Ein Fall für den Bürgeranwalt

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2003 soll ein Wacker-Innsbruck-Fan einen Polizisten schwer verletzt haben. Er wurde zu Schadenersatz von 165.000 Euro verurteilt. Nach über zehn Jahren ist nun ein Video aufgetaucht, das seine Unschuld beweist.

Clemens Schotola | 28.07.2014

Bilder von betrunkenen, randalierenden Fans am Fußballplatz sind leider regelmäßiger Bestandteil der Sportberichterstattung geworden. Für die Rowdys ist das wohl der Höhepunkt ihres Wochenendprogramms." Mit diesen Worten leitet ORF-Moderator Peter Resetarits die Sendung "Bürgeranwalt" vom 31. Oktober 2007 ein. "Wir wollen Ihnen heute anhand eines Falles aus Tirol berichten, was solche Fans - unter Anführungszeichen - einem Menschen antun können." Resetarits ist in seinem Element. Unter dem Motto "Bürger gegen die Obrigkeit" greift die Sendung Missstände in der Verwaltung auf, die den drei Volksanwälten in Österreich gemeldet werden. Dieses Mal sucht mit Revierinspektor K. ein Exekutivbeamter Gerechtigkeit.

Gefährliche Werbebande
K. fordert nach dem Verbrechensopfergesetz Schadenersatz, da er nach einem Einsatz am Innsbrucker Tivoli einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten habe. Aufgrund von Lähmungserscheinungen im Bein könne er die besser bezahlten Außendienste nicht mehr leisten. Den Verdienstausfall, laut K. rund 850 Euro monatlich, will sich der Polizist vom Bundessozialamt ersetzen lassen. Das Amt verweigert die Auszahlung, K. wendet sich an den "Bürgeranwalt". Der Sendungsbeitrag zeichnet nach, was sich am 22. Juli 2003 am Innsbrucker Tivoli zugetragen hat: Fans der Nordtribüne waren nach einer Niederlage gegen Kapfenberg auf das Feld gesprungen, darunter auch Daniel A. Der damals 19-jährige Wacker-Fan lieferte sich dabei ein Wortgefecht mit einem Polizisten, daraufhin wurde er festgenommen. Im Strafprozess wird Daniel A. zu einer Geldstrafe von 120 Euro verurteilt, wegen versuchtem Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eine Verurteilung wegen Körperverletzung erfolgt im Strafprozess nicht, diese wäre laut Bundessozialamt Voraussetzung einer Entschädigungszahlung.

"Wir wollten ihn dann zu zweit abführen, da hat er so derart um sich geschlagen mit Händen und Füßen", sagt K. auf Sendung über den folgenschweren Einsatz. Im Rahmen seiner Möglichkeiten spielt er die Szene für den "Bürgeranwalt" nach, er zeigt die Höhe der Werbebande an, über die er gefallen sei: "Wenn man sich vorstellt, die Bande ist circa einen Meter hoch, bin ich so rüber, so seitwärts."

K. klagte zivilrechtlich auf Schadenersatz. Nach einem jahrelangen Prozessmarathon wurde Daniel A. zu Schadenersatzzahlungen inklusive Verfahrenskosten von rund 165.000 Euro verurteilt - trotz massiver Widersprüche vor Gericht. So wurde im Lauf der Verfahren der Sturz von K. unterschiedlich geschildert, Bildaufnahmen von der Videoüberwachung wurden vom zweiten abführenden Polizisten bei seiner Ermittlungstätigkeit gelöscht. Auch wurde der großen Anzahl der Entlastungszeugen bei Gericht kaum Glauben geschenkt. Viel mehr Einfluss auf die Urteilsfindung hatten die beiden Belastungszeugen: jene Polizisten, die A. abgeführt hatten.

Erst mehr als zehn Jahre nach dem Vorfall stellt sich heraus, dass K. gar nicht über die Werbebande gefallen ist. Daniel A. wurde aufgrund der Falschaussage eines Polizeibeamten zum Justizopfer.

Der dritte Polizist
Bei der Aufklärung kam der Zufall zur Hilfe. "Ein Versicherungsreferent, mit dem ich beruflich zu tun hatte, hat bei einer Zigarettenpause mit seinem Büronachbarn über diesen Fall gesprochen", sagt Mathias Kapferer, der Anwalt von Daniel A. "Der Kollege war ein fanatischer Wacker-Fan, der öfters private Videoaufzeichnungen bei Heimspielen anfertigt. Und tatsächlich fand sich die Szene auf einem der Videos." Das Band zeigt, was sich damals wirklich zugetragen hat: "Es gab keinen Sturz oder ein Um-sich-Schlagen meines Mandanten." Lediglich stoßen die Polizisten mit A. auf eine weitere Exekutivbeamtin, der Fan touchiert daraufhin leicht mit der Werbebande, die etwas verschoben zurückbleibt. In den bisherigen Prozessen wurden Aufnahmen der verschobenen Bande als Indizien gegen A. gewertet.

Und es tauchte eine weitere Ungereimtheit auf, denn der Wacker-Fan wurde von drei Uniformierten abgeführt. "Diesen dritten Polizisten konnte man bisher nicht ausfindig machen", sagt Kapferer. "Er ist auch in den bisherigen Prozessen nicht erwähnt worden. Ich kann hier nur Mutmaßungen anstellen: Man hat es von Anfang an darauf angelegt, sich an einem Fußballfan schadlos zu halten, obwohl man gewusst hat, dass einem eigentlich nichts zusteht." Mittlerweile wurde A. freigesprochen, doch rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Aufgrund der offensichtlichen Falschaussagen durch K. reichte Anwalt Kapferer eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft ein: "Ich bin der Überzeugung, dass hier ein Strafverfahren durchzuführen wäre, befürchte aber eine Einstellung mit dem Argument: ,Es lässt sich nicht sicher beweisen.'" Ob Daniel A. sein Schaden jemals komplett abgegolten wird, bleibt fraglich. Ein Fall für Peter Resetarits und den "Bürgeranwalt". 

Referenzen:

Heft: 93
Thema: Justiz
ballesterer # 113

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