Diktatur im Stadion

Vor 40 Jahren putschte das chilenische Militär. Das Nationalstadion in Santiago wurde zum Gefangenenlager, zum Schauplatz eines absurden Relegationsspiels und später zum Ort des Widerstands.
Nicole Selmer | 17.10.2013

Es waren gerade einmal zehn Minuten gespielt, als am 6. September erstmals Jubel im Nationalstadion in Santiago de Chile ausbrach. Eduardo Vargas hatte seine Mannschaft gegen Venezuela in Führung geschossen, Chile machte einen weiteren Schritt Richtung Weltmeisterschaft. Dennoch war der Jubel nicht selbstverständlich, denn in den Tagen zuvor hatte Amnesty International unter dem Motto "gol del silencio", Tor des Schweigens, Zuschauer und Spieler dazu aufgefordert, einen möglichen ersten Treffer Chiles stumm zu feiern. So sollten die Fans die Opfer des Putsches vor 40 Jahren ehren.


Die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet und der Fußball sind in Chile eng verwoben, das Nationalstadion in Santiago ist das zentrale Symbol dieser Verbindung. Am 11. September 1973 begann der Putsch gegen die demokratische Regierung des Sozialisten Salvador Allende. Das Militär erstürmte den Präsidentenpalast, Massenverhaftungen zahlreicher Mitglieder von Regierung, linker Parteien und Gewerkschaften folgten. In den ersten Wochen nach dem Putsch wurden mehrere tausend Menschen getötet. Öffentliche Gebäude wie Schulen und Konferenzhallen wurden in Internierungslager umgewandelt, auch das Nationalstadion, in dem insgesamt mehr als 40.000 Gefangene inhaftiert gewesen sein sollen.

Parallelwelt Fußball
Der Fußball rollte jedoch weiter. In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1974 trat die chilenische Nationalmannschaft zwei Wochen nach dem Putsch zur Relegation in Moskau an. Das Hinspiel gegen die Sowjetunion endete 0:0 - und wurde von den Medien der Gastgeber boykottiert, im Fernsehen war Eishockey zu sehen. Gegen die Austragung des Rückspiels im Nationalstadion in Santiago legte der sowjetische Verband Protest ein und forderte von der FIFA die Verlegung nach Kuba oder Peru. Man würde nicht in einem Stadion spielen, das in "ein Konzentrationslager, in eine Arena der Folter und Todesstrafe" verwandelt worden sei. Eine FIFA-Delegation unter Leitung des Schweizer Generalsekretärs Helmut Käser reiste zur Inspektion nach Chile.


Zu den Gefangenen im Stadion gehörte der damals 19-jährige Jorge Montealegre. Der Dichter und Journalist veröffentlichte 2003 ein Buch über seine Erlebnisse in der Haft. Als die FIFA-Delegation das Stadion besichtigte, seien er und seine Mitgefangenen in die Kellerräumen gebracht und mit Waffen bedroht worden: "Wir wurden versteckt, weil auch Journalisten in der FIFA-Delegation dabei waren. Es war, als wären wir in zwei verschiedenen Welten." Die Funktionäre ließen sich davon überzeugen, dass der sowjetische Protest keine Grundlage hatte: Von Folter keine Spur, und die Regierung sagte eine Räumung des Stadions vor dem Relegationsspiel zu. Ohnehin handle es sich nur um "ein Identitätsläger, in dem vorwiegend Ausländer bis zur Klärung ihrer Personalien festgehalten wurden", wie Käser laut dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel in Zürich berichtete. Für die Fußballwelt war damit klar: Sollte die sowjetische Mannschaft nicht zum Spiel antreten, wäre sie disqualifiziert.

"Chile Si, Junta No"
Beim Rückspiel am 21. November 1973 stehen schließlich nur zwölf Männer auf dem Feld: elf Chilenen und der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr. Die Chilenen spielen sich den Ball ein paarmal zu, Kapitän Francisco Valdes schießt ins Tor, Linemayr beendet das Match. Der Gegner für den Anstoß fehlt schließlich. Chile fährt zur WM. Carlos Caszely, einer der bekanntesten Spieler des Teams und Unterstützer der gestürzten Regierung, will sich nicht für das Regime instrumentalisieren lassen. Beim Empfang mit Pinochet wenige Tage später verweigert er dem Diktator den Handschlag. "Ich spürte in meinem Rücken das ganze chilenische Volk, das unter Pinochet und seinem Terror litt", sagt er 40 Jahre später dem Fußballmagazin 11Freunde. Caszelys Widerstand hat Konsequenzen: Seine Mutter Olga Garrido wird verhaftet und gefoltert, er selbst spielt zu diesem Zeitpunkt bei Levante in Spanien.


Der Protest gegen die Militärjunta begleitet die chilenische Nationalmannschaft auch bei der WM in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Gruppenspiel gegen den Gastgeber organisieren linke Gruppen Aktionen im Berliner Olympiastadion. Im Oberrang Ost dominieren Demonstranten, die mit an den Kontrollen vorbeigeschmuggelten Transparenten auf sich aufmerksam machen. Ein Beteiligter schildert die Proteste einige Monate darauf in den Chile-Nachrichten: "Die Bundeswehr-Kapelle beginnt, die chilenische Nationalhymne zu spielen: Unser Einsatz. Mit einem ersten Sprechchor ,Chile si - Junta no - Chile si - Junta no' geben wir unsere Visitenkarte ab. Da das übrige Publikum still ist, sind wir gut zu hören. Gleichzeitig entfalten wir die Riesenfahne, vier mal sechs Meter." So sicht- und hörbar die Aktionen im Stadion sind, das Fernsehen blendet sie in der Übertragung aus.


Für große Propagandazwecke eignet sich die WM-Teilnahme auch für Pinochet nicht, Chile scheitert in der Gruppenphase. Carlos Caszely bleibt Teamspieler, aber auch ein Zeichen des Widerstands gegen Pinochet. Zu seinem Abschiedsspiel 1985 kommen 70.000 Zuschauer ins Nationalstadion. Der ebenfalls anwesende Jorge Montealegre, der 1973 dort inhaftiert war, schreibt rückblickend: "Er war mehr als ein Stürmer, er war ein Idol für die ganze Linke. Und als wir ihm zujubelten, applaudierten wir allem, was er verkörperte." Als 1988 ein Referendum über eine weitere Verlängerung von Pinochets Amtszeit abgehalten wird, bezieht Caszely noch einmal Stellung: Er tritt gemeinsam mit seiner Mutter, die über die erlittene Folter berichtet, in einem kurzen Film auf. Sie fordern dazu auf, mit Nein zu stimmen. Tatsächlich votiert eine Mehrheit gegen Pinochet, der sich dem Ergebnis beugt. Im Dezember 1989 finden in Chile freie Präsidentschaftswahlen statt.


Die genaue Anzahl der Menschen, die während der Militärdiktatur gefoltert und getötet wurden oder einfach verschwanden, ist bis heute umstritten. Die von der chilenischen Regierung eingesetzte Wahrheitskommission geht von mehr als 3.000 politisch Ermordeten aus.

Referenzen:

Heft: 86
Thema: Chile
ballesterer # 121

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