Ein neues Heim für das Wunderteam?

cache/images/article_1518_glocke_140.jpg Die Enkel von Hugo Meisl möchten, dass aus der ehemaligen Wohnung ihres berühmten Großvaters im Karl-Marx-Hof ein Museum wird. Das Projekt stößt jedoch auf Widerstände.
Als der ballesterer im vergangenen Dezember die beiden Meisl-Enkel Andreas und Wolfgang Hafer anlässlich der Wunderteam-Ausgabe in der Wohnung Hugo Meisls zum Interview traf, konnten wir uns selbst ein Bild machen: Wer die Räume der großzügigen »Prominentenwohnung« im Karl-Marx-Hof betritt, wird zurückversetzt in die 1930er Jahre. Damals strömten Zehntausende von der Stadtbahn durch die Torbögen des Gemeindebaus zur nahen Hohen Warte, während Hugo Meisl an seinem Schreibtisch über die Aufstellung des Wunderteams tüftelte. Auch wenn die Wohnung in den letzten Jahrzehnten von Meisls Tochter Martha bewohnt wurde, stammen zahlreiche Möbel und Erinnerungsstücke noch aus der Zeit des ÖFB-Verbandskapitäns.


Nachdem Martha Meisl aus gesundheitlichen Gründen in ein Altersheim übersiedelte, wandten sich die Brüder Hafer, die ihrem Großvater mit der Biografie »Hugo Meisl oder die Erfindung des Modernen Fußballs« ein Denkmal gesetzt haben, an die Stadt Wien, um die Wohnung als Museum zu erhalten. Einen Fürsprecher fanden sie beim Leiter des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA), Wolfgang Maderthaner. Maderthaner, selbst ein Kenner der Wiener Fußballgeschichte, begeisterte sich für das Projekt. »Im weltberühmten Karl-Marx-Hof gibt es die Wohnung des weltberühmten Mitbegründers des internationalen Fußballs«, sagt er. Wo, wenn nicht an diesem Ort, könnte die Verbindung von Stadtgeschichte und Wiener Fußballgeschichte und die Bedeutung Meisls besser dargestellt werden?


Die Wohnung befindet sich im sogenannten »Blauen Bogen« des Karl-Marx-Hofs. Im Februar 1934 wurde sie durch den Beschuss der Heimwehr beschädigt, wovon heute noch ein Pokal mit einem Durchschuss im Besitz der Erben Meisls zeugt. Maderthaner erstellte gemeinsam mit dem Denkmalschützer Ewald Schediwy eine Expertise zu den möglichen Kosten einer Umgestaltung in einen Ausstellungsort. Rund 56.000 Euro würde die Adaptierung der Gemeindewohnung kosten. Synergien könnten sich mit der heuer eröffneten Dauerausstellung im ehemaligen »Waschsalon« des Karl-Marx-Hofs ergeben, wo die Geschichte des »Roten Wien« in der Zwischenkriegszeit erzählt wird.


Im Jänner erhielten Andreas und Wolfgang Hafer positive Rückmeldungen aus dem Büro von Bürgermeister Michael Häupl.­ Ende März wurde der Mietvertrag mit Martha Meisl aufgelöst, die Möbel blieben in der Wohnung, die vorläufig von Wiener Wohnen nicht neu vermietet wurde. Jetzt scheint das Projekt jedoch ins Stocken geraten zu sein. Zuständig für die weitere Verwendung der Gemeindewohnung ist die Magistratsabteilung 50 unter Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Der »fand die Idee großartig«, sagt Maderthaner. Doch das Budget für das Projekt hatte er auch nicht sofort.


Die in Deutschland lebenden Brüder Hafer, die bereits im Zuge ihrer Buchrecherche in Wien oft mit dem Desinteresse zuständiger Stellen zu kämpfen hatten, fürchten nun, dass das Projekt einer Gedenkwohnung auf der Strecke bleiben könnte. Im Gespräch mit dem ballesterer spricht Wolfgang Hafer von »kafkaesken Vorgängen«. Was ihn besonders ärgert: Für die aktuelle Ausstellung »Wagner-Schule: Rotes Wien« im Museum Postsparkasse wurden Möbel aus der Meisl-Wohnung verwendet, wobei laut Hafer weder die Sachwalterin seiner Tante Martha noch er und sein Bruder informiert worden wären. »Wir haben davon über die Presse beziehungsweise von unserem Cousin in Wien erfahren«, sagt er.


Kurator Wolfgang Förster, bei Wiener Wohnen für die Wohnbauforschung zuständig, weist das zurück: »Die Sachwalterin von Martha Meisl hat mündlich zugestimmt, dass die Möbel für den Zeitraum der Ausstellung ausgeliehen werden.« Und der Wiener Cousin Herbert Meisl sei »von Anfang an von den Ausstellungsplänen in der Postsparkasse informiert« gewesen. Zur fehlenden Einbindung der Brüder Hafer sagt Förster: »Ich konnte keine Familiengenealogie erstellen.« Wolfgang Hafer ist jedenfalls verstimmt: »Schade, dass wir überhaupt nicht einbezogen wurden. Denn eigentlich wäre es ja in unserem Interesse, dass die Möbel hergezeigt werden. So sieht man, dass es sich um hochinteressante Ausstellungsstücke handelt.« Hier stimmen Hafer und Förster überein, wobei der Wohnbauforscher allerdings nichts von einem Gedenkraum im Karl-Marx-Hof hält: »Wir haben Erfahrungen mit Wohnungen von Prominenten, die für Ausstellungen genutzt wurden. Sie können nicht dauerhaft öffnen, der Zugang ist schwierig, es müssten teure Adaptionen durchgeführt werden das findet quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.«

 

Förster bzw. die Magistratsabteilung 50 haben das Wien Museum um eine Einschätzung des historischen Inventars in der Wohnung ersucht. Den strengen museologischen Kriterien einer »Gedenkwohnung« dürfte die Wohnung nicht unbedingt entsprechen, da sie nach Meisls Auszug Mitte der 1930er Jahre noch Jahrzehnte von seiner Tochter bewohnt wurde. Förster schlägt vor, einige Möbel, darunter Meisls Schreibtisch, sowie historisch wertvolle Dokumente wie Anerkennungsschreiben von Bundespräsident Wilhelm Miklas und dem italienischen König dem Wien Museum zu übergeben, wo die Gegenstände nach einem eventuellen Neubau des Museums vielleicht gemeinsam ausgestellt werden könnten.


Bis dahin würden aber wohl noch Jahre vergehen. Und Wien wartet mit Ausnahme des Vereinsmuseums der Wiener Austria und des geplanten Rapid-Museums weiterhin auf ein Fußballmuseum. Fest steht jedenfalls: Einen Gedenkraum in der Wohnung würden die Möbel Meisls zweifellos füllen. Und der Rest der Räumlichkeiten könnte für eine Dauerausstellung zur Geschichte des Wunderteams und des Wiener Fußballs der Zwischenkriegszeit genützt werden. Expertenwissen und Ausstellungsstücke sind zur Genüge vorhanden: 2008 gab es in Wien nicht weniger als drei große Ausstellungen zur Geschichte der Wiener Fußballkultur. Nach der EM wurden die Bestände jedoch wieder verräumt oder an private Leihgeber ­zurückgegeben.

Referenzen:

Heft: 55
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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