Ein grader Michl

Konsel Michael spricht über seinen Pensionsschock, erzählt von eineinhalb österreichischen Klassetorhütern und verzichtet darauf, den ballestererfm zu trainieren. 
Wolfgang Pennwieser | 01.09.2004
St. Pölten. Irgendwo zwischen Industriegebiet und Tennisstadion hat sich der Niederösterreichische Fußballverband angesiedelt. Daneben ein Sportzentrum aus Glas, Beton und Stahl, modern halt, mit mindestens drei Fußballrasenplätzen davor.
Auf einem dieser Plätze tummeln sich knapp dreißig Kinder im Alter zwischen acht und 17 Jahren. Auffallend ist, dass jedes dieser Kinder Tormannhandschuhe trägt und hoch motiviert den Bällen nachhechtelt. Wir wundern uns über diese Nachwuchstorhüterschwemme und sehen sogleich die Erklärung dafür auf dem Leiberl eines der Buben stehen: »Michi Konsels Goalie Camp«. Wir befinden uns im einzigen reinen Tormanncamp Österreichs, vom einstigen Weltklassetorhüter geleitet.
Konsel Michael - von den »Krone«-Lesern im Jahr 2000 zum feschesten Sportler des Jahres  gewählt, würde wohl auch heute noch diese Wahl gewinnen, trotz attraktiver Kontrahenten wie Dollinger, Wallner oder Wazinger. Seine schwarzen Haare, die zur Bezeichnung »Der Panther« inspirierten, glänzen inzwischen grau meliert in der St. Pöltner Abendsonne und gereichen seiner Feschheit nicht zum Nachteil.
Im Camp werden die Buben und Mädchen in Kleingruppen trainiert. Einer von den Betreuern hat »Elstner« auf seinen Fußballschuhen stehen, sieht dem Elstner Peter ziemlich ähnlich und ist der Sohn des TV-Moderators. Er erzählt uns sogleich recht ausführlich, wie hier gearbeitet wird. Ganzheitlich, hat man den Eindruck. Sprich, mit vielen Ausbildnern, von denen jeder ein Spezialgebiet betreut und wo neben Fußball auch Geschicklichkeit geübt wird und Koordination und Gleichgewicht und so weiter. »Denn der Großteil der Trainings war schlecht« meint Elstner Alexander, der selbst höherklassig Fußball gespielt hat und es besser machen will.
Elstner versprüht eine Begeisterung, die an Motivationsseminare für Versicherungsvertreter erinnert, versetzt mit einer Brise Esoterik und dem Geist des »positiven Denkens«. Dass auch Konsel einige solcher Bücher gelesen hat, werden wir etwas später beim Gespräch mit ihm feststellen. Das Training für die Kinder wirkt dennoch ziemlich spannend und man ist versucht, sich selbst die Handschuhe anzuziehen, um einen Ball zu fangen. Auch wenn Konsel einem Halbwüchsigen, der sich soeben gegen die Torstange geworfen hat, rät, er solle »keine Schmerzen!« verspüren. (Zitat aus Rocky IV)

 

Am Puls - impuls

 

Eigentlich wollte sich der ballestererfm von der mobilen Trainereinsatztruppe »pro.impuls« ertüchtigen lassen. Ein Unternehmen, das von Konsel gemeinsam mit Weber Heribert gegründet wurde und dessen größtes Verdienst es bisher war, eine Homepage ins Netz zu stellen (www.pro-impuls.at). Die Idee, die dahinter steckt, klingt auch interessant. Konsel und Weber bieten ihre Erfahrung als internationale Spitzenspieler zum Verkauf an. Das heißt: Andere Trainer können sich Ratschläge holen, wie sie das eigene Training optimieren können. Falls also Ebner Hans, Trainer der Union Schwand, beispielsweise nicht mehr weiter weiß, weil seine Buben ein Spiel nach dem anderen verscherzen und ausgerechnet auch das Derby gegen Handenberg verlieren, kann er zum Hörer greifen und sich von pro.impuls Anleitungen zukommen lassen. Diese Anleitungen können in Form eines Seminars, durch die Erstellung eines Trainingsprogramms oder mit der Leitung eines Trainings erfolgen. Ob die Union Schwand danach einen unattraktiveren, dafür aber erfolgreicheren Fußball spielen wird, kann man im Vorhinein nicht abschätzen. Weber Heribert, einer der erfolgreichsten Bundesligatrainer, wird sein Möglichstes dazu beitragen.
Welchen Rat Konsel dem Krankl Hansi geben würde, wenn dieser bei ihm anriefe, bleibt des Torhüters Geheimnis. »Erstens würde er nie bei mir anrufen und zweitens würd ich mich nicht einmischen«. Konsel sagt dies in einem strengen, fast beleidigten Ton. Mit der Nationalmannschaft ist er augenscheinlich auf Kriegsfuß. Der Hintergrund dieser Kränkung ist wohl folgender: Konsel hat sich als Tormanntrainer der Nationalmannschaft angeboten, mit dem Argument, dass eine solche Position nur von einem erfahrenen Tormann ausgeübt werden kann, der weiß, wie man sich auf wichtige Spiele vorbereitet. In der Nationalmannschaft könne man ohnedies trainingsmäßig nicht mehr viel zerreißen, sprich, Mentalcoaching ist gefragt. Konsel wurde allerdings von ÖFB und Krankl nicht berücksichtigt, was Ersterer ein bisserl persönlich genommen haben dürfte. Und soviel scheint uns inzwischen klar, hinter der harten Fassade des Konsel Michis mit Stallone-Blick und Dreitagesbart steckt ein recht sensibler Mensch. Jedenfalls erfahren wir nicht definitiv, wer sein österreichischer Einsergoalie wäre. Nur soviel: Der Payer Helge und der Manninger Alexander sind in der engeren Auswahl.
Selber ist er froh, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied von der Nationalmannschaft gefunden zu haben. Beim Freundschaftsspiel gegen den damaligen Weltmeister Frankreich, ein Spiel vor dem 9:0-Debakel der Nationalmannschaft in Valencia, wurde Konsel im Happel-Stadion ein rührender Abschied bereitet. »Ich hatte immer das richtige Gespür, wann ich gehen muss, bei AS Roma und auch bei Venedig bin ich als Hero gegangen«. Vor dem Ruhestand nochmals in der österreichischen Liga zu spielen, kam trotz zahlreicher Angebote für ihn nicht in Frage.

