Dirty Old Men

cache/images/article_2489_marin_140.jpg Aus dem Hotel in Haft hieß es vor dem diesjährigen FIFA-Kongress für mehrere hochrangige Funktionäre. Ins Visier der Ermittler gerieten auffallend viele Vertreter des südamerikanischen Verbands CONMEBOL, auch gegen den Organisationschef der WM in Brasilien wird wegen Schmiergeldzahlungen ermittelt.
Robert Florencio | 14.07.2015

Die Vereinigten Staaten gegen Jose Maria Marin“ – so lautet der erste Satz der Anklageschrift der New Yorker Bezirksstaatsanwaltschaft Ost gegen den bis April dieses Jahres amtierenden Präsidenten des brasilianischen Fußballverbands. Es ist ein tiefer Fall. Noch vor nicht einmal einem Jahr hat Marin als Chef des WM-Organisationskomitees Staatsgäste aus aller Welt empfangen, jetzt sitzt er in einer Einzelzelle in einer Zürcher Haftanstalt. Kurz vor Beginn des FIFA-Kongresses war er am 27. Mai gemeinsam mit sechs weiteren hochrangigen Fußballfunktionären auf Initiative des FBI verhaftet worden.


Als ehemaliger Kicker des FC Sao Paulo hatte der heute 83-Jährige während der Zeit der Militärjunta ab den 1960er Jahren politische Karriere gemacht und immer eine strikt antikommunistische proamerikanische Position verfolgt. Ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun ausgerechnet die US-Justiz seine Auslieferung verlangt.

Das große Zittern
Im Falle eines Schuldspruchs könnten Marin 20 Jahre Haft drohen. Ihm wird vorgeworfen, Schmiergeld von bis zu 20 Millionen US-Dollar für die Vergabe von TV-Rechten am brasilianischen Cup und der Kontinentalmeisterschaft Copa America an freundlich gesinnte Firmen – wie das von seinem Landsmann Jose Hawilla geführte Vermarktungsunternehmen Traffic – kassiert zu haben. Die Vorwürfe wiegen derart schwer, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft trotz seines fortgeschrittenen Alters die bedingte Freilassung selbst gegen Zahlung einer hohen Kaution ausgeschlossen hat.


Marin bleibt womöglich nicht der einzige Angeklagte aus der Riege ehemaliger oder aktueller brasilianischer Verbandsfunktionäre. Noch unklar ist die Rolle des aktuellen Präsidenten Marco Polo Del Nero. Der 74-Jährige wird in den Abhörprotokollen des FBI bei TV-Rechte-Verhandlungen mit Traffic in Miami nicht namentlich erwähnt, es ist nur von den Mitverschwörern 11 und 12 die Rede. In brasilianischen Medien wird darüber spekuliert, dass es sich dabei um den 2011 unter Korruptionsvorwürfen zurückgetretenen Verbandspräsidenten Ricardo Teixeira sowie eben um Del Nero handeln könnte, der als enger Freund Marins bei allen Geschäftsbesprechungen zugegen war. „Bei Del Nero und Teixeira beginnt das große Zittern, im Moment trauen sich beide nicht, Brasilien zu verlassen“, sagt Bernardo Itri, Leiter des Ressorts Sportpolitik der Tageszeitung Folha de Sao Paulo, auf Nachfrage des ballesterer. „Marin will seine Haut retten, er hat angekündigt, auszupacken und all sein Wissen den ermittelnden Behörden mitzuteilen.“ Der Verband selbst hat in einer symbolischen Aktion Marins Namen an der Fassade des neuen Verbandssitzes in Rio de Janeiro zwei Tage nach dessen Verhaftung entfernen lassen.

Eingefrorene Preisgelder
Nicht nur symbolisch handelte die Regierung in Paraguay, die dem in einem Vorort der Hauptstadt Asuncion ansässigen Kontinentalverband CONMEBOL die bisher gewährte diplomatische Immunität als internationale Organisation entzog. Über den vom FBI per Haftbefehl gesuchten 86-jährigen ehemaligen Verbandspräsidenten Nicolas Leoz wurde im Spital Hausarrest verhängt. Bereits 2011 war bekannt geworden, dass Leoz sich seine Stimme für die englische WM-Kandidatur 2018 mit dem Ritterschlag der Königin und der Benennung des FA-Cups nach ihm aufwiegen lassen wollte. Heute wird ihm vorgeworfen, 1,5 Millionen US-Dollar, die die CONMEBOL vom japanischen Verband für dessen Gastteilnahme an der Copa America 1999 erhielt, direkt auf sein Privatkonto und das seiner Frau weitergeleitet zu haben.


Gemeinsam mit Marin wurde in Zürich auch Eugenio Figueredo verhaftet, er war Präsident des uruguayischen Verbands und nach Leoz’ Abgang im Vorjahr Interimspräsident der CONMEBOL. Er soll laut Anklageschrift bis zu 100 Millionen US-Dollar Bestechungsgeld für die Vergabe der TV-Rechte für die Übertragung von vier Kontinentalmeisterschaften angenommen haben. Auch in Uruguay handelten die Behörden rasch, sie konfiszierten fünf seiner Immobilien in Montevideo und vier im Nobelbadeort Punta del Este im Gesamtwert von geschätzten fünf Millionen US-Dollar.


Die Ermittlungen gegen CONMEBOL-Funktionäre und ihre Vermarktungspartner hat auch die heurige Auflage der Copa America in Bedrängnis gebracht – die Bankkonten der Sportmarketingfirma Datisa, aus denen laufende Kosten und Preisgelder finanziert werden sollten, sind derzeit eingefroren. Der Verband musste auf die eigene Notreserve zurückgreifen.

 

Foto: Wikimedia Commons, CCA 3.0; User: Fulvio/My Images

Referenzen:

Heft: 103
Rubrik: Spielfeld
Thema: Brasilien, FIFA
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png