Ein Stück vom Kuchen

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Der deutsche Neuntligist HFC Falke, der belgische Siebtligist YB SK Beveren und der irische Erstligist Cork City haben eine Gemeinsamkeit – sie werden von ihren Fans geführt. Im September traf sich das Netzwerk „Supporters Direct Europe“ zum Ideenaustausch in Hamburg.  

Nicole Selmer | 14.10.2015

Zwischen Regenschauern und den letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers absolvieren die Senioren des SC Union 03 ihr Spiel. Vor dem Vereinsheim des Hamburger Amateurklubs haben sich an diesem Samstagnachmittag Freunde und Familie zum Zuschauen eingefunden. Im Hinterzimmer des Lokals sitzen dicht gedrängt um einen großen Tisch herum Leute, die eine deutlich weitere Anreise hinter sich haben: Vertreter aus 16 Ländern sind zum Vernetzungstreffen von „Supporters Direct Europe“ gekommen. Ihre Zusammensetzung mag international sein wie ein UEFA-Komitee, sie tragen aber Trikots statt Anzügen und haben ihre Vereinsfahnen mitgebracht. Das hier ist die Fußballbasis, und es geht um Mitbestimmung und Fanrechte. Seit acht Jahren unterstützt „SD Europe“ Fußballanhänger in ganz Europa dabei, mehr Einfluss in ihren Vereinen zu gewinnen, berät Fanorganisationen beim Erwerb von Klubanteilen, Verhandlungen mit der Vereinsführung und dem Verband oder auch dabei, ihren eigenen Fußballklub zu gründen wie den AFC Wimbledon oder den FC United of Manchester.

„Wir sind ein Verein“

Diese Konsequenz zogen auch die Gastgeber des Hamburger Treffens vor etwas mehr als einem Jahr. Denn auf dem Platz des SC Union 03 trägt auch der HFC Falke seit August seine Heimspiele in der Kreisliga aus. Der Klub wurde von Fans des Hamburger Sport-Vereins gegründet, nachdem im Mai 2014 die Ausgliederung der HSV-Profimannschaft in eine Aktiengesellschaft beschlossen worden war. Statt Bundesliga steht nun neunte Liga auf dem Spielplan. Für die Premierensaison wurden 270 Dauerkarten verkauft, nach den Spielen singen Fans und Mannschaft gemeinsam: „Wir sind ein Verein, er gehört dir und mir. HFC Falke, ja, das sind wir.“

Der Wunsch nach Mitbestimmung verbindet die Fans, die zum Netzwerk von „SD Europe“ gehören. „Das Ziel ist, Fans stärker zu beteiligen und dadurch Vereine besser zu führen“, sagt Antonia Hagemann, Vorsitzende von „SD Europe“. Wie das aussehen kann, unterscheidet sich von Land zu Land. „Das, was in England funktioniert hat, kann nicht einfach auf Italien oder Belgien übertragen werden.“

Irische Erfolgsgeschichte

Bei allen Bemühungen, die Rolle der Fans im Verein zu stärken – manchmal ist es dafür einfach zu spät, weil der Verein schlicht zu existieren aufhört. Wie zum Beispiel der frühere belgische Meister KSK Beveren, der 2010 nach finanziellem und sportlichem Abstieg mit einem anderen Verein fusionierte und heute wieder in der ersten Liga spielt. Ein Teil der Anhänger gründete daraufhin im Jänner 2011 den alten Klub neu, der Mitgliederverein YB SK Beveren startete in der achten Liga. In Hamburg berichtet Jim Van de Vyver, einer der Gründer, von den Erfolgen und Schwierigkeiten der Neugründung wie der Suche nach einer Spielstätte: Erst nach langen Auseinandersetzungen gab es von der Stadt die Genehmigung, die Heimspiele auf der Anlage auszutragen, die auch der Nachfolger des früheren KSK Beveren nutzt. Die Strukturen sind demokratisch und transparent: Der gewählte Vorstand erstattet den Mitgliedern alle drei Monate Bericht über das Vereinsgeschehen; Sponsoren, Spieleinnahmen und ein Fanshop halten den Betrieb am Laufen. „Zu unseren Spielen kommen im Schnitt 300 bis 400 Zuschauer, so viele wie vier Spielklassen weiter oben“, sagt Van de Vyver. „Auch für die anderen Klubs ist das gut, sie verdienen an einem Tag so viel wie sonst während der ganzen Saison.“

In anderen sportlichen Regionen bewegt sich der Cork City FC aus Irland. „Wir müssen aufpassen, dass die Erwartungen nicht zu groß werden“, sagt Niamh O’Mahony, und die Freude über dieses Luxusproblem ist ihr anzumerken. O’Mahony ist Mitglied der „Friends of the Rebel Army Society“, kurz: Foras, das gälische Wort für Entwicklung. Die 2007 gegründete Fanorganisation erwarb nach dem Bankrott des Erstligisten Cork City die Namensrechte des Vereins sowie eine Lizenz für die zweite Liga und führt den Klub seit fünf Jahren selbst. „Alle haben uns damals gesagt ‚Das schafft ihr nicht!‘“, so O’Mahony. Inzwischen spielt der Verein wieder erstklassig, organisiert neben dem Spielbetrieb Sozial- und Bildungsprojekte, und der irische Verband ist voll des Lobes über die Arbeit des Klubs.

Lobbying bei der EU

„Geschichten wie die aus Cork sind wichtig, weil sie das Ganze greifbar machen“, sagt „SD Europe“-Vorsitzende Hagemann. Es brauche den Austausch zwischen den unterschiedlichen Organisationen, dabei gehe es zum einen um konkrete Tipps: Wie gründe ich am besten eine Fanorganisation, welche Kompetenzen braucht es für einen Vorstandsposten, wie finde ich Sponsoren für meinen Fanverein? Zum anderen transportieren gerade die Erzählungen von erfolgreichen Neugründungen eine zentrale Botschaft. „Es ist wichtig zu hören, was für Fans möglich ist“, sagt Hagemann. „Wenn Niamh die Geschichte von Cork in Spanien erzählt, wo derzeit mehrere Fanvereine entstehen, sitzen da 70 Leute im Raum und sind den Tränen nah.“

„SD Europe“ leistet jedoch auch Überzeugungsarbeit jenseits der Fußballbasis. Für die UEFA begleitet das Netzwerk die Einführung von Fanbeauftragten. Ihr Einsatz ist seit der Saison 2012/13 für alle Klubs in den europäischen Bewerben verpflichtend und ein weiterer Ansatzpunkt für die bessere Einbindung von Fans. Für das Lobbying bei Ligen und Verbänden verfügt die Organisation durch die Unterstützung der UEFA und guten Kontakt zu EU-Gremien wie der Europäischen Kommission über das nötige Standing. „Liga und Verband wünschen sich zwar Ansprechpartner auf Fanseite, sind aber mitunter misstrauisch“, sagt Hagemann. „Wir müssen dann klarmachen, dass da keine Hooligans kommen, die den Sitzungsraum auseinandernehmen.“

Nach dem zweitägigen Meeting hängen die internationalen Gäste ihre Fahnen wieder von den Wänden des Hamburger Vereinslokals, sie werden für den Besuch des Falke-Auswärtsspiels am Sonntag gebraucht, der ebenfalls zum Programm gehört. Dort gibt es Bratwurst, selbstgebackenen Kuchen und drei Punkte für den Fanverein.

Foto: Patrick Franck

Referenzen:

Heft: 106
Thema: Fanvereine
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