen, sagt Thomas Gander, Geschäftsführer der Fanarbeit Schweiz. Statt noch mehr Einschränkungen wünscht er sich verstärkten Dialog und mehr Freiheiten.
Corsin Zander | 20.03.2014

Bereits seit der Europameisterschaft 2008 gehen Schweizer Behörden strenger gegen Fußballfans vor. Das "Gesetz über Maßnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen", meist als Hooligan-Konkordat bezeichnet, sieht Platzverbote, Polizeigewahrsam, Meldeauflagen und Ausreisebeschränkungen vor - und wurde nun noch weiter verschärft. Nur die Parlamente von Basel-Stadt und Basel-Landschaft lehnten die Einführung ab, in anderen Kantonen erwirkten Fans ein Referendum über die Verschärfung und scheiterten - zuletzt Anfang Februar in Bern. Thomas Gander, Sozialarbeiter und Geschäftsführer des Vereins Fanarbeit Schweiz, erklärt warum.

ballesterer: In den letzten Jahren hat es immer weniger gewalttätige Ausschreitungen im Schweizer Fußball gegeben. Warum wurde das Hooligan-Konkordat in fast allen Kantonen dennoch verschärft?
Thomas Gander: Das Thema Fangewalt ist für viele Politiker ein beliebtes Spielfeld. Es eignet sich perfekt, um sich zu profilieren: Der Fußball ist populär, die damit verbundene Aufmerksamkeit ist also hoch. Außerdem zeigt sich in hier ein gesellschaftlicher Trend zur Gesetzesverschärfung, den wir auch in anderen Bereichen erleben.
In den Kantonen Bern, Zug und Zürich haben Fans ein Referendum über das Konkordat erwirkt. Mehrheiten von 78 bis 85 Prozent haben sich für die Verschärfungen ausgesprochen. Warum haben sich so wenige Menschen im Sinne der Fans entschieden?
Im Abstimmungskampf stellten die Befürworter der Bevölkerung im Prinzip zwei Fragen: Sind Sie dafür, dass man gegen Hooligans etwas unternimmt? Und sind Sie gegen Gewalt? Da haben natürlich viele einfach Ja gesagt. Die Lobby von Fans ist außerhalb des Stadions sehr klein. Man mag zwar Freude an den Fankurven haben, wenn diese für gute Stimmung sorgen und Choreografien zeigen, dennoch bleibt die Stimme der Fans oft ungehört.
Die Fanarbeit Schweiz will eine solche Lobby für Fans schaffen. Sind die Ergebnisse auch ein Versagen Ihrer Organisation?
Wir hatten tatsächlich lange Mühe damit, zu vermitteln, dass wir keine Fanvertretung sind, sondern eine Fachstelle mit viel Erfahrung und einem professionellen Auftrag. Mittlerweile sind wir aber in Gremien vertreten, in denen Gesetze wie das "Hooligan"-Konkordat entstehen.

Werden Sie da ernst genommen?
Als Vertreter der Prävention und des Dialogs hat man immer eine schwächere Stimme und kommt sich manchmal fast als Exot vor. Damit müssen wir aber leben. Wichtig ist, dass wir unsere Ansichten trotzdem in diese Gremien tragen und uns gegen ein Schwarz-Weiß-Denken zur Wehr setzen.
Schauen wir uns das Konkordat etwas genauer an. Was ist daran für Sie so problematisch?
Es sind drei Punkte: Erstens die Ausweitung der Gewaltdefinition auf Bagatelldelikte. Zweitens die neue Maximaldauer der Platzverbote von drei Jahren und die schweizweite Gültigkeit. Und drittens die sehr niedrigen Anforderungen für den Nachweis eines Vergehens. Beispielsweise reicht eine Aussage eines privaten Sicherheitsdienstes schon aus, um einen Fan schuldig zu sprechen. Das ermöglicht es den Behörden, auf rechtstaatlich fragwürde Weise gegen einzelne Fans aber auch eine Gruppe vorzugehen.

Die Behörden können den Auswärtsfans beispielsweise vorschreiben, mit welchem Zug sie anreisen müssen. Wie werden die Fans darauf reagieren?
Mit kreativen Aktionen. Die Intelligenz der Fankurven wird oft unterschätzt. Es besteht aber auch die Gefahr einer Radikalisierung. Ich fürchte, dass hier eine Gewaltspirale in Gang gesetzt worden ist. Wenn ein Fan aufgrund der Bestimmungen im Konkordat festgehalten wird, können sich zum Beispiel gleich mehrere hundert Fans solidarisieren, und es kann so zu Ausschreitungen kommen. Ich verurteile diese Gewalt, doch sie ist eng mit den Gesetzesverschärfungen verbunden. Die Fans haben begonnen, Gewalt gegen diejenigen zu legitimieren, die sich ihren Interessen repressiv gegenüberstellen.
Wie lässt sich diese Entwicklung verhindern?
Indem die Fans wieder mehr Freiheiten bekommen. Wir müssen die Dialogkultur zwischen Fans, Vereinen und Behörden stärken, gerade auch wenn es dabei zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Auch die Fanszenen müssen sich überlegen, wie weit sie in ihrer Militanz gehen wollen. Der Polizeiapparat ist letzten Endes so stark, dass er die Fanszenen auflösen könnte. Ich hoffe aber, dass es nicht so weit kommen wird - dafür ist die Fankultur zu wertvoll.  


ZUR PERSON
Thomas Gander (37) schloss 2004 sein Studium an der Fachhochschule für Soziale Arbeit ab und wurde ein Jahr später Fanarbeiter bei seinem Herzensklub FC Basel 1893. Seit 2009 ist er Geschäftsführer des Vereins Fanarbeit Schweiz. 2013 wurde Gander als sozialdemokratischer Abgeordneter in das Kantonsparlament Basel-Stadt gewählt.

Referenzen:

Heft: 90
Rubrik: Fansektor
Thema: Schweiz
Verein: FC Basel
ballesterer # 115

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