Döblinger Klassenkampf

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Für die Vienna geht es im Frühjahr nicht nur um den Klassenerhalt. Denn die Visionen von Präsident Herbert Dvoracek sind eng mit dem Profifußball verknüpft. Und auch die Fans wollen nicht in die Regionalliga zurück.
Reinhard Krennhuber | 04.03.2011
Die Plattenbauten aus den 1970ern werfen einen eisigen Schatten. Auf dem holprigen Geläuf des Trainingsgeländes in der Spielmanngasse im 20. Wiener Gemeindebezirk bereitet sich die Kampfmannschaft des First Vienna FC auf die Frühjahrssaison vor. Die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt, die Umgebung ist so trostlos wie die Tabellensituation von Österreichs ältestem Fußballverein. Nach nur vier Siegen und 51 Gegentoren in 21 Spielen hat die Vienna als Letzter der Ersten Liga überwintert. Im zweiten Jahr ist der Verbleib in der Zweitklassigkeit massiv infrage gestellt: Auf die Abstiegskonkurrenten TSV Hartberg und FC Gratkorn fehlen bereits vier bzw. sieben Punkte. 

 

In der Winterpause herrschte in Döbling ein reges Kommen und Gehen. Sebastian Martinez und sieben weitere Spieler verließen den Verein, mit Marjan Markovic kam ein 29-jähriger Serbe mit internationaler Erfahrung, mit Christoph Mattes eine ÖFB-Nachwuchshoffnung. Der Slowene Erdzan Beciri soll die Abwehr verstärken zusammen mit einem weiteren Neuen, der sich schon gut in die Mannschaft eingefügt hat: Ernst Dospel. Der 34-jährige Ex-Austrianer ist einer der Wortführer beim Vier-gegen-vier auf dem Kleinfeld. Er treibt seine Teamkollegen an und staucht sie zusammen. Co-Trainer Gerhard Fellner beobachtet die Einheit vergleichsweise ruhig vom Spielfeldrand. Der Chef ist entschuldigt: Alfred Tatar hütet mit Grippe das Bett. 

 

Das Trainingsmatch ist von großem Einsatz geprägt, nicht nur vonseiten Dospels. Kein Ball wird verloren gegeben, es wird gegrätscht und geflucht. Als einer seiner Teamkollegen eine Großchance versabelt, reagiert sich Stürmer Phillip Hosiner an einer Wasserflasche ab. Die Spieler müssen nicht nur die miserable Hinrunde, sondern auch eine derbe 1:8-Niederlage gegen Wiener Neustadt vom Vortag aus den Köpfen bekommen. Alles andere als eine Moralinjektion in einer Vorbereitung, die ansonsten nur Erfolge über großteils unterklassige Gegner gebracht hat. 

 

Unglücklicher Knipser, kritischer Routinier

Nach dem Umziehen in den in die Jahre gekommenen Kabinen des BSC-Platzes wird die Stimmung lockerer. Tormanntrainer Wolfgang Knaller betritt die Kantine und bestellt ein Bier. Es ist Feierabend, und auch aus Ernst Dospels Gesicht weicht die Verbissenheit. »Ich habe noch einmal eine Herausforderung gesucht«, sagt das Austria-Urgestein, das auf fast 400 Bundesliga-Einsätze zurückblicken kann. »Die Vienna soll dort bleiben, wo sie hingehört. Mir taugen Vereine mit Tradition und Fankultur, wo Herzblut drinnen steckt. So viele gibts davon eh nicht mehr in Österreich.« Dospel war es im Ausgedinge beim SV Absdorf zu fad geworden. Glaubt man den Vienna-Verantwortlichen, hat er immer noch Fitnesswerte wie zu seinen besten Zeiten. In der Tat wirkt der Innenverteidiger austrainiert und hochmotiviert. Kurz vor Trainingsende hat er sich einen jungen Mitspieler zur Brust genommen, dem die Luft ausgegangen war. Jetzt sagt er: »Die Trainer haben gesagt, dass im Herbst zu wenig interne Kritik geäußert wurde. Das wird sich ändern. Emotionen gehören dazu, gerade im Abstiegskampf.«

 

Einer seiner neuen Teamkollegen hat sein Bestes getan, um dieses Szenario zu verhindern. Phillip Hosiner traf im Herbst achtmal und dürfte auf der Wunschliste einiger Klubs stehen, happy macht ihn das aber nicht. »Viele Tore sind für mich kein Erfolg, wenn wir Letzter werden. Dann steht ein Abstieg in meinem Lebenslauf, und das will ich verhindern«, sagt der 21-Jährige. Sein von einem Seitenbandriss genesener Sturmkollege Andreas Fading lässt sich zu einem Scherz hinreißen. »Vielleicht geht ja wieder jemand in Konkurs«, meint der 36-Jährige in Anspielung auf den Lizenzentzug des FC Kärnten, der den Döblingern im Vorjahr die Relegation ersparte. Der Routinier, der seit 2006 für Blau-Gelb spielt und vor zwei Jahren Meister der Regionalliga Ost wurde, ist überzeugt, dass der Klassenerhalt zu schaffen sein wird. Er meint aber auch: »Vom Stamm der Meistermannschaft sind nur zwei Spieler übrig geblieben. Da macht man sich schon seine Gedanken. Die Vereinsphilosophie war, dass wir uns weiterentwickeln und nach drei, vier Jahren oben mitspielen. Vergangene Saison waren wir Vorletzter, jetzt sind wir Stockletzter. Eigentlich haben wir die Gegenrichtung eingeschlagen.« Sebastian Martinez stimmt in diese Kritik ein. »Was bei der Vienna teilweise fehlt, ist das professionelle Denken«, sagt der langjährige Bundesliga-Kicker, der seine Fußballschuhe nach der einvernehmlichen Vertragsauflösung an den Nagel hängen wird. »Bei drei Trainern in eineinhalb Saisonen ist eine Planung kaum möglich.«

 

Kostspielige Bodenhaftung

Seit dem Aufstieg in die Erste Liga haben sich die Vienna-Trainer die Türschnallen in die Hand gegeben. Peter Stöger wurde im April 2010 geschasst, weil er über Platz neun nicht hinauskam. Sein Nachfolger Frenkie Schinkels war inklusive Sommerpause nur 125 Tage im Amt, ehe ihn der Vorstand durch Alfred Tatar ersetzte. Präsident Herbert Dvoracek bereut vor allem Schinkels Installierung. »Er hat uns absolut zurückgeworfen«, sagt der Telekom-Unternehmer beim Interview in seiner Firma Mass Response in Floridsdorf. »Ich habe mich von ihm blenden lassen. Seine Philosophie passt nicht zur Vienna, weil er Spieler nicht weiterentwickeln kann.« Bemerkt habe er seinen Fehler, als Schinkels begann, die Leute in seinem Umfeld zu beschimpfen, um selbst besser dazustehen. Und Dvoracek hat auch dafür bezahlt. Denn für alle nicht im Budget eingeplanten Ausgaben also auch neue Spieler und Trainer greift der 51-Jährige in seine Privatschatulle. Der Saisonetat der Vienna beläuft sich auf 2,1 Millionen Euro, davon 1,2 Millionen für die Kampfmannschaft. Mit wie viel zusätzlichem Geld er der Vienna unter die Arme greift, will Dvoracek nicht verraten, er sagt nur: »Es ist eine Größenordnung, die für niemanden vernachlässigbar ist.« ...

 

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Referenzen:

Heft: 60
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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