 

Es kann nur einen geben

 

»Den Pensionsschock gibts ganz sicher, auch bei mir«, meint Konsel. Am meisten fehlen ihm die Extremsituationen. »In Rom hast du nicht nur im Spiel, sondern auch in jedem Training an deine Grenze gehen müssen. Ich bin auch jetzt noch immer auf der Suche nach dem Extremen«.
Er könne Sport nicht »normal ausüben«. Selbst bei harmlosen Mountainbiketouren entwickle sich ein Wettbewerb, weil er unbedingt als Erster am Berg ankommen will. Sieger sein, auch beim Tennis oder jeder anderen Sportart, die er betreibt, sei sein Ziel. Die Nummer Eins ist zentrales Thema Konsels. Wie er sich denn in Rom gegen den italienischen Torhüter Antonio Chimenti durchgesetzt habe, interessiert uns. »Du musst den anderen brechen«, sagt Konsel darauf und bekommt diesen Glanz in den Augen, »Eye of the tiger«-mäßig (Soundtrack Rocky III). »Ich hab ihn ignoriert, beinhart. Der Andere war für mich nicht existent«. Konsel kann sich nicht vorstellen, dass es eine Freundschaft zwischen zwei Torhütern in einem Team geben kann. Nur einer könne im Tor stehen und er wäre vielleicht nicht immer fein mit seinen Konkurrenten umgegangen, gibt er introspektiv zu, doch er habe sich letztlich durchgesetzt. Irgendwie sind wir bei solchen Aussagen froh, dass es doch zu keinem Training der ballestererfm-Redaktion durch Konsel gekommen ist. Alleine die Vorstellung, wie er die hoch talentierte, jedoch mehrheitlich übergewichtige und stark nikotinabhängige Filigrankickerschaft über den Platz schleift, lässt die Wade verkrampfen.

 

Gelernt ist gelernt

 

Von schweren Verletzungen blieb Konsel im Lauf seiner Karriere verschont. Jedoch musste er dann und wann mit Luxationen (Auskugelungen) eines Fingergelenks kämpfen. Was für den gelernten Orthopädietechniker aber kein Problem darstellte. Schwubdiwub war nach erster medizinischer Versorgung eine Schiene gebastelt, schon konnte wieder brav trainiert und gespielt werden. Ein orthopädisches Behelfnis, wie man es nicht hätte kaufen können. Die Schienen waren nämlich so geformt, dass sie unter dem Handschuh Platz fanden und eine Gelenkstellung zwischen gestreckt und geballt einnahmen, also eine Mittelstellung der Finger ermöglichten. Fausteln war dadurch zwar nicht mehr möglich, aber ein Konsel hat ohnedies nur wenig gefaustelt, sondern meist die Bälle sicher gefangen.

 

Konsel + Wohlfahrt = 1½

 

Natürlich werde heute viel zu viel Geld bezahlt und besonders bei der Austria, so Konsel. Auf die obligatorische Frage, warum Österreich tendenziell über gute Torhüter verfüge und weniger über gute Feldspieler, überrascht er uns.
»Wie viele österreichische Torhüter haben es denn geschafft in den letzten Jahrzehnten im Ausland?«, fragt Konsel, um sich gleich darauf selbst die Antwort zu geben: »Eineinhalb«.

Referenzen:

Heft: 14
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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