"Eine Fahne ist keine Waffe"

cache/images/article_2364_fahne_140.jpg Der Weg zu einer bunten Kurve ist mit Vorschriften gepflastert. Um die Auseinandersetzung um Schwenkfahnen und Stocklängen zu vereinfachen, haben Fanvertreter und Deutscher Fußball-Bund eine Empfehlung erstellt - mit kleinen Hindernissen.
Nicole Selmer | 15.09.2014

Erster Spieltag der deutschen Bundesliga: Der FSV Mainz 05 tritt bei Aufsteiger Paderborn an, die Fans präsentieren im Gästesektor eine Choreografie mit rot-weißen Fahnen und einem Spruchband. Die Fahnenstöcke durften eine Länge von maximal zwei Metern haben, die Choreografie musste zuvor vom Sicherheitsbeauftragten des Heimvereins genehmigt werden. Was in Paderborn erlaubt ist, wird beim nächsten Auswärtsspiel im Berliner Olympiastadion schwierig. Dort ist die Länge der Fahnenstöcke meist auf 1,50 Meter begrenzt, Schwenkfahnen und Doppelhalter könnten erlaubt sein - wie für die Fans von Borussia Dortmund Anfang Mai - oder auch verboten - wie beim Spiel von Eintracht Braunschweig in Berlin Ende April. "Die unterschiedlichen Regelungen sind ein Problem", sagt Alex Schulz, Sprecher der deutschlandweiten Fanorganisation "ProFans". "Ich weiß von manchen Gruppen, die je nach Auswärtsfahrt unterschiedliche Fahnen mitnehmen."

Bengalen gegen Fahnen
Die Diskussion um die je nach Standort, Liga und Gegner unterschiedlichen Vorschriften ist ein Dauerthema in den Fankurven. 2007 wurde beim vom DFB organisierten Fankongress in Leipzig ein Modell des FC St. Pauli vorgestellt, das zunächst Abhilfe versprach. Die Regelung schien den Fans einen Vertrauensvorschuss zu geben: Sämtliches Material von Trommeln über Megafon bis zu Blockfahnen war den Auswärtsfans erlaubt, solange sie sich ansonsten an die Regeln hielten. An die Regeln halten - das bedeutete dabei vor allem Verzicht auf Pyrotechnik. Eine Bengale oder ein Rauchtopf und für die nächsten fünf Gastspiele auf St. Pauli war außer einem Schal nichts mehr erlaubt.

"Die Fans haben selbst in der Hand, was sie zukünftig am Millerntor dürfen und was nicht", sagte der Sicherheitsbeauftragte Sven Brux damals. Während das Modell in den folgenden Jahren unter anderem auch bei Borussia Dortmund Anwendung fand, ist es beim FC St. Pauli in diesem Sommer nach Gesprächen zwischen Fans und Vereinsführung wieder abgeschafft worden. "Das Modell hat einmal als fortschrittlich gegolten, ist von den Fans aber zunehmend als eine Art Erpressung gesehen worden", sagt Justus Peltzer, der Fanbeauftragte des Vereins.

Das sieht auch "ProFans"-Sprecher Schulz so: "Es kann nicht sein, dass eine Fahne verboten wird, weil irgendjemand eine Bengale gezündet hat. Das hat nichts miteinander zu tun." Die Bestrafung der gesamten Kurve für ein einzelnes Vergehen und die Aufrechnung Bengalen gegen Fahnen trügen zudem dazu bei, die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen zu vertiefen, sagt Schulz. Beim FC St. Pauli soll nun von Spiel zu Spiel entschieden werden. "Wir bemühen uns, möglichst alles zu erlauben, dann schauen wir im Einzelfall noch einmal", sagt Peltzer. "Wenn eine Fanszene bei den letzten zehn Auswärtsspielen gezündelt hat, wird der Verein vermutlich keine Blockfahne erlauben, unter der das dann auch bei uns passieren kann."

Empfehlungsschreiben vom DFB
Verhandlungen um Stocklängen und Blockfahnen sollten nach Meinung von "ProFans" allerdings überhaupt ein Ende haben, die Organisation setzt sich für die generelle Freigabe von Fanmaterial ein. "Fanutensilien gehören dazu. Eine Fahne ist schließlich keine Waffe." Diesen Standpunkt haben Jakob Falk und Alex Schulz von "ProFans" gemeinsam mit anderen Fanvertretern und Fanarbeitern in der DFB-Arbeitsgruppe Fanbelange durchgefochten. Über ein Jahr lang wurde an einem Empfehlungsschreiben gewerkelt, das Fanutensilien auflistet, inklusive Definition von Schwenk-, Block- und kleinen Fahnen. "Wir haben bewusst keine Anzahl reingeschrieben, das reguliert sich in der Kurve ohnehin von selbst", sagt Schulz. "Alles, was Fans dient, die Mannschaft optisch und akustisch zu unterstützen, sollte freigegeben werden."

Das Papier nahm seinen Weg durch die Instanzen - von Fachbereichen und Kommissionen bis zum DFB-Präsidium. Klar war dabei: Es kann nur eine Empfehlung an die Vereine sein, die an weitere Vorschriften zu Versammlungen und Feuerschutz gebunden sind. Aber auch eine Empfehlung kann ein wichtiges Signal sein. "Die Erwartungen sind sehr hoch, dass sich etwas bewegt und Gespräche mit den Verbänden auch ein positives Ergebnis haben", sagt Schulz. Schließlich verschickte der DFB das Empfehlungsschreiben im Juli an die Vereine, drei Tage vor dem Start der dritten Liga. Zu spät, bekrittelte "ProFans" in einer Presseerklärung, begrüßte jedoch zugleich die gemeinsam erstellte Empfehlung zur Freigabe.

Von einer derartigen Empfehlung könne keine Rede sein, erklärte allerdings einen Tag darauf der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert in einem Zeitungsinterview. Es handle sich lediglich um den Wunsch nach einer einheitlichen Definition von Fanutensilien. Aktuell möchte der DFB zu dem Thema keinen weiteren Kommentar abgeben. "Wir sind trotz der kleinen Differenzen mit dem Papier absolut zufrieden", sagt Fanaktivist Schulz. "Wichtig ist nur, dass der DFB nun wirklich dahintersteht und nicht wieder einen Schritt zurück macht."

 

Foto: Zolles

Referenzen:

Heft: 95
Rubrik: Fansektor
Verein: DFB
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png