Ein Schritt zurück nach vorn

cache/images/article_2350_knasmuellner_140.jpg

Acht Jahre stiegen Christoph Knasmüllner und David Alaba die Karriereleiter gemeinsam nach oben. Heute ist der eine Champions-League-Sieger, der andere hofft bei der Admira auf Einsätze. 

Peter Wagner | 24.08.2014

Er schien einen Schritt weiter als sein Weggefährte. Mitte Oktober 2010 trat Christoph Knasmüllner durch den Spielertunnel aufs Spielfeld der Allianz-Arena und wärmte sich für die Bundesliga-Partie gegen Hannover 96 auf. Sein Kumpel David Alaba, der wenige Monate zuvor sein Pflichtspieldebüt für den deutschen Rekordmeister feierte, saß wegen einer Verletzung auf der Tribüne. Und auch wenn Knasmüllner nur auf der Bank Bundesliga-Luft atmen durfte - mit 18 Jahren war der Wiener dort, wo man ihn schon in ganz jungen Jahren erwartet hatte: im Konzert der Größten.

Nicht einmal vier Jahre später ist die Allianz-Arena weit weg. Die österreichische Bundesliga-Saison ist keine drei Wochen alt, und Christoph Knasmüllner hat gerade das Vormittagstraining mit der Admira absolviert. In den ersten Spielen ist er zu ein paar Kurzeinsätzen mit seinem neuen Verein gekommen. Im Gespräch auf der Haupttribüne in der Südstadt sagt er: "Mein Wechsel nach Österreich war eher ein Schritt zurück, aber dadurch kann ich vielleicht wieder zwei nach vorne machen."

Getrennte Wege
Von 2002 bis 2010 ging Knasmüllner den gleichen Weg wie David Alaba. Herbert Gager hatte die beiden einst in der Stronach-Akademie als 15-Jährige in die U17 hochgezogen. "Die beiden stachen hervor. ,Knasi' war fußballerisch vielleicht sogar das größere Talent als David", sagt Gager heute. Beide konnten Spiele im Alleingang entscheiden. Knasmüllner war ein Spielmacher vor dem Herrn, ein Regisseur mit dem Auge für den entscheidenden Pass, mit überragendem Torabschluss und einer nahezu perfekten Ballbehandlung. Wie Alaba gehörte er im U17- und U19-Nationalteam zum Stammpersonal und wechselte - ein Jahr vor seinem Mannschaftskollegen - 2008 zum FC Bayern. Mit einem großen Unterschied: der Einstellung.

"Ich habe viele Fehler gemacht und mir nichts sagen lassen", gibt Knasmüllner zu. Ob Andreas Heraf als sein Trainer in den Jugendnationalteams oder Bayern-Nachwuchschef Werner Kern - beide äußerten Unverständnis über das Verhalten eines außergewöhnlichen Kickers, der zwar wusste, was er kann, aber nicht einzusehen schien, dass er das in jedem Training zeigen musste. Diese Art von Selbstverständnis wurde bei der Austria gefördert, sagt der langjährige ÖFB-Nachwuchstrainer Helmut Kronjäger dem ballesterer: "Die herausragenden Talente sind mit Glacéhandschuhen angegriffen worden. Dann kommen sie in die richtige Welt, und es scheppert."

Nach dem Spiel in der Allianz-Arena gegen Hannover im Oktober wurde Knasmüllner noch zwei weitere Male in den Bayern-Kader einberufen, zu einem Pflichtspieleinsatz kam er nicht. Knasmüllner begann an seiner Perspektive in der Bundesliga zu zweifeln - und war dabei wohl zu ungeduldig. Während David Alaba sich im Frühjahr 2011 zum Ligakonkurrenten Hoffenheim verleihen ließ und endgültig den Durchbruch schaffte, wählte Christoph Knasmüllner den größeren Namen: Inter Mailand, Ausfahrt Italien.

Untergang in Italien
Dort schepperte es dann endgültig, Knasmüllner ging in Italien unter. U19-Teamtrainer Andreas Heraf, der ihn früher betreute, hat wenig Gutes über die italienische Ausbildung zu berichten: "Es ist nie einfach, ins Ausland zu gehen als junger Spieler", sagt er. "Aber in Italien tun sich die Spieler besonders schwer, weil die Bedingungen schlecht sind." Gemeinsam mit Knasmüllner wechselte Lukas Spendlhofer zu Inter, der Innenverteidiger ist mittlerweile ebenfalls zurück in Österreich - er ist an den SK Sturm Graz ausgeliehen.

Knasmüllner versuchte sich schnell zu integrieren, nahm privat Italienischunterricht. Die Verantwortlichen stellten Einsätze in der Serie A in Aussicht und garantierten Trainings mit der ersten Mannschaft. Die ersten Einheiten unter dem damaligen Trainer Leonardo waren vielversprechend, doch bald wurde Knasmüllner zurückversetzt und spielte nicht einmal mehr in der Jugendmannschaft der Mailänder. Er wollte wieder weg.

Nach einem halben Jahr in Italien folgte im Sommer 2011 der Wechsel zum FC Ingolstadt in die zweite deutsche Bundesliga. Auch dort jedoch gelang ihm in drei Jahren unter vier verschiedenen Trainern der Durchbruch nicht. "Ich weiß nicht, warum ich nicht vorher gehen dürfen habe", sagt Christoph Knasmüllner über diese Zeit mit gerade einmal 20 Einsätzen und zwei Toren. "Vielleicht wollten sie mir meine Karriere zerstören." Harte Worte, in denen auch ein gutes Maß an jugendlicher Naivität mitschwingt. Knasmüllner spricht im Interview leise, seine Antworten sind kurz. Nur selten entkommt ihm ein Lächeln, doch was anfangs kühl wirkt, entpuppt sich im Lauf des Gesprächs als Unsicherheit. "Viele sagen, dass ich arrogant wirke, aber wenn man mich kennt, merkt man, dass das vielleicht mein Laufstil oder meine Bewegungen sind, aber nicht meine Persönlichkeit." Er sagt immer wieder, dass es in ihm brenne, dass er unbedingt wieder spielen wolle. So richtig ausstrahlen tut er das nicht.

"Er hätte Führung gebraucht", sagt Helmut Kronjäger. "Dass er sie nicht bekommen hat, ist nicht seine Schuld." Sich und seinen Beratern überlassen, musste Knasmüllner in jungen Jahren schon viele Entscheidungen treffen - es waren fast immer die falschen. Seine Selbstsicherheit hat er dadurch aber noch nicht verloren. Als wir ihm alles Gute für die Saison wünschen, antwortet er ebenso schnell wie entschlossen: "Meine Zeit wird kommen." Die von David Alaba ist bekanntlich schon lange da. Während Christoph Knasmüllner im Spielergebäude der Admira verschwindet, geht eine Meldung über ein Testspiel in den USA durch die Medien. David Alaba führte die Bayern gegen eine amerikanische Ligaauswahl erstmals als Kapitän aufs Feld. Wie sagte Knasmüllner auf seinen alten Kumpel angesprochen: "Alaba hat es cleverer gemacht als ich." 

Foto: Adrian Engel

Referenzen:

Heft: 94
Thema: Christoph Knasmüllner
ballesterer # 115

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 20.10.2016.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